Chlorfabrik soll mit Ökostrom-Spitzen Wasserstoff liefern

Im „H2 Flex“-Projekt im Bitterfeld erproben Ingenieure, wie sich die Netzprobleme der Energiewende durch Chemiewerke abfangen lassen
Bitterfeld/Dresden, 10. November 2019. Nicht nur Großbatterien oder Pumpspeicherwerke, sondern auch ganze Chemiewerke könnten künftig als Energiespeicher dienen. Sie sollen die Energiespitzen und -täler abfangen, die durch Solar- und Windkraftanlagen entstehen, wenn zum Beispiel der Wind auffrischt oder abflaut beziehungsweise die Sonne mal hinter Wolken verschwindet und dann wieder auf die Solarpaneele strahlt. Im Projekt „H2 Flex“ wollen nun mitteldeutsche Ingenieure diese Speichertechnik mit einem 30-Megawatt-Chlor-Elektrolysewerk des „Nouryon“-Konzern in Bitterfeld erproben.
Anlagen wurden für stetigen Betrieb projektiert – nun sollen sie ständig hoch- und runterfahren
„Wir wollen unter anderem erproben, wie unsere Anlagen auf Netzschwankungen reagieren, wenn wir sie schnell hoch- oder herunterfahren“, erklärte „H2 Flex“-Projektkoordinator Stefan Kauerauf von Nouryon Deutschland am Rande einer Konferenz des Wasserstofftechnologie-Forschungsverbundes „Hypos“ in Dresden. „Für solch einen Betrieb wurden sie ursprünglich nicht konstruiert. Wir müssen also klären, ob sie dann noch stabil und wirtschaftlich arbeiten.“
Nouryon-Fabrik zerlegt Salz in Chlor, Natronlauge und Wasserstoff
Das Chemieunternehmen Nouryon betreibt in Bitterfeld unter anderem eine Anlage, die Salz in Chlor, Natronlauge und Wasserstoff zerlegt. Der Prozess ist energieaufwendig, daher verbraucht er viel Strom. Wasserstoff ist dabei bisher eher ein Nebenprodukt, das Nouryon an Linde verkauft. Dieses Gas ist allerdings auch ein interessanter und vergleichsweise sauberer Energieträger für Brennstoffzellen und Wasserstoffmotoren – bei der Verbrennung entsteht im Idealfall nur Wasser.
Bis zu 1,5 Gigawatt deutschlandweit
Die Idee ist nun, die Chlor-Elektrolyseanlage durch die Spitzen aus erneuerbaren Energiequellen zu betreiben und diese Energie in Form von Wasserstoff in großem Maßstab zu speichern. „Wenn man alle Kapazitäten in Deutschland zusammenrechnet, kommen wir auf ein Potenzial von 1,5 Gigawatt für diese Technik“, schätzte Stefan Kauerauf ein. Als Ausgangsprodukt brauche man Salz und Ökostrom, als Endprodukt bekomme man „grünen Wasserstoff“ – damit meint er umweltfreundlich erzeugten Wasserstoff.
Bund schießt 1,17 Millionen Euro zu
Allerdings ist all dies in der Praxis als es klingt. Daher beteiligen sich am Hypos-Teilprojekt „H2 Flex“ neben Nouryon, Linde und dem Energiekonzern Envia-M auch mehrere Wissenschaftler. Forscher der Uni Leipzig beispielsweise erstellen ein ökonomisches Modell für den neuen Auf- und Ab-Betrieb der Chlor-Anlage, während Experten der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) dazu die physikalischen Modelle entwickeln. Die „H2 Flex“-Entwicklungen sollen Anfang 2022 abgeschlossen sein und etwa 1,77 Millionen Euro kosten. Davon sind 1,17 Millionen Euro Förderzuschüsse vom Bundesforschungsministerium.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Interview mit Stefan Kauerauf, Nouryon, H2 Flex, Hypos

Ihre Unterstützung für Oiger.de!
Ohne hinreichende Finanzierung ist unabhängiger Journalismus nach professionellen Maßstäben nicht dauerhaft möglich. Bitte unterstützen Sie daher unsere Arbeit! Wenn Sie helfen wollen, Oiger.de aufrecht zu erhalten, senden Sie Ihren Beitrag mit dem Betreff „freiwilliges Honorar“ via Paypal an:
Vielen Dank!

