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Simulationspuppe zeigt Eltern die Schäden durchs Baby-Schütteln

Mithilfe der Simulationspuppen demonstriert Sozialpädagogin Jacqueline Zinn am Uniklinikum Dresden, welche schwerwiegenden Schäden schon leichtes Schütteln im Gehirn eines Baby verursachen kann. Foto: Michael Kretzschmar für das UKD
Mithilfe der Simulationspuppen demonstriert Sozialpädagogin Jacqueline Zinn am Uniklinikum Dresden, welche schwerwiegenden Schäden schon leichtes Schütteln im Gehirn eines Baby verursachen kann. Foto: Michael Kretzschmar für das UKD

Uniklinik Dresden: Bundesweit werden 200 Babys wegen Schütteltrauma behandelt, 10-30 Prozent überleben nicht

Dresden, 8. Januar 2025. Eine Simulationspuppe mit durchsichtigem Schädel und Gehirnattrappe soll werdenden Mütter und Väter künftig veranschaulichen, welche Schäden sie anrichten können, wenn sie ihr Baby schütteln. Das Familiennetz des Uniklinikums Dresden (UKD) will diese Puppe vor allem in Elternkursen einsetzen.

Tod, Erblindung, Sprachstörungen und andere Dauerschäden möglich

„Ein Schütteltrauma kann zu schweren Hirnverletzungen, bleibenden Schäden oder sogar zum Tod führen“, erklärt UKD-Medizinvorstand Prof. Uwe Platzbecker. „Wir schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr bis zu 200 Kinder aufgrund eines Schütteltraumas in eine Klinik gebracht werden“, ergänzt Dr. Monica Pleul von der Klinik für Kinderchirurgie, die zugleich zur Leitung der Kinderschutzgruppe am Universitätsklinikum gehört. „Zwischen zehn und 30 Prozent davon überleben die dabei entstandenen Hirnverletzungen nicht.“ 50 bis 70 Prozent der Babys, die mit Schütteltrauma in Kliniken gebracht werden, erleiden schwerste bleibende körperliche und geistige Beeinträchtigungen. Das sind Krampfanfälle, Erblindungen, Sprachstörungen, Lernschwierigkeiten oder Entwicklungsverzögerungen. Lediglich zehn bis 20 Prozent der Säuglinge überleben ein Schütteltrauma ohne bleibende Schäden. Allein im Uniklinikum Dresden wurden in den vergangenen fünf Jahren 17 Kinder mit einem Baby-Schüttelsyndrom diagnostiziert.

Nervenbahnen und Blutgefäße reißen

Beim Schütteln schleudert der Kopf unkontrolliert hin und her, erklären die UKD-Mediziner. Denn der Säugling kann wegen seiner schwachen Nackenmuskulatur den Kopf noch nicht allein halten. „Die gewaltsamen Bewegungen führen dazu, dass das Gehirn im Schädel hin- und hergeworfen wird. Dabei können Nervenbahnen und Blutgefäße reißen. Rein äußerlich sind diese Verletzungen oft nicht sichtbar. Die akut auftretenden Symptome könnten auch andere Ursachen haben. Typische Anzeichen sind Blässe, Reizbarkeit, Apathie, Erbrechen, Krampfanfälle oder Atemstillstand.“

Puppe schreit und signalisiert Hirnschäden

Die Schüttelpuppe soll angehenden Eltern nun verdeutlichen, was alles passieren kann: Wird die Simulationspuppe durch Schütteln aktiviert, schreit sie wie ein echtes Kind. Zudem leuchten im transparenten Kopf der Puppe rote Warn-Lampen auf, die zeigen, dass die noch zarten Gefäße im Kopf des Kindes dadurch gerissen und in der Folge Hirnblutungen entstanden wären.

Laut UKD-Angaben schreien Babys von der 2. bis zur 6. Lebenswoche im Schnitt zwei Stunden am Tag. Dies reduziert sich danach schrittweise und sinkt nach der 12. Lebenswoche auf durchschnittlich weniger als eine Stunde täglich. Liegt die tägliche Schreidauer über drei Wochen an mindestens drei Tagen der Woche bei mindestens drei Stunden, spricht man von exzessivem Schreien. Das betrifft zwischen fünf und 19 Prozent der Säuglinge.

Babys schreien, weil sie ihre Bedürfnisse noch nicht anders ausdrücken können, erläutern die Kinderärzte. Sie können erkrankt sein und schreien in der Folge der mit der Erkrankung „verbundenen Schmerzen – dann sei unbedingt eine kinderärztliche Untersuchung nötig. Ursachen können aber Müdigkeit oder Hunger sein, das Gefühl, dass es ihnen zu warm oder zu kalt ist, dass sie eine nasse oder volle Windel haben, sie eine zu laute Umgebung stört oder ihnen gerade körperliche Nähe vor allem zu Mutter oder Vater fehlt oder aber auch zu viel wird.

„Kind lieber sicher ablegen und kurz die Situation verlassen“

„Trösten Sie Ihr Kind, wenn es schreit“, rät Psychologin Josephin Jahnke. „So erlebt ihr Kind, dass sie für es da sind, und es kann Vertrauen aufbauen. Im Zweifel sollten Eltern ihr Kind lieber sicher ablegen und kurz die Situation verlassen, um ihre Emotionen abkühlen zu lassen, bevor die Situation eskaliert und es zu einer Handlung kommt, deren Folgen lebensverändernd ausfallen können.“

Hilfe können die Eltern von Kinderärzten, sogenannten „Schreiambulanzen“, den Ratgeberseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie Familien- und Erziehungsberatungsstellen bekommen. Auch bietet das Gesundheitsamt (Schrei-)Babysprechstunden an. Dafür hat die Behörde nun auch eine Schüttelpuppe bekommen hat und will diese künftig in der Präventionsarbeit einsetzen. Die Kosten von knapp 4000 Euro pro Puppe übernehme die Altmarkt-Galerie Dresden komplett, teilte das UKD mit.

Quellen: UKD, BZgA

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger