Das finnische Unternehmen Vaisala ist auf Umwelt- und Industriemesssysteme mit moderner Sensorik spezialisiert. Foto: Vaisala
Halbleiter-Branche in Nordeuropa wächst – und kooperiert mit Europas führenden Mikroelektronik-Cluster in Sachsen
Helsinki/Dresden, 1. Oktober 2025. Finnland will mit der nationalen Strategie „Chips from the North“ zu einem führenden Mikroelektronik-Standort in Europa aufsteigen. Bis 2035 wollen die Finnen ihre Halbleiter-Umsätze auf fünf bis sechs Milliarden Euro vervierfachen. Parallel dazu sollen die Beschäftigtenzahlen in der Chipindustrie von 7000 auf 20.000 steigen. Darauf hat die staatliche Wirtschaftsförderungs-Organisation „Business Finland“ hingewiesen.
Toni Mattila. Foto: Business Finland
„Indem wir die finnische Expertise im Bereich Mikroelektronik ausbauen und die Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstituten und Unternehmen auf internationaler Ebene stärken, können wir die europäische Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern“.
Mikroelektronik-Experte Toni Mattila von „Business Finland“
„Ob in der Automobilbranche, dem Gesundheitswesen oder der Kommunikationstechnologie: Die globale Nachfrage nach Chips steigt stetig. Nur acht Prozent der Fertigungsstandorte sind in Europa angesiedelt“, begründet Mikroelektronik-Experte Toni Mattila von „Business Finland“ die ehrgeizigen Pläne. „Um Europas Position nachhaltig zu stärken, braucht es eine Bündelung der Kräfte – nicht nur zwischen Forschung und Industrie, sondern auch über Ländergrenzen hinweg.“
Finnen fokussieren sich auf Photonik, Quantentech, Materialien und Mems
Da der Abstand zu den weltweit führenden Halbleiterstandorten noch groß ist und für große Chipfabriken Milliardeninvestitionen nötig sind, wollen sich die Finnen bei ihrer „Chips from the North“-Initiative auf ausgewählte Sektoren innerhalb der Chipindustrie fokussieren. Dazu gehören Photonik, Quantentechnologie, hochentwickelte Materialien, Prozesstechnologien, Chipdesign und mikroelektromechanische Systeme (Mems). Als besondere Stärken ihres Landes sehen sie eine „enge Verzahnung von Spitzenforschung und agiler Industrie“.
Das finnische Unternehmen Vaisala ist auf Umwelt- und Industriemesssysteme mit moderner Sensorik spezialisiert. Foto: Vaisala
Fachkräfte-Programm aufgelegt
Um den Fachkräftebedarf für diesen Wachstumsschub zu decken, wollen die Finnen ihre Ausbildungskapazitäten für die Halbleiterindustrie ausbauen und für ihre Unis gezielt auch internationale Studenten anwerben. Und für das Pilotprojekt „Mieli“ schaffen das nationale „Exzellenznetzwerk Microelectronics Finland“, die Unis Aalto, Tampere und Oulu sowie das Forschungszentrum „VTT“ – vergleichbar mit „Fraunhofer“ in Deutschland – gemeinsam 30 Doktorandenstellen. Ziel ist hier, zügig neue Mikroelektronik-Experten heranzuziehen. Auch entsteht eine nationale Graduiertenschule für Mikroelektronik, „um eine kontinuierliche Talentpipeline für Grundlagen- und Spitzenforschung zu gewährleisten“.
Die Chipmetrics-Gründer (von links nach rechts): Feng Gao, Pasi Hyttinen und Mikko Utriainen. Collage: Chipmetrics, tlw. KI-generiert
„Chips from the North“: Branche wächst
Obgleich die Halbleiterindustrie in Finnland bisher noch eine eher bescheidene Rolle spielt: Seit geraumer Zeit hat dieser Sektor in Nordeuropa generell an Dynamik gewonnen. Einige Beispiele: 2022 gründeten das niederländische Unternehmen ASM und die Uni Helsinki ein gemeinsames Exzellenzcenter für die Atomlagenabscheidung (Atomic Layer Deposition, ALD), die in der Chipproduktion eine wichtige Rolle spielt. Die deutsche „Bosch Sensortec“ arbeitet in den finnischen Städten Oulu und Espoo an MEMS-Sensoren und Chipdesign. Das Unternehmen „Vaisala“ reüssiert mit Umwelt- und Industriemesssystemen auf der Basis fortschrittlicher Sensortechnologien. „Chipmetrics Oy“ entwickelt in Nordkarelien Test-Chips für die Herstellung modernster 3D-Schaltkreise. Parallel dazu wächst der Mikroelektroniksektor auch in Schweden. Ein Beispiel dafür ist die schonische Elektronikprozess-Firma „Alixlabs“, die mit ihren Ätzspalt-Technologien eine Alternative zu den sündhaft teuren Lithografie-Systemen der niederländischen „ASML“ schaffen will.
Halbleiter-Regionen in Europa kooperieren
Viele dieser jungen skandinavischen Chipfirmen sind wiederum mit Europas führendem Mikroelektronik-Cluster in Sachsen verflochten. Ein Grund: Im Großraum Dresden gibt es große Chipfabriken und industrienahe Forschungs-Reinräume, in denen die Finnen und Schweden neue Halbleitertechniken testen können. Zudem arbeiten Sachsen, Schweden und Finnland auch in den paneuropäischen Halbleiter-Netzwerken „Silicon Europe“ und „European Semiconductor Regions Alliance“ (Esra) zusammen. Letzterer Verbund beispielsweise wurde von Sachsen aus initiiert. Mittlerweile umfasst er 37 Regionen, in denen die Mikroelektronik entweder bereits eine wichtige Rolle spielt oder die auf dem Sprung dahin sind. Diese Regionen konkurrieren zwar ein Stück weit um Ansiedlungen, Investitionen und Reputation – doch mehr noch wollen sie gemeinsam der Halbleiterei in Europa eine Stimme bei den politischen Entscheidungsträgern in Brüssel und anderswo geben.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Business Finland, Sputnik PR, Esra, Oiger-Archiv, Wikipedia
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger