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Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial: 4,6 Millionen Menschen

In den nächsten Jahren verlassen weit mehr Menschen das Arbeitsleben als neue hinzukommen. Visualisierung: Dall-E
Visualisierung: Dall-E

Auf dem Papier könnte Deutschland damit seine Fachkräfte-Lücken decken – theoretisch

Wiesbaden/Dresden, 17. Juli 2025. Angesichts des Fachkräftemangels in vielen Branchen gibt es immer wieder Debatten darüber, wie diese Lücke langfristig zu schließen ist: durch Zuwanderer, durch qualifizierte Zuwanderer oder indem man Wege findet, arbeitsfähige Einheimische ohne Job für den Arbeitsmarkt zu reaktivieren. Wie groß das Potenzial dieser letzteren Gruppe maximal ist, hat nun das „Statistische Bundesamt“ (Destatis) in Wiesbaden beziffert.

Demnach gehörten im Jahr 2024 insgesamt 4,6 Millionen Menschen in Deutschland zum ungenutzten Arbeitskräftepotenzial. Das wiederum setzt sich aus 3,1 Millionen Menschen in „Stiller Reserve“ und knapp 1,5 Millionen Erwerbslosen im Alter von 15 bis 74 Jahren zusammensetzt. „Diese sogenannte Stille Reserve umfasst Personen ohne Arbeit, die zwar kurzfristig nicht für den Arbeitsmarkt verfügbar sind und momentan nicht aktiv nach Arbeit suchen, sich aber trotzdem Arbeit wünschen“, erklären die Bundesstatistiker. Dagegen zählen sie zu den Erwerbslosen jene Menschen, „die sich in den letz­ten vier Wochen aktiv um eine Arbeitsstelle bemüht haben und in­ner­halb von zwei Wochen für die Aufnahme einer Tätigkeit zur Verfügung stehen“.

Kinderbetreuung und schlechte Gesundheit torpedieren die Jobsuche

Die recht umfangreiche „Stille Reserve“ kommt unter anderem aus gesundheitlichen Gründen zustande und weil sich Frauen, die eigentlich arbeiten können und wollen, um ihre Kinder kümmern müssen. Gerade diese „Reserve“ passt anderseits besonders gut zum Bedarf: Laut Destatis verfügen knapp 60 Prozent dieser Menschen über ein mittleres oder hohes Qualifikationsniveau, sind also Facharbeiter oder Akademiker.

Fachkräftelücke auf über eine halbe Million gewachsen

Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) umfasste die deutsche Fachkräftelücke zuletzt rund 530.000 Menschen. Die meisten Ausgebildeten fehlen demnach im Gesundheitswesen, auf dem Bau, im Militär und in Behörden sowie im Einzelhandel. Bis 2027 könne diese Kluft zwischen Fachkräfte-Angebot und -Nachfrage auf 728.000 Menschen wachsen.

Kita-Ausbau könnte ein Stück weit helfen

Die Zahlen scheinen zwar darauf hinzudeuten, dass Deutschland seine Fachkräfte-Lücken selbst, also auch ohne Einwanderung, decken könnte. Wenn es so einfach wäre, wär dies aber schon längst geschehen. Zu können beispielsweise arbeitswillige und qualifizierte Mütter aus guten Gründen nicht arbeiten: Die Kinder sind zu klein, es fehlt an ausreichend und ganztägig verfügbaren Kita-Plätzen oder sie wollen sich aus eigener Entscheidung mehr der Familie widmen. Hier ist zwar vorstellbar, durch einen – allerdings stets kostspieligen – Kita-Ausbau mehr Frauen zumindest zu Teilzeit- oder Fernarbeits-Jobs zu bewegen, aber nicht alle und schon gar nicht zwingend in Vollzeit.

Eher Facharbeiter und Akademiker mit passgenauer Qualifikation gefragt als Ungelernte

Auch viele Langzeit-Arbeitslose und Flüchtlinge lassen sich offensichtlich – trotz vollmundig von Politikern angekündigten „Jobturbos“ – ganz offensichtlich nur in eher bescheidenen Umfang für den Arbeitsmarkt reaktivieren. Das gilt vor allem für die ehemaligen Hartz-Empfänger. So ist in der Praxis zu bedenken, dass beispielsweise viele Bürgergeld-Empfänger aus mehreren Gründen langzeitarbeitslos sind: weil sie keine oder die falsche Ausbildung haben, sich nicht weiterqualifizieren wollen oder keine Weiterbildung finden, eine schwache Arbeitsmoral und wenig Durchhaltevermögen haben oder aus anderen Gründen überhaupt nicht zu den ausgeschriebenen Stellen passen.

Ein zu niedriges Qualifikationsniveau und unzureichende Deutsch- oder Englisch-Sprachkenntnisse sind auch für viele Flüchtlinge – vor allem aus nichteuropäischen Ländern – ein andauerndes Job-Hindernis. Zwar werden auch Helfer und Ungelernte gesucht, zeitweise machen sie ein Drittel der offenen Stellen aus. Allerdings ist dieser Bedarf regional sehr unterschiedlich. Am Mikroelektronik-Standort Dresden beispielsweise ist die Nachfrage für Niedrigqualifierte nicht allzu hoch. „Von den gemeldeten offenen Stellen ist die knappe Hälfte für Facharbeiter gedacht, für 35 Prozent sind ein Hochschul- oder Fachschulabschluss erforderlich“, schätzte der Dresdner Wirtschaftsbürgermeister Jan Pratzka im Frühsommer 2025 ein. „Nur jede achte Stelle ist für Helfertätigkeiten vorgesehen, für Ungelernte also oder Menschen, deren Abschluss nicht passt.“

Und: Langfristig sinkt der Bedarf der technologie- und automatisierungs-orientierten deutschen Wirtschaft an Niedrigqualifizierten, die zudem mit vergleichsweise hohen Mindestlöhnen bezahlt werden müssten, immer mehr. Der Ungelernte, der noch vor wenigen Jahrzehnten problemlos einen Helferjob – und sei es als Feger oder Verpacker – in Industriebetrieben fand, wird schon heute kaum noch gebraucht.

Sehr umstritten ist, wieviele Flüchtlinge funktionale oder völlige Analphabeten sind und damit auf Jahre nicht für eine Arbeitsaufnahme in Deutschland in Frage kommen. Einigermaßen seriöse, allerdings auch schon ältere Schätzungen kommen auf Quoten um die 15 bis 17 Prozent – wobei da wiederum die meist höherqualifizierten ukrainischen Flüchtlinge ausgeklammert sind.

Legt man den Migrationsmonitor der Bundes-Arbeitsagentur vom Mai 2025 zugrunde, hatten mindestens 30 Prozent der arbeitslosen Flüchtlinge keinen Hauptschulabschluss. Rechnet man jene mit, die gar keine Angaben machten, kommt man auf Quoten um die 47 Prozent.

Autor: hw

Quellen: Destastis, IW, fokus.de, Auskünfte Prazka, Oiger-Archiv, Welt.de, Correctiv, BA

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger