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Umrüstung von Kohle auf Strom würde 20 Jahre alle Gewinne auffressen

Eisengießerei. Visualisierung: KI ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt
Eisengießerei. Visualisierung: KI ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt

Mittelständler in Sachsen durch teure „Dekarbonisierung“ überfordert

Chemnitz/Lößnitz, 9. Februar 2026. Als Bürger, Unternehmer und Chemnitzer IHK-Präsident ist Max Jankowsky natürlich klar, dass seine „GL Gießerei Lößnitz“ die Umwelt über Gebühr belastet: Als Carl Lorenz Hartmann 1849 die Eisengießerei und Maschinenfabrik im Erzgebirge gründete, war dort an Hochspannungsleitungen nicht zu denken, Kohle dafür ein billiger und einfach verfügbarer Energieträger. Bis heute schmilzt die 85-köpfige Belegschaft das Eisen mit Kohle auf, um es in Form zu gießen.

„Haben über Verlagerung nach Tschechien nachgedacht“

„Ich will den Betrieb gerne elektrifizieren – und wegen des CO2-Handels bleibt mir – ehrlich gesagt – auch kaum etwas anderes übrig“, räumt der Gießerei-Chef ein. „Aber anders als noch von der vorherigen Regierung versprochen, gibt es dafür kaum noch Fördermittel.“ Diese Investition sei jedoch so umfangreich, dass sie sich bei den aktuellen Strompreisen nicht rechnen werde. „Die Elektrifizierung ist so teuer, dass wir über eine Verlagerung nach Tschechien nachgedacht haben.“

Jedes 5. Industrieunternehmen plant Verlagerung nach Osteuropa

Und mit dieser Überlegung steht Jankowsky nicht allein da: Immerhin jedes fünfte deutsche Industrieunternehmen will laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „KPMG“ und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (OA) zumindest Teile seiner Produktion nach Osteuropa verlagern. Gründe sind oft die hohen Energie-, Steuer-, Abgaben- und Bürokratielasten nebst hoher Löhne in Deutschland, während der Heimat-Standort immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Vor allem der CO2-Emissionshandel, den Deutschland vorauseilend vor anderen EU-Staaten durch einen nationalen CO2-Preis für Wärme (nEHS) verschärft hat, gilt als erhebliche Belastung.

Auch mitteldeutsche Unternehmen weichen gen Osten aus

Wenn die Kosten einen gewissen Kipppunkt überschreiten, der für jedes Unternehmen und jede Branche an einer anderen Stelle liegen mag, ist die Verlagerung nach China, Osteuropa oder ein anderes Land mit ähnlich gut qualifizierten Fachkräften für viele Unternehmen der einzig sinnvolle Ausweg. Auch mitteldeutsche Unternehmen liebäugeln mit solchen Fluchtwegen, wie etwa Heine Resistors Dresden, Etkon Markkleeberg und andere zeigen. Denn der Staat belastet einerseits die Wirtschaft immer mehr, fordert gleichzeitig aber erhebliche Investitionen in Dekarbonisierungen und Transformationen ein, die sich kleine und mittlere Unternehmen oft genug gar nicht leisten können.

Max Jankowsky. Foto (bearbeitet, freigestellt): Heiko Weckbrodt
Max Jankowsky. Foto (bearbeitet, freigestellt): Heiko Weckbrodt

Deutsche Strompreise machen Elektrifizierung unlukrativ

Im Falle der „GL Gießerei Lößnitz“ beispielsweise kalkuliert Max Jankowsky mit etwa zwölf Millionen Euro, um die Eisenschmelze und andere Anlagen zu elektrifizieren, die nötigen Stromtrassen zu ziehen, Trafos zu installieren und was sonst noch an solch einem grundlegenden Umbau der Betriebsprozesse hängt. Bei rund 20 Millionen Euro Umsatz und einer Marge von zwei bis drei Prozent müsste das Unternehmen theoretisch 20 Jahre lang jeden Cent Gewinn in die Refinanzierung des Elektrifizierungsprojektes stecken – und dürfte in nichts anderes mehr investieren. Nach zwei Jahrzehnten dürften die E-Schmelzen bereits wieder „Schnee von gestern“ sein. Und: Strom ist in Deutschland deutlich teurer als die gleiche Energiemenge, die in Eigenregie aus Kohle gewonnen wird, was heißt: Die Eisengussprodukte aus dem Erzgebirge werden nach der Transformation teurer und auf dem freien Markt weniger wettbewerbsfähig sein.

Habecks Klimaschutzverträge kamen über Einzeldeals kaum hinaus

Weil das selbst Rot-Grün klar war, hatte sich der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mit seinen „Klimaschutzverträgen“ erhebliche Subventionen für jene Unternehmen versprochen, die derartige Dekarbonisierungs-Projekte realisieren. Da unklar war, wie der Staat die sich daraus ergebenden langfristigen und erheblichen Kosten hätte finanzieren sollen, wurden die Klimaverträge auch in der Ampelzeit nie breit ausgerollt – Pech für Eisengießerei im Erzgebirge.

Zwar vergibt auch die Merz-Regierung Dekarbonisierungs-Zuschüsse. Doch die sind weit geringer – im Falle der GL Gießerei stand eine Million Euro zur Debatte – und sind mit zahlreichen Auflagen verknüpft. „Ohne Grünstrom gibt es keinen Bundeszuschuss“, hat Jankowsky als Kernaussage aus dem Antragsverfahren mitgenommen. Um dieses Kriterium doch noch zu knacken, habe die Gießerei sogar noch dem Energieversorger „Eins“ das Angebot abgerungen, in Betriebsnähe drei Windräder zu bauen. Aber auch das habe nicht gereicht, um den Dekarbonisierungs-Zuschuss zu bekommen, erzählt der Geschäftsführer: „Die Windräder hätten binnen drei Jahren in Betrieb gehen müssen, diese Vorgabe wäre aber realistischerweise nicht zu schaffen gewesen.“ Was unterm Strich heißt: Die Gießerei muss elektrifizieren, weil sie der anziehende CO2-Handel über Kurz oder Lang die letzten Gewinne auffrisst. Die Gewinn-Spannen reichen aber jetzt bereits nicht mehr, um die „Dekarbonisierung“ zu finanzieren. Und selbst wenn Jankowsky und seine Mitgesellschafter dafür bereit wären, sich dafür tief zu verschulden – soviel Kredit würde ihnen keine Bank geben.

„Uns fehlt dieser wohlhabende Mittelstand“

Solche und ähnliche Dilemmata kennt im Übrigen auch Jankowskys präsidialer Kollege von der IHK Leipzig aus seinem Kammerbezirk nur zu gut: Ein gutgehendes Unternehmen aus den alten Bundesländern mag das stemmen können, sinniert Fabian Magerl. „Aber uns fehlt dieser wohlhabende Mittelstand, unsere Unternehmen haben nicht das Eigenkapital für solche Projekte. Und wenn sie dafür überhaupt ein Darlehen bekommen, verlangt die Bank zweistellige Zinssätze.“

Emissionshandel soll Transformation gen Ökotech lenken – doch wirkt derzeit auch als Deindustrialisierer

Hintergrund der Misere: Bund und EU setzen Unternehmen und Bürger mit CO2-Abgaben und Emissionshandel unter wachsenden finanziellen Druck, um jene Tätigkeiten zu verteuern und einzudämmen, die die Regierung als klimaschädlich eingestuft hat: Autofahren mit dem Verbrenner zum Beispiel, Heizen und Industrieproduktion mit Gas, Öl und Kohle. Weil Deutschland dabei vorgeprescht ist, hatte der Bund eigentlich Ausgleichsgelder für die entstehenden Mehrbelastungen versprochen, zumindest für Privathaushalte. Doch daraus ist bisher nichts geworden. Solange Staat und EU aber keine keinen Ausgleich zahlt, haben die wachsenden CO2-Abgaben und die CO2-Zertifikat-Verknappung nicht nur eine umweltpolitisch steuernde Wirkung, sondern verstärken als zweiten Effekt auch De-Industrialisierung, Inflation und Wohlstandsabbau in Deutschland.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte Max Jankowsky, Merkur, Oiger.de, Wiwo, Umweltbundesamt, bundestag.de, BMWK

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger