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Buch „Das Silber der Wettiner“ – vieles bleibt nebulös

Dinglingers Hofstaat des Großmoguls. Abb.: SKD

Dinglingers Hofstaat des Großmoguls. Abb.: SKD

Große Kriegsherren waren unter den Wettinern selten, der wohl berühmteste aus diesem Fürstengeschlecht – August der Starke – machte eher durch sexuelle Eskapaden und Prunk von sich reden als durch heldenhafte Taten auf dem Schlachtfeld. Die prunkvolle „Türckische Cammer“ im Dresdner Residenzschloss erzeugt zwar den Eindruck reicher Kriegsbeute aus den Feldzügen gegen die Osmanen – tatsächlich aber kauften die Kurfürsten einen Großteil der Stücke schlicht zusammen.

Vielmehr machten Kunstsinn, Ränkespiel und geschickte Diplomatie die Wettiner im Reich bekannt – bis hin zum starken August, der sich so die polnische Königskrone sicherte und sich zeitweise gar Hoffnungen auf die Kaiserwürde gemacht haben soll. Durch all diese Schachzüge, vor allem aber eine systematische Sammelpolitik galten die Wettiner in der Barockzeit als eine der kunstschatzreichsten Familien des deutschen Hochadels – und dieser Schatz bewegt bis heute die Gemüter. Große Teile davon wanderten nach der Fürstenenteignung 1924-1926 in die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsen, ein anderer Teil – darunter Gemälde, kostbare Porzellane und Silbergeschirre – wurden den Wettinern damals als Privatbesitz vertraglich zugesichert.

Davon wiederum verschwanden große Teile unter teils myteriösen Umständen gegen Ende des II. Weltkriegs. Schloss Sibyllenort in Schlesien, wo der letzte sächsische König Friedrich August III. nach seiner Abdankung („Dann macht doch euern Dreck alleene“) bis zu seinem Tod 1932 residierte, wurde 1945 von der Wehrmacht 1945 gesprengt. In welchem Maße zuvor Kunstgegenstände von dort nach Moritzburg verbracht wurden, wo inzwischen Prinz Ernst Heinrich als Vermögensverwalter des Hauses Wettin lebte, ist nicht völlig klar. Sicher sind indes zwei weitere Geschehnisse: Ein Teil der Wettiner-Schätze – darunter Archivunterlagen – gingen beim Luftangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 mit dem Palais an der Parkstraße 7 in Flammen auf. Ein anderer Teil – darunter das Silber der Wettiner und wertvolle Porzellane – wurden 1945 teils durch Prinz Ernst Heinrich und dessen Söhne, teils durch Vertraute im Moritzburger Forst, im Schloss Moritzburg und in der nahen Reichenberger Kirche vergraben und eingemauert.

Abb.: Links-Verlag

Abb.: Links-Verlag

Dem Weg dieser vergrabenen Schätze ist der Journalist Georg Kretschmann in seinem Buch „Das Silber der Wettiner- Eine Schatzsuche zwischen Moskau und New York“ 1995 nachgegangenen. Auf der Basis von Zeitzeugenbefragungen und und gesichteten – bis dahin unbekannten –  Aufzeichnungen berichtet er darin, wie der sowjetische Geheimdienst NKWD einen Teil des Wettiner-Silbers nach dem Krieg im Moritzburger Wildgehege ausgruben und auch die Porzellansammlung aus der Reichenberger Kirche beschlagnahmten. Was Kretschmann in seinem Buch als Vermutung nahelegt, sollte sich kurz darauf bewahrheiten: Im Herbst 1996 fanden Schatzsucher im Moritzburger Forst weitere Teile des Wettiner-Schatzes – und man kann durchaus mutmaßen, dass Prinz Ernst Heinrich das Wissen um weitere versteckte Depots – in der DDR für ihn außer Reichweite – 1971 mit ins Grab nahmen.

Kritisch anzumerken ist, dass Kretschmann sein Buch partout dramaturgisch aufwerten wollte und dabei mehr und mehr von einer stringenten, logischen Erzählung abweicht. Auch füllt er Recherchelücken offensichtlich, indem er Szenen aus der Vergangenheit mehr oder minder erfindet, die auf kaum mehr als vagen Hinweisen beruhen. Da er keine Einzelquellen-Angaben (im Sinne eines wissenschaftlichen Anmerkungsapparates) eingearbeitet hat, weiß man daher leider nicht, auf welche Angaben man sich bei ihm verlassen kann und auf welche nicht.

Zwei Jahre später, nachdem die neuen Funde bekannt wurden, hat Kretschmann übrigens mit „Der Schatz der Wettiner – Der Sensationsfund in Sachsen“ gemeinsam mit Dirk Syndram, dem Direktor des „Grünen Gewölbes“ Dresden, eine neues Buch zum Thema veröffentlicht. Heiko Weckbrodt

Georg Kretschmann: „Das Silber der Wettiner- Eine Schatzsuche zwischen Moskau und New York“, Ch. Links Verlag, Berlin 1995

Leseprobe: hier

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