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Sächsische Industrie beschleunigt Talfahrt

Das Stimmungsbarometer in der ostdeutschen Wirtschaft zeigt auf Abschwung. Grafik: Dall-E / hw
Das Stimmungsbarometer in der ostdeutschen Wirtschaft zeigt auf Abschwung. Grafik: Dall-E / hw

IHK Dresden: Auslastung und Aufträge schrumpfen dramatisch

Dresden, 10. Dezember 2024. Sachsens Industrie bleibt auf Talfahrt: Auftragslage und Auslastung sind stark abgesackt, berichtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden. Betroffen seien vor allem die Autoindustrie, aber auch andere Branchen sowie unternehmensnahe Dienstleister. Mit Blick auf die Schutzzoll-Pläne des künftigen US-Präsidenten Donald Trump sei mit weiteren Rückschlägen zu rechnen, warnt IHK-Präsident Andreas Sperl.

Hoffnung auf Maschinenbau-Exporte durch Freihandelsabkommen

Zwar gibt es auch positive Impulse: Durch das neue Mercosur-Freihandelsabkommen mit Südamerika könnten sich neue Chancen für den sächsischen Anlagen- und Maschinenbau ergeben, prognostiziert IHK-Sprecher Lars Fiehler. „Dieser Markt war für unsere Maschinenbauer ziemlich blockiert – da könnten sich nun Türen öffnen. Allerdings wird das Zeit brauchen.“ Zudem laufen durch das Weihnachtsgeschäft momentan die Geschäfte im Einzelhandel, Tourismus und Verkehr recht gut. Auch die ostsächsische Bauwirtschaft berichtet über eine gewisse Stabilisierung.

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden
Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden

Einstiger Konjunkturmotor ist zum Sorgenkind geworden

„Aber die für Sachsen so wichtige Industrie macht uns Sorgen, die Aufträge und Umsätze gehen kontinuierlich zurück“, betont Kammerpräsident Sperl. Und regelrecht dramatisch leeren sich in vielen Betrieben die Auftragsbücher, stehen immer mehr Maschinen still: Meldeten Ende 2023 noch 45 Prozent der befragten Industrieunternehmen eine gute Auslastung von mindestens 85 Prozent, sind es inzwischen nur noch 29 Prozent. An Einstellungen denken nur noch 14 Prozent der Unternehmer, die Investitionsbereitschaft sinkt weiter: Jeder zweite Betrieb plant gar keine oder nur geringe Investitionen.

Zu wenig Fachkräfte, Energie und Löhne zu teuer, zuviel Bürokratie

Schuld an der Misere sei ein ganzes Bündel an Problemen, heißt es von der Kammer. Fachkräftemangel, zu hohe Lohn- und Energiekosten wachsende Bürokratie sowie generell schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingungen gehören zu den meistgenannten Risikofaktoren. Daher zielen viele der – ohnehin geschrumpften – Investitionen in der Industrie auf Rationalisierung und Automatisierung, um Personal und Personalkosten zu sparen.

Für viele Betriebe ist Krise existenziell

„Der Wirtschaft geht es nicht gut“, meint Sperl. „Zahlreiche Branchen sind in der Krise, die für viele Betriebe längst existenzielle Ausmaße angenommen hat.“ Um so wichtiger sei es, dass die neuen Koalitionen auf Landes- und Bundesebene wirtschaftspolitisch umsteuern. Priorität habe eine Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen. Dazu gehören laut IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder auf Bundesebene ein rascher Bürokratieabbau, ein flexiblerer Arbeitsmarkt, niedrigere Energiepreise – zum Beispiel durch eine Senkung der Netzentgelte -, eine besser Schul- und Berufsbildung, ein Ende der politischen Eingriffe beim Mindestlohn und massive Investitionen in die Infrastruktur.

Lukas Rohleder. Foto: Heiko Weckbrodt
Lukas Rohleder. Foto: Heiko Weckbrodt

Neue Sachsen-Regierung soll Fachkräfte-Potential im Inland heben

Und an die neue schwarz-rote Minderheitskoalition in Sachsen haben die Wirtschaftsvertreter bereits ein 15 Punkte umfassendes Forderungspaket gesandt. Dazu gehören neben den bereits genannten Punkten, die an den Bund adressiert sind, unter anderem auch eine Zukunftsstiftung, die die die großen und strategischen Transformations- und Innovationsaufgaben im Freistaat angeht, sowie eine Offensive, um brache Fachkräfte-Potenziale im Inland zu heben. Wichtig sei es beispielsweise, die Zahl der Bürgergeld- und anderen Leistungsempfänger zu halbieren, das Kita-Netz auszubauen, damit mehr Frauen ganztags arbeiten können, den Aufenthalt im Land an Arbeit zu koppeln sowie den Lehrermangel und Stundenausfall zu dämpfen.

Bisher sehen die Wirtschaftsvertreter allerdings „mehr Schatten als Licht“ im vorgelegten Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Auf viel Kritik stoßen unter anderem die Pläne, die sächsische Vergabeordnung mit weiteren politischen Vorgaben zu befrachten. Insbeondere haben sich die Sozialdemokraten in der Koalition mit ihrem Wunsch  nach einem „Vergabemindestlohn“ durchgesetzt, der 15 % über dem gesamtdeutschen Mindestlohn liegen soll. De facto dürfte dies wie eine überproportionale Mindestlohn-Erhöhung in Sachsen wirken. Und die IHK rechnet damit, dass dies gerade die kleinen einheimischen Firmen von vielen Aufträgen in der Praxis ausschließen wird. Auch die Handwerkskammer Dresden hatte zuvor den neuen Koalitionsvertrag als unzureichend für die aktuelle Wirtschaftskrise in Sachsen eingestuft.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IHK DD, Oiger-Archiv, Wikipedia, Handwerkskammer Dresden

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger