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„Verachtung“: Spannender Politthriller um Rassenwahn von Dänemarks Krimi-Star Adler Olsen

Cover Verachtung Abb.: dtv

Abb.: dtv

Um Rassenwahn und Diskriminierung hat Dänemarks Star-Autor Jussi Adler-Olsen seinen neuen Krimi „Verachtung“ gestrickt, den in den vierten Teil seiner Reihe um Carl Mørck und das Kripo-Sonderdezernat Q. Wie schon in den Vorgängern jongliert Adler-Olsen dabei raffiniert mit den Zeitebenen, spannt den Bogen vom Nachkriegs-Dänemark bis in die Gegenwart – und hat wieder einen sehr spannenden Nervenkitzler mit politischer Botschaft abgeliefert.

Dänemark in den 1950ern: Eugenik und der Wahn, einen „besseren Menschen“ zu züchten, stecken noch in vielen Köpfen und dies schlägt sich auch in höchst zweifelhaften Gefängnisheimen für „liederliche und unverbesserliche Weibsbilder“ nieder. Auch das verwaiste Dorfmädchen Nete gerät in die Mühlen der gesellschaftlichen Ächtung, wird zwangssterilisiert, misshandelt, stigmatisiert von hochmütigen „Bessermenschen“.

Bruderschaft fanatischer Eugeniker

60 Jahre später, im Jahre 2010, bekommt Carl Mørck vom Kopenhagener Sonderdezernat Q einen Stapel uralter ungelöster Fälle auf den Tisch: Menschen, die alle an einem Tag im September 1987 verschwanden. Nach und nach pulen Mørck, sein Assistent Assad und seine schizophrene Sekretärin Rose die Zwiebelschalen der Geschichte und stoßen auf eine seit Jahrzehnten agierende geheime Bruderschaft faschistoider Ärzte – und den Rachefeldzug einer Frau, die um ihre Zukunft betrogen wurde.

 Video vom Verlag: Interview mit dem Autor:

Im Gegensatz zu manch anderem Thriller-Autor merkt man Adler-Olsen im neuen Werk keine Müdigkeit in Stilistik und Fabulierlust an. Seine Stärken liegen zweifellos darin, seine Geschichten elegant zu verschränken, präzise zu erzählen und dabei auf jeder Seite die Spannung zu halten. Nicht zuletzt überzeugen immer wieder die Charaktere, die er da zeichnet, die Motive, die er herausarbeitet, das Konglomerat aus Hass, Müdigkeit, Beutelust und Urtrieben.

Politische Botschaft etwas dick aufgetragen
Jussi Adler-Olsen. Abb.: P. Jorgensen, dtv

Jussi Adler-Olsen. Abb.: P. Jorgensen, dtv

Etwas stolpern mag man allerdings über das manchmal etwas vordergründige Mühen des Autors, politische Botschaften in seinen Krimi einzubauen, auch neigt er dazu, seine Bösewichte zu holzschnittartig zu zeichnen. Und er scheint der Kombinationsgabe seiner Leser nicht mehr ganz so zu vertrauen wie früher: Lebte zum Beispiel die Hochspannung im Erstling „Erbarmen“ auch stark davon, dass man lange, lange über den Abstand der Zeitebenen rätselte und daher nicht wusste: „Kommt Mørck zu spät?“, datiert Adler-Olsen seine Teilgeschichten inzwischen – eigentlich schade. Auch wird sich der moderne Leser 2.0 darüber ärgern, dass auf Betreiben des Autors die eBuch-Variante erst mit einem halben Jahr Verspätung, nämlich im März 2013 kommen soll (Der Oiger berichtete).

Sieht man von diesen eher peripheren Schwachpunkten ab, ist dem Dänen wieder einmal ein fesselnder Thriller gelungen, spannend bis zum letzten Kapitel, den man einfach nicht beiseite legen kann. Nicht ganz so aufwühlend wie noch „Erbarmen“ vielleicht, aber doch „großes Kino“ – verfilmt werden sollen die Mørck-Krimis übrigens demnächst tatsächlich. Heiko Weckbrodt

Jussi Adler-Olsen: „Erbarmen“, dtv München 2012 (Original: Kopenhagen 2010), 544 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-423-28002-0

Leseprobe: hier

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