Erlebnis statt Autobau: Nächster Neustart für VW-Manufaktur Dresden

Autonomes Fahren, Führungen, Tagungen, Schülerlabor sollen für Auslastung nach Ende der ID3-Produktion sorgen
Dresden, 29. Januar 2026. Nach dem Ende der Autoproduktion in Dresden setzt Volkswagen auf mehr Schaufertigung, Führungen, Probefahrten, Tagungen und ein Schülerlabor, um die Gläsernen Manufaktur auszulasten. Außerdem ist geplant, mehr Flotten-Testfahrzeuge von Partnern wie Cariad, Bosch und Audi so umzurüsten, dass sie autonom fahren können. Letzteres ist auch als Andockklammer für den „Innovationscampus“ gedacht, den die Dresdner Uni in der anderen Hälfte der Manufaktur einrichten will. Das geht aus Ankündigungen von Standortleiter Martin Goede für das Jahr 2026 hervor.
Besucher können auch selbst mitmontieren
Herzstück der VW-Aktivitäten im Hause soll fortan das sein, was die Manufaktur schon immer besonders gemacht hat, aber in Zeiten echter Produktion von Phaeton, Golf und ID3 eher der Nebeneffekt war: Die Besucher können zuschauen, wie ein Auto Schritt für Schritt entsteht, dürfen nun sogar herantreten und die Monteure ausfragen, was früher so nicht möglich war. „Wir wollen den Besuchern zeigen, wie Autos bei Volkswagen hergestellt werden“, betont Goede. Solch produktionsnahe Einblicke bis hin zu Selbstmontagen durch die Besucher seien in einem normalen Automuseum jedenfalls nicht möglich.
Video (hw) von der Schauproduktion:
Autofertigung nur noch zum Schein
Nur eben mit dem Unterschied, dass all dies nun nur noch interaktive Schaustationen sind: Was die Arbeiter da für die Augen der Zuschauer montieren, wird hinterher wieder abgebaut, bis zum nächsten Mal – und immer so weiter in der Schleife. „Da muss man sich dran gewöhnen“, brummelt einer der Monteure auf der Schuppe, wie das hölzerne „Fließband“ in der Manufaktur genannt wird.

„Erlebniswelt Fahrzeugbau“ soll 100.000 Besucher anziehen
Insgesamt 30 Männer und Frauen von der früheren Automontage hat VW für diese Schau abgestellt. Andere Mitarbeiter führen die Besucher durch die Manufaktur, erklären Schulklassen, wie ein Elektroauto funktioniert, machen aus der Übergabe von Autos an VW-Kunden ein buntes Erlebnis und dergleichen mehr. Insgesamt rechnet der Chef mit rund 100.000 Jahresbesuchern in der „Erlebniswelt Fahrzeugbau“, zusätzlichen Probefahrten und Auslieferungen.
Kleine, aber wachsende Abteilung für „Autonomes Fahren“ aufgebaut
In einem versteckten und gegen neugierige Blicke abgeschirmten Bereich der Manufaktur wächst derweil die Abteilung für autonomes Fahren – ein Wachstumsfeld für die Manufaktur, wie Standortleiter Goede meint: Öffentlich kaum wahrgenommen, haben Thomas Kunert und seine Kollegen dieses noch kleine Geschäftsfeld in den vergangenen zweieinhalb Jahren aufgebaut. Seither hat das Team insgesamt rund 200 Serienautos von Flottenbetreibern mit Radomen, Lidar- und Radarsensoren sowie Steuer- und Auswerteelektronik nachgerüstet. Die so ertüchtigten Fahrzeuge können dann teilautomatisiert allein fahren. Die Kunden wollen mit den in Dresden umgerüsteten Autos auf Teststrecken weltweit erproben, wie die Sensorik mit Eis, Schnee, Sand oder Starkregen klar kommt, ob die mühsam ausgetüftelte Software wirklich mit unerwartet auftauchenden weißen Lastern oder anderen schwer erkennbaren Hindernissen klar kommt.

Dafür bauen die Sachsen zusätzlich große Kästen mit Auswerteelektronik in die Fahrzeuge ein, die den gesamten Testablauf wie eine Art hochgerüstete „Black Box“ aufzeichnen. Eigene, kleinere Probefahrten unternimmt das Kunert-Team auch selbst, vor allem rund um den Großen Garten in Dresden, teils auch auf der Autobahn. „Dafür brauchen die Mitarbeiter spezielle Prototypen-Führerscheine und Führerscheine fürs autonome Fahren“, verrät der Abteilungsleiter.
Perspektivisch tüfteln Kunert und Goede aber auch an einer Lösung, damit auch normale Manufaktur-Besucher eine Runde mit autonomen Autos in Dresden drehen können – als zusätzlicher Baustein für das „Erlebnisland Fahrzeugbau“.
Manufaktur sollte VW einst Weg in die Oberklasse ebnen
Hintergrund des Neustarts: Nach ihrer Eröffnung 2002 war die Manufaktur zunächst ein Lieblingsprojekt des VW-Vorstands, der hier mit der „Phaeton“-Produktion in die Oberklasse starten wollte. Der vergrößerte und aufgemotzte Pseudo-Passat war aber nie ein wirklicher Verkaufsschlager. Danach stieg die Manufaktur auf Stromer um und fertigte zunächst den E-Golf, dann den ID3. Als der Konzern während der Ampelzeit in eine tiefe Krise rutschte, entschied der Vorstand in Niedersachsen, die Stromer-Produktion in Dresden ganz zu beenden. Nach zähen Verhandlungen zwischen VW-Chefetage, Gewerkschaften und Sachsen kam eine Kombi-Lösung heraus: Die Uni mietet einen Teil der Manufaktur, um hier einen Innovationscampus für Autoforschung, Robotik und andere Vorhaben einzurichten. Der Freistaat schießt dafür Millionen zu. Den anderen Teil behält VW und baut in der Manufaktur den Veranstaltungs- und Besuchersektor aus, konzentriert hier außerdem zusätzliche Forschungsaktivitäten.
Auto: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vor-Ort-Besuch, VW, Auskünfte Goede, Kunert, Oiger-Archiv

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