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Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel wachsen gleichzeitig in Sachsen

Sachsens Wirtschaft steckt mitten in einer neuen Transformationswelle, die Arbeitsplätze kostet - aber auch Chancen auf neue Technologiezweige, Wertschöpfung und Jobs birgt. Die Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt sind derzeit paradox. Visualisierung: KI Gemini, Prompt: Heiko WeckbrodtTransformation, Glaswerk, Softwareschmiede
Sachsens Wirtschaft steckt mitten in einer neuen Transformationswelle, die Arbeitsplätze kostet – aber auch Chancen auf neue Technologiezweige, Wertschöpfung und Jobs birgt. Die Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt sind derzeit paradox. Visualisierung: KI Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt

Scheinbar paradoxer Arbeitsmarkt durch gegenläufige Trends

Dresden, 21. September 2025. Wenn Wirtschaftskrise und demografischer Wandel zusammenwirken, entsteht wie jetzt eine paradoxe Lage auf dem sächsischen Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit steigt, der Anteil arbeitgeberseitiger Kündigungen erreicht den höchsten Wert seit zehn Jahren – und gleichzeitig sucht jedes zweite Unternehmen weiter Leute. Das geht aus dem jüngsten „IAB-Betriebspanel Sachsen 2024“ hervor.

Glas, Metall, Autoindustrie, Bäckereien – manche Branchen stärker von Multikrise betroffen

Einige Gründe dafür liegen auf der Hand:

  • Branchenkrisen und Pleitewellen: Auf der einen Seite sind da die Betriebe aus Branchen, denen hohe Energiekosten, Trumpsche Wirtschaftskriege, wachsender internationaler Konkurrenzdruck, Bürokratie, Mindestlohnsprünge und wirre staatliche Wirtschaftspolitik besonders zu schaffen machen, gehen mit einer gewissen Zeitverzögerung nun pleite oder müssen viele Beschäftigte entlassen. Dazu gehören Metallverarbeitung, Glasproduktion, aber auch Bäcker und andere Handwerker – bis hin zur Autoindustrie.
  • Wachstumsbranchen: Andere Branchen dagegen wachsen, vor allem auch Behörden, staatsnahe Unternehmungen und Sozialeinrichtungen. Die suchen dann eben von der Pflegekraft bis zum hochspezialisierten Ingenieur vor allem Fachkräfte, die auf dem Arbeitsmarkt – zumindest in der gesuchten Spezialisierung – schwer zu finden sind.
  • Transformation: Auch spielen Transformationseffekte auch eine wichtige Rolle: Wenn sich ein Unternehmen völlig neue ausrichtet, Routineaufgaben an „Künstliche Intelligenzen“ delegiert, auf der anderen Seite zum Beispiel aber auch seinen Vertrieb ausbaut, verlieren womöglich die einen ihre Arbeit, während die Firma gleichzeitig ganz andere Spezialisten einstellt.

Hilft ein neuer „Qimonda-Solar-Effekt“?

Entspannen könnte sich diese Situation womöglich in Teilsektoren bald durch eine Art Qimonda-Solar-Effekt, den man zuletzt während der Chipkrise 2007-2010 beobachten konnte: Gerade als der letzte große Speicherchiphersteller in Europa pleite ging und auch in Sachsen Tausende ihre Arbeit verloren, zog die subventionierte Solarbranche an – und saugte beispielsweise viele Ingenieure und Operators auf, die vorher recht ähnliche Tätigkeiten in der Mikroelektronik verrichtet hatten. Als dann die Solarbranche auf Talfahrt ging, war derweil die Chipbranche im Freistaat wieder angesprungen. Nicht auszuschließen ist daher, dass sich Ähnliches wiederholt: dass Rüstungsfirmen, Softwareschmieden, Chipfabriken und andere Betriebe, die derzeit im Freistaat boomen, in nächster Zukunft auch einen Teil jener Autobauer, Glaswerker, Metallbauer und Entwickler übernehmen, die in jüngster Zeit arbeitslos geworden sind.

„Zukünftig könnte sich der Fachkräftebedarf in Sachsen noch verschärfen. Dabei könnte es sich als problematisch erweisen, die benötigten Fachkräfte zu finden.“
Aus dem „IAB-Betriebspanel Sachsen“

Unternehmer wegen Fachkräftemangel kompromissbereiter

Und um genau die Fachkräfte zu bekommen oder sie zumindest aufzupäppeln, die gerade gebraucht werden, scheuen die Unternehmen in Sachsen inzwischen kaum noch Mühen: „Die Mehrheit der Unternehmen zeigt zunehmend eine hohe Bereitschaft, Kompromisse bei der Einstellung von Fachkräften einzugehen, etwa durch die Akzeptanz eines erhöhten Einarbeitungsaufwands, der Anpassung der Vergütung und Arbeitszeit oder durch veränderte Ansprüche an die fachliche Qualifikation“, heißt es dazu aus dem sächsischen Wirtschaftsministerium in Dresden.

Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA
Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA

Und: „Die Befragungsergebnisse unterstreichen die Stärke und Anpassungsfähigkeit der sächsischen Unternehmen“, betont Sachsens Wirtschafts- und Arbeitsminister Dirk Panter (SPD). „Sie sind bereit, bei der Fach- und Arbeitskräftesicherung neue Wege zu gehen. Der demografische Wandel schreitet voran und macht deutlich: Wir können uns zukünftig junge Menschen ohne Ausbildungsplatz und Menschen ohne Erwerbstätigkeit einfach nicht mehr leisten.“

59 % der Firmen setzen auf neue Arbeitsmodelle

Schön aus Arbeitnehmer-Perspektive: Durch die Marktverschiebung von der Angebots- zur Nachfrageseite sind heute viele Arbeitsmodelle möglich, die noch vor 30 Jahren gerade auch in Ostdeutschland als tabu galten: In einer Umfrage erklärten 59 Prozent der sächsischen Betriebe, mit Hilfe von flexiblen Arbeitszeiten, Home-Office oder familienfreundlichen Teilzeitmodellen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Jedes fünfte Unternehmen unterstützt die Beschäftigten durch Zuschüsse oder Betriebskitas bei der Kinderbetreuung oder hält zumindest den Kontakt während der Elternzeit.

In Sachsen erobern Frauen schneller Leitungspositionen

Und für Frauen ist es, wie traditionell in Ostdeutschland stark verankert, nicht nur selbstverständlich, eigene Berufswege zu gehen, sie erobern hier auch zunehmend Führungspositionen: In 40 Prozent der sächsischen Betriebe sind Frauen in leitenden Funktionen tätig, 27 Prozent der Unternehmen werden sogar ausschließlich von Frauen geführt. Diese Zahlen liegen laut Wirtschaftsministerium über dem Durchschnitt in Ost- und Westdeutschland.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SMWA, Statista, Oiger-Archiv

Fachpublikation:

„IAB Betriebspanel Sachsen 2024“ von Linda Wittbrodt und Marek Frei (Institut Söstra Berlin), 6-2025, Hsg.: SMWA, Fundstelle im Netz: https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/48151

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger