Forschung, News, Wirtschaftspolitik
Schreibe einen Kommentar

12 freie Institute gründen „Sächsische Industrieforschungsgemeinschaft“

Auch in Holz kann Hightech stecken: Das Longboard "BuddyBuddy" hat die gleichnamige Dresdner Firma gemeinsam mit dem Institut für Holztechnologieentwickelt. Foto: BuddyBuddy

Auch in Holz kann Hightech stecken: Das Longboard „BuddyBuddy“ hat die gleichnamige Dresdner Firma gemeinsam mit dem Institut für Holztechnologieentwickelt. Foto: BuddyBuddy

Industrieforscher wollen an Fördertopfen nicht mehr hinten anstehen

Dresden, 15. Mai 2014: Will ein Hochbetagter in einem Altenheim essen, muss er meist den Pfleger bitten, ihn in einen Stuhl zu helfen und den dann an den Tisch zu rücken. Oder er kann neuerdings eine erzgebirgische Innovation nutzen: Einen Dreibeinstuhl der Firma „Göhler“ aus Mulda, der sich auch von Pflegebedürftigen dank einer ausgefeilten Zwei-Rollen-Technik selbst bedienen lässt. „Für ein selbstbestimmtes Leben im Alter ist das ein großer Fortschritt“, meint Dr. Steffen Tobisch vom „Institut für Holztechnologie Dresden“ (IHD), das die neue Möbelreihe zusammen mit Göhler entwickelt hat.

Wer die Wende überlebte, ist heute leistungsstark

Das Besondere daran: Das IHD gehört zu einer Reihe von sächsischen Instituten, von denen in öffentlichen Diskussionen nur selten die Rede ist, die eine wenig bekannte vierte Forschungssäule neben Unis, der Wirtschaft und den großen Wissenschaftsgesellschaften wie Fraunhofer oder Max Planck geformt haben. Entstanden sind sie meist aus ehemaligen DDR-Akademieinstituten oder Entwicklungsabteilungen früherer Kombinate. „Und die, die die Wende überlebt haben, sind heute alles sehr leistungsfähig“, betonte Tobisch.

Werbevideo für den Pflege-Stuhl (Frischpack):

Rotuma Funktionsstuhl und Funktionstisch from FrischePack GmbH on Vimeo.

 

„imreg“: IFE stärken vor allem Innovationskraft der „Kleinen“

21 solcher gemeinnützigen „Industrieforschungseinrichtungen“ (IFE) mit insgesamt über 900 Mitarbeitern und 64 Millionen Euro Jahresumsatz (Stand: 2011) gibt es im Freistaat, darunter fünf im Raum Dresden. Einige beschäftigen sich –wie das IHD – mit Materialwissenschaften, andere mit Maschinenbau, Mechatronik oder ähnlichen Ingenieurdisziplinen. Und diese meist von Vereinen betriebenen Häuser forschen besonders industrienah, effizient und tragen überdurchschnittlich zur Innovationskraft vor allem der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Sachsen bei, wie eine Studie des Dresdner „imreg“-Instituts ergeben hat.

Institut für Mittelstands- und Regionalentwicklung: „Die gemeinnützigen externen Industrieforschungseinrichtungen tragen bezogen im Vergleich zu anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen überdurchschnittlich zur Steigerung der Innovationsfähigkeit im sächsischen Unternehmenssektor bei.“

Im IHD werden Boards mit 3D-Textilfasern verstärkt. Foto: IHD

Im IHD werden Boards mit 3D-Textilfasern verstärkt. Foto: IHD

Beispiel: Das IHD hatte eine Technik entwickelt, Hölzer für Sportgeräte mit 3D-Textilfasern zu verstärken. Die kleine Dresdner Firma „BuddyBuddy“ entwickelte mit dieser Technologie ein überlanges Skateboard – ein sogenanntes „Longboard“ – das wegen seiner besonderen Stabilität in der Rollerszene inzwischen sehr geschätzt wird.

Messbarer Schub für Partnerfirmen der freien Institute

Generell konnten laut einer Unternehmensumfrage, die „imreg“ für die Studie erhoben hatte, die meisten industriellen Partner der sächsischen IFE überdurchschnittlich hohe Umsatzsteigerungen und bessere Exportquoten erreichen. Die Studienautoren führen dies unter anderem darauf zurück, dass die freien Institute besser als andere Forschungseinrichtungen der Industriestruktur im Freistaat spiegeln.

Allianz geschmiedet

IHD-Direktor Steffen Tobisch. Abb.: IHD

IHD-Direktor Steffen Tobisch. Abb.: IHD

Doch trotz dieser in Cent und Euro messbaren Schützenhilfe für die regionale Wirtschaft müssen sich freie Institute wie das IHD beim Gedränge um öffentliche Fördertöpfe meist nach den Unis sowie den großen Verbünden von Fraunhofer, Planck, Helmholtz und Leibniz hinten anstellen. Das soll sich nun ändern: Zwölf dieser IFE haben in Dresden eine „Sächsische Industrieforschungsgemeinschaft“ geschaffen, weitere Institute werden wahrscheinlich demnächst dazustoßen, wie Mitgründer Tobisch einschätzte. Der Verbund werde die Kompetenzen dieser Einrichtungen ähnlich wie bei Fraunhofer & Co. bündeln, um Industriepartnern und Öffentlichkeit die Leistungsbreite der IFE vor Augen zu führen. „Daneben geht es uns darum, fairer an den Fördergeldern von Land, Bund und Europa beteiligt zu werden.“

Staatliche Investitionshilfen gefordert

Denn anders als die Institute der großen Forschungsgemeinschaften bekommen die IFE keine Grundfinanzierung vom Staat und kämpfen ständig mit Problemen, wichtige Investitionen zu finanzieren. Gerade dies aber sei für die industrienahen Einrichtungen besonders wichtig, sagte Tobisch: „Für die Unternehmen sind wir nur interessant, wenn unsere Technik, unsere Anlagen denen in den Betrieben immer um einen Schritt voraus sind.“

Förderung stark projektbezogen

Daher will sich der neue Lobby-Verband für ein Investitions-Förderprogramm der öffentlichen Hand zu Gunsten der freien Institute einsetzen. Außerdem fordern er eine verlässlichere und längerfristige Projektförderpolitik von Land und Bund – de facto eine Art öffentliche Grundfinanzierung durch die Hintertür. Denn die meisten IFE beziehen etwa 60 Prozent ihrer Mittel aus solchen Projekten, die bisher alle vier Jahre neu beantragt werden müssen. Die restlichen 40 Prozent erwirtschaften sie durch ihre Industriepartner.

Sachsen-Vorbild dürfte Schule machen

Insgesamt gibt es in ganz Deutschland rund 100 gemeinnützige externe Industrieforschungseinrichtungen mit zusammen zirka 5100 Beschäftigen und etwa 410 Millionen Euro Jahreseinnahmen. Tobisch geht davon aus, dass der sächsische Schritt bundesweit Schule machen wird: „In Thüringen und Bayern sind ähnliche Verbünde im Entstehen“, berichtet er. „Und bald wird es auch eine deutscher Industrieforschungsgemeinschaft geben.“ Autor: Heiko Weckbrodt

 

Im Überblick: „Industrieforschungseinrichtungen“ (IFE) in Sachsen

Quelle: imreg

Quelle: imreg

Beckmann = Beckmann-Institut für Technologieentwicklung e. V.
Cetex = Institut für Textil- und Verarbeitungsmaschinen gGmbH
CeWOTec = Chemnitzer Werkstoff- und OberflächenTechnik gGmbH
DBI-GTI = Gastechnologisches Institut gGmbH Freiberg
DGFZ = Dresdener Grundwasserforschungszentrum e. V.
FILK = Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen gGmbH
ICM = Institut Chemnitzer Maschinen- und Anlagenbau e. V.
ILK = Institut für Luft- und Kältetechnik gGmbH
IKS = Institut für Korrosionsschutz GmbH
IfM = Institut für Musikinstrumentenbau e. V.
IHD = Institut für Holztechnologie Dresden gGmbH
IFM = Institut für Mechatronik e. V
INC = Institut für Nichtklassische Chemie e. V. an der Universität Leipzig
ITW = Chemnitzer Institut für Innovative Technologien e. V.
SID = Sächsisches Institut für Druckindustrie GmbH
SLB = Kompetenzzentrum Strukturleichtbau e. V. an der TU Chemnitz
KUZ = Kunststoff-Zentrum Leipzig gGmbH
KVB = Institut für Konstruktion und Verbundbauweisen e. V.
PTS = Papiertechnische Stiftung
STFI = Sächsisches Textilforschungsinstitut e. V. an der TU Chemnitz
VFUP = Verein zur Förderung der Umform- und Produktionstechnik Riesa e. V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.