Mit Trump-Sieg „Worst-Case-Szenario eingetreten“

Deutsche Wirtschaft und Ökonomen nach Wahlausgang in USA tief besorgt
Berlin/Washington, 6. November 2024. Nach dem Sieg von Donald Trump (Republikaner) bei der US-Präsidentenwahl rechnen viele Ökonomen und Unternehmer hierzulande mit härteren Bandagen für die ohnehin gebeutelte deutsche Wirtschaft. Hauptgründe sind die protektionistische Politik und die Wirtschaftskriege, die Trump schon in seiner ersten Amtszeit entfachte, sowie die Abwehrzölle, die der Politiker in seinem jüngsten Wahlkampf gegen China, aber eben auch gegen viele andere Länder angedroht hat.
Hoffnung auf „Deals“ mit dem „Dealmaker“
Mit „massiven Herausforderungen für den exportorientierten Mittelstand“ rechnet beispielsweise der „Deutsche Mittelstandsbund“ (DMB) aus Düsseldorf. „Wir betrachten die Ankündigung Trumps, Zölle auf Importe auch aus Deutschland zu erhöhen, mit Sorge“, erklärte DMB-Vorstand Marc S. Tenbieg. „Darüber hinaus hat Trump angekündigt, die Unternehmensbesteuerung in den USA weiter zu senken. Dies könnte dazu führen, dass amerikanische Firmen im internationalen Wettbewerb begünstigt werden, was unseren Mittelstand weiter unter Druck setzen würde.“ Mut mache aber die Tatsache, „dass es uns schon einmal gelungen ist, mit dem „Dealmaker“ Trump zusammenzuarbeiten, ohne allzu großen Schaden für den deutschen Mittelstand anzurichten“.
„Die Bedeutung der globalisierten Handelsordnung, wie wir sie von früher kennen und wie sie Deutschland stark gemacht hat, wird nach dem Wahlausgang weiter an Bedeutung verlieren“, fürchtet Präsident Gero Furchheim vom „Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland“. „Die Frage ist nur, wie radikal und schnell sich der Umbruch fortsetzt.“ Europa müsse Trump eine „positive Handelsordnung“ entgegensetzen. „Das Ergebnis darf aber niemals eine Welt der gegenseitigen Abschottung und Drohung sein.“
Ausgeprägt protektionistische Agenda
Auch die Ifo-Ökonomen in München sehen nach der Trump-Wahl dunkle Wolken in den transatlantischen Beziehungen aufziehen: Der wirtschaftspolitische Kurs von Donald Trump werde Deutschland und die Europäische Union vor erhebliche Probleme stellen. „Trump verfolgt eine ausgeprägt protektionistische Agenda, die auf höhere Importzölle und stärkere Beschränkungen des internationalen Handels setzt, insbesondere gegenüber China und potenziell auch gegenüber Europa“, warnt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Deutsche Exporteure, für die die USA der größte Absatzmarkt außerhalb der EU sind, müssten mit empfindlichen Einbußen rechnen, sollte Trump seine Drohung wahrmachen und Basiszölle von 20 Prozent auf US-Importe aus der EU und 60 Prozent auf Importe aus China erheben. Diese Maßnahmen des erneut gewählten US-Präsidenten würden allein in Deutschland einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden von 33 Milliarden Euro bedeuten. Das ifo Institut schätzt, dass die deutschen Exporte in die USA damit um etwa 15 Prozent zurückgehen könnten. Zusätzlich würden die Ausfuhren nach China um 10 Prozent sinken, weil Chinas Exporte in die USA massiv zurückgehen würden.
Ifo-Forscher: Europa sollte hart gegenhalten
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich die USA weiter von einer offenen, globalen Zusammenarbeit entfernen“, warnt auch Lisandra Flach, die das Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft leitet. „Deutschland und die EU müssen nun ihre Position durch eigene Maßnahmen stärken. Dazu gehören eine tiefere Integration des EU-Dienstleistungsmarktes und glaubwürdige Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den USA“, so ihre Empfehlung. So könnte beispielsweise das von der EU neu geschaffene Anti-Coercion-Instrument genutzt werden. Es sieht neben Zöllen weitere Gegenmaßnahmen bei wirtschaftlichem Zwang vor. Außerdem könnten Deutschland und die EU die Zusammenarbeit mit einzelnen US-Bundesstaaten verstärken.
„Worst-Case-Szenario eingetreten“
Für das „Institut der Deutschen Wirtschaft“ (IW) aus Köln ist gar das „Worst-Case-Szenario eingetreten“. „Schon heute können sich Unternehmen auf einen teuren Handelskrieg einstellen, der nach IW-Berechnungen über die kommenden vier Jahre 180 Milliarden Euro kostet“, warnt IW-Direktor Michael Hüther. „Was noch auf die Wirtschaft zukommt, weiß bei der Wundertüte Trump noch niemand.“
„Wirtschaftlich schwierigster Moment in Geschichte der Bundesrepublik“
Als „wirtschaftlich schwierigsten Moment in Geschichte der Bundesrepublik“ stuft derweil das Kieler Institut für Wirtschaftsforschung (IfW Kiel) den Wahlsieg Trumps ein: „Zur inneren Strukturkrise kommen nun massive außenwirtschaftliche und sicherheitspolitische Herausforderungen auf uns zu, auf die wir nicht vorbereitet sind“, meint IfW-Präsident Moritz Schularick. „Trumps wirtschaftspolitischen Maßnahmen dürften protektionistische Zölle und Einfuhrbeschränkungen umfassen, die das Wachstum in Deutschland und Europa weiter belasten werden.“ Eine Emanzipation sei auch im Verteidigungssektor nötig, notfalls auch zu Lasten der Schuldenbremse: „Es war kurzsichtig und verantwortungslos, unsere eigene Sicherheit von Swingwählern in den USA abhängig zu machen, das rächt sich jetzt. Wir müssen kurzfristig massiv in Verteidigungskapazitäten investieren und mit Frankreich und anderen willigen europäischen Partnern vorangehen, um eine europäische Verteidigung aufzubauen.“
Bitkom: Politik darf Unternehmen nicht länger mit Regulierungskorsett die Luft abschnüren
„Wer es vor acht Jahren noch nicht verstanden hat, muss jetzt wach werden: Die USA werden sich dauerhaft von Europa ab- und dem asiatisch-pazifischen Raum zuwenden“, meint Präsident Ralf Wintergerst vom deutschen Digitalverband „Bitkom“ aus Berlin. „Unsere größten Herausforderungen müssen wir künftig eigenständig lösen: eine CO2-freie, stabile Energieversorgung, digitale Souveränität, Schutz vor hybriden und militärischen Angriffen.“ Dies werde aber nicht gelingen, wenn die Politiker den deutschen Unternehmen „mit einem engen Regulierungskorsett die Luft abschnüren und uns in politischer Kleinstaaterei verlaufen, sowohl in Deutschland als auch in Europa“.
Autor: hw
Quellen: IW, Ifo, Bitkom, DMB

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