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IW-Studie: „Dexit“ würde Deutschland 690 Milliarden Euro kosten

Grenze, Zuwanderung, Grafik: Dall-E / hw

Grafik: Dall-E / hw

Durch EU-Austritt würde Bundesrepublik zudem Millionen Arbeitsplätze einbüßen

Köln, 19. Mai 2024. Durch einen deutschen Austritt aus der EU („Dexit“), wie ihn die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) immer wieder mal zur Diskussion gestellt hat, würde Deutschland Milliarden an Wertschöpfung und Millionen Arbeitsplätze einbüßen. Das hat das „Institut der deutschen Wirtschaft“ (IW) aus Köln in der Studie „Brexit – Kein Vorbild für Deutschland“ ausgerechnet.

Verlust wäre vergleichbar mit kombinierter Corona- und Energiekrise 2020-23

Demnach wäre würde solch ein EU-Austritt Deutschland in naher Zukunft rund 6,9 Milliarden Euro sowie etwa 2,5 Millionen Arbeitsplätze kosten: Nach fünf Jahren werde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) dadurch um 5,6 Prozent geringer ausfallen. „Der Verlust wäre vergleichbar mit dem der Corona- und Energiekrise zusammen“, warnen die IW-Forscher.

Die IW-Prognose zu den Kosten eines deutschen EU-Austritts. Grafik: EU

Die IW-Prognose zu den Kosten eines deutschen EU-Austritts. Grafik: EU

Ökonomen verweisen auf Brexit als Negativbeispiel

„Unsere Analyse zeigt, dass der Brexit kein nachahmenswertes Unterfangen ist“, betont Studienautor und IW-Chef Hubertus Bardt. „Der Austritt hätte katastrophale Folgen für die Unternehmen, den Standort Deutschland und die Menschen hierzulande.“ Der Brexit und die negativen Erfahrungen seien eine Warnung für andere Mitgliedstaaten, die wirtschaftliche Integration leichtfertig aufzugeben. „Wir sollten auch nicht vergessen, dass es in der EU nicht nur um Wohlstand, sondern auch um Offenheit, Freiheit und Frieden geht“, unterstreicht Bardt.

Ein Brexit, also ein EU-Austritt der Briten, würde auch Deutschland schaden und die EU strategisch ändern. meint ifo-Präsident Clemens Fuest. Montage: hw, Flaggenabb.: EU-Kommission, Wikipedia, UK, Public Domain

Montage: hw, Flaggenabb.: EU-Kommission, Wikipedia, UK, Public Domain

Hintergrund: Die Schuldenkrise in Griechenland und weiteren südeuropäischen Ländern sowie dann vor allem der britische EU-Austritt hatten die Befürchtung geweckt, dass dies „zentrifugale Kräfte in anderen Mitgliedstaaten der EU stärken und weitere Austritte folgen könnten“. Der Brexit hatte sich allerdings als komplizierter und langwieriger als von den Befürwortern gedacht herausgestellt. Zudem gibt es viele Indizien, dass die von vielen Briten erhofften Einspar-Effekte so nicht eingetreten sind. Zudem standen im Transportgewerbe und anderen Wirtschaftssektoren Großbritanniens nach dem vollzogenen Brexit nicht mehr ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung.

Austritts-Debatten auch in anderen Ländern – doch keine ernsthaften Vorstöße mehr

Dennoch entzündeten sich in mehreren EU-Ländern immer wieder Diskussionen, es den Briten gleich zu tun, sei es nun in den Niederlanden, Frankreich oder eben in Teilen Deutschlands. In der Praxis aber gab es nach dem Brexit keine ernsthaften Austrittsversuche mehr. „Die teilweise aggressive EU-Kritik geht nicht so weit, die umfangreichen Vorteile der europäischen Integration aufgeben zu wollen, wobei dies auch taktisch bedingt sein kann“, meinen die Studienautoren mit Blick auf die EU-kritischen Vorstöße etwa von Le Pen in Frankreich, Geert Wilders in den Niederlanden, Viktor Orban in Ungarn oder Giorgia Meloni in Italien. Auch die AfD hat sich in ihrem in Magdeburg verabschiedeten Wahlprogramm zuletzt nicht mehr eindeutig einen EU-Austritt gefordert – wobei die dort geforderte „Neugründung einer europäischen Wirtschafts- und Interessengemeinschaft“ auf Ähnliches hinausläuft. Ein Hintergrund dafür dürfte sein, dass der Brexit eben bisher nicht so erfolgreich verlief wie von vielen EU-Kritikern erwartet. Zudem gibt es auch in Deutschland eine recht stabile Mehrheit gegen einen Dexit.

„Eher eine Untergrenze der wirklichen Schäden“

Für ihre Prognose, wie teuer ein deutscher EU-Austritt wäre, gaben die IW-Studienautoren in der Tat als Schätzbasis die Brexit-Wirkungen in Großbritannien verwendet. Auf dieser Basis haben sie eine „Synthetische Kontrollmethode“ genutzt, um die hypothetischen Szenarien „Dexit“ und EU-Verbleib für Deutschland hoch zu rechen. Dabei haben sie unter anderem aus den Bexit-Wirkungen in britischen Regionen mögliche Entwicklungen für deutsche Bundesländer bei einem Dexit synthetisiert. Und die daraus abgeleitete Prognose sei wohl sogar „eher eine Untergrenze der wirklichen Schäden eines Dexits“, warnen sie. So gehen sie davon aus, dass eine exportorientierte Nation wie Deutschland besonders unter einem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt leiden würde. Auch „dürfte die schon aufgrund der geografischen Lage engere Verflechtung Deutschlands mit den EU-Mitgliedstaaten höhere Kosten eines EU-Austritts zur Folge haben als für das UK.“ Zudem rechnen sie mit negativen Wirkungen, wenn Deutschland den Euro wieder abschaffen würde.

Autor: hw

Quellen: IW, Statista, DLF, Oiger-Archiv, Wikipedia, AfD

Wissenschaftliche Publikation:

„Brexit – Kein Vorbild für Deutschland“ von Hubertus Bardt, Lennart Bolwin, Berthold Busch und Jürgen Matthes, in: „IW-Trends 2/2024“, Fundstelle im Netz hier

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt