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Weltweit 1. Carbonbeton-Fabrik startet 2029 in Leipzig

Massiver Robotereinsatz, digital gesteuerte Abläufe und der Einsatz von Carbonbeton sollen die "C-Factory" zum Musterbeispiel machen, wie die Bauindustrie in Deutschland und Europa sparsame, preiswerte und ökologische Bauweise unter ein Dach bringen. Visualisierung: KI Chat-GPT, Prompt: Heiko Weckbrodt
Massiver Robotereinsatz, digital gesteuerte Abläufe und der Einsatz von Carbonbeton sollen die „C-Factory“ zum Musterbeispiel machen, wie die Bauindustrie in Deutschland und Europa sparsame, preiswerte und ökologische Bauweise unter ein Dach bringen. Visualisierung: KI Chat-GPT, Prompt: Heiko Weckbrodt

Millionenteures Entwicklungswerk soll globale Bauwirtschaft umkrempeln und umweltfreundlicher machen

Leipzig/Dresden, 30. März 2026. Das weltweit erste reine Carbonbetonwerk entsteht ab Ende 2026 unter dem Namen „C-Factory“ in Leipzig-Lindenau und soll binnen drei Jahren produktionsbereit sein. Das hat Geschäftsführer Matthias Tietze vom „C-Factory“-Konsortialführer „Kahnt & Tietze“ heute mitgeteilt.

Staat finanziert zwei Drittel der 21,5-Millionen-Investition

Die Investitionskosten für die innovative Forschungs- und Entwicklungsfabrik kalkuliert Tietze auf etwa 21,5 Millionen Euro. Davon sind 14,7 Millionen Euro Zuschüsse vom Bundeswirtschaftsministerium, das damit den ökologischen Umbau und die digitale Transformation der deutschen Bauwirtschaft fördern will. Ab 2029 soll die „C-Factory“ („C“ steht dabei für Carbon) hochautomatisiert Fertigbauteile für Wohnhäuser, Bürokomplexe, Schulbauten und andere Bauvorhaben aus Carbonbeton herstellen – eine besonders nachhaltige, material- und energiesparende Betonvariante, die mit Kohlenstoff-Netzen statt Stahl bewehrt wird.

Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA
Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA

„Dass sich Gebäude künftig als CO₂- Senke nutzen lassen, ist mit Blick auf die industrielle Transformation und den Klimaschutz revolutionär.“
Sächsischer Wirtschaftsminister Dirk Panter

Das Carbonbetonwerk sei ein „Meilenstein für die Bauindustrie“, lobt der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) das gemeinsame Vorhaben. Es ebne den Weg für einen grundlegenden Wandel in der Bauwirtschaft: von einem der größten Erzeuger von Treibhausgasen hin zu einer CO2-Senke. „Sachsen wird damit beweisen, dass Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz zusammenpassen.“

Die Roboterbox veranschaulicht, wie Kohlenstofffaserbänder in der "C-Factory" zu Carbonbeton verarbeitet werden sollen. Foto: Heiko Weckbrodt
Die Roboterbox veranschaulicht, wie Kohlenstofffaserbänder in der „C-Factory“ zu Carbonbeton verarbeitet werden sollen. Foto: Heiko Weckbrodt

Ökoschub für Bauindustrie durch CO2-Speichertechnologie

Gemeint ist damit: Die Fabrik setzt durch eine hochautomatisierte, digitale gesteuerte Fertigung durch Roboter Maßstäbe für produktiven Betonplattenbau, der sich auch in einem Hochlohnland wie Sachsen rechnet. Andererseits bindet das Werk während seiner Fertigung ein Treibhausgas, statt es zusätzlich freizusetzen wie so viele Betriebe der Bauindustrie: Ein Schwenk-Zementwerk in Sachsen-Anhalt presst Kohlendioxid (CO2), das als Abprodukt seiner Zementproduktion entsteht, in Druckbehälter und liefert es künftig in die C-Factory Leipzig. Die verwendet das Treibhausgas dann als Zuschlagstoff.

Carbonbeton ist mit Carbonnetzen statt Stahl armiert. Links unten ist Henningsdorfer Zugsstahl zu sehen, wie er in der inzwischen eingestürzten Carolabrücke in Dresden verbaut wurde. Foto: Heiko Weckbrodt
Carbonbeton ist mit Carbonnetzen statt Stahl armiert. Links unten ist Henningsdorfer Zugsstahl zu sehen, wie er in der inzwischen eingestürzten Carolabrücke in Dresden verbaut wurde. Foto: Heiko Weckbrodt

Carbon- versus Stahlbeton: Halbierte Wände, massive Ersparnis von Zement und Energie

Außerdem versprechen die Carbonbeton-Erfinder um den – inzwischen emeritierten – Dresdner TU-Professor Manfred Curbach eine lange Lebensdauer für Carbonbeton-Häuser und -brücken: Ihr innovativer Leichtbaustoff soll Wind, Wetter und Regen deutlich länger standhalten als Stahlbeton, wie er etwa in der eingestürzten Carolabrücke verbaut wurde. Vor allem aber ermöglicht Carbonbeton durch seine besondere Stabilität und sein geringes Gewicht halb so dicke Betonwände, grazilere Bauweisen und unterm Strich bis zu 80 Prozent weniger Material- und Energieeinsatz in der gesamten Wertschöpfungskette vom Sand und heißgebrannten Kalk bis hin zum fertigen Gebäude.

Prof. Manfred Curbach steht neben einer Treppe und einem Muster, die zeigen, wie dünn und doch stabil mit Carbonbeton gebaut werden kann. Foto: Heiko Weckbrodt
Prof. Manfred Curbach. Foto: Heiko Weckbrodt

Carbonbeton-Pionier Prof. Curbach bewies langen Atem: Ein Vierteljahrhundert Vorlaufforschung

Die C-Factory hat eine lange Vorgeschichte: Nach der Jahrtausendwende forschten Prof. Curbach und seine Kollegen vom Dresdner TU-Lehrstuhl für Massivbau verstärkt an Alternativen für den schweren, korrosionsempfindlichen und wenig umweltfreundlichen Stahlbeton, der seit über 150 Jahren weltweit massenhaft verwendet wird. Statt Stahl bewehrten die Forscher ihren Leichtbaustoff mit textilen Netzen und dann vor allem mit Carbonfaser-Netzen. Zwar dauerte es viele Jahre, bis das neue Baumaterial einsatzbereit war – doch irgendwie hatte Manfred Curbach wohl den richtigen Riecher: Versuchsweise entstanden zunächst Stadtmöbel und kleinere Brücken versuchsweise aus Carbonbeton, dann realisierte Sachsen damit bis dahin kaum machbare Sanierungsprojekte wie den Bayerbau und dann entstand mit dem „Cube“ am TU-Campus Dresden-Süd das weltweit erste komplette Carbonbeton-Haus.

Carbonbeton-Haus "Cube" in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Carbonbeton-Haus „Cube“ in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Einsturz der Carolabrücke sei dann wie ein „Menetekel“ für den weiteren Einsatz von Stahlbeton gewesen, meint Wirtschaftsminister Panter: Der Henningsdorfer Stahl habe vorzeitig durch Korrosion nachgegeben, der mit Carbonbeton erweiterte Brückenzug aber habe gehalten.

KI und Sensoren sollen verhindern, dass sich ein plötzlicher Brückeneinsturz wie hier die Carolabrücke in Dresden ohne Weiteres wiederholen kann. Foto: Heiko Weckbrodt
Im Einsturz der stahlbewehrten Carolabrücke in Dresden sieht Wirtschaftsminister Dirk Panter als „Menetekel“, also als Warnung vor einem weiteren Masseneinsatz von Stahlbeton. Foto: Heiko Weckbrodt

Erste Betonwerke in Riesa und Leipzig begann, nebenher und zunächst versuchsweise auch Platten und andere Teile aus dem neuen Baumaterial herzustellen. Derweil trieb die „Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur“ (HTWK) Leipzig den Transfer in die Praxis voran und installierte ein Technikum für die prototypische Carbonbeton-Produktion mit Roboter. Aus der Hochschule heraus entstand als Ausgründung auch der heutige Konsortialführer „Kahnt & Tietze“.

So etwa soll es in der C-Factory zugehen: Starke Roboter-Einsatz und digitale Steuerung. Visualisierung:  Kahnt & Tietze GmbH + Vollert Anlagenbau
So etwa soll es in der C-Factory zugehen: Starke Roboter-Einsatz und digitale Steuerung. Visualisierung: Kahnt & Tietze GmbH + Vollert Anlagenbau

Als Zwischenschritt zur europaweiten Massenproduktion gedacht

Deren „C-Factory“ gilt nun als wichtiger Zwischenschritt zur Massenproduktion: Sie soll durch konsequente Hochautomatisierung und digitale Lösungen besonders effizient kleine und mittlere Carbonbeton-Serien herstellen. Diese Bauteile verarbeiten dann Baufirmen erstmals in Mehrfamilienhäusern und anderen größeren Projekten. Am Projekt beteiligen sich

„Uns alle motiviert das Ziel, mit der C-Factory die Emissionen im Bauwesen deutlich zu senken.“
Alexander Kahnt, Mitgründer von „Kahnt & Tietze“

Bewähren sich die Innovationen in puncto Fertigungstechnologie, Baumaterial und Einsatz auf der Baustelle in der Praxis, wollen die Konsortialpartner diese Technologien binnen zehn Jahren in eine europaweite Massenproduktion überführen. „Wir bringen eine Technologie, die bisher vor allem in Forschung und Pilotprojekten existiert hat, in die industrielle Realität“, verspricht Matthias Tietze.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Termin (Projektstart) im Cube Dresden, Auskünfte SMWA, TUD, HTWK Leipzig, Kahnt & Tietze, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger