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Europas Aufrüstung droht trotz Milliardenausgaben zu scheitern

Repräsentative Rüstung Foto: Peter Weckbrodt
Schon zu Zeiten August des Starken galt Sachsen eher am schönen Glanz interessiert denn an echten Rüstungsschmieden. Foto: Peter Weckbrodt

IFW und Denkfabrik fordern mehr Wettbewerb und europäische Beschaffung

Kiel, 14. Juli 2025. Trotz massiver Ausgabensteigerungen droht Europas Aufrüstung zu scheitern, warnen Experten. Ohne mehr Wettbewerb, gemeinsame Beschaffung und einen Fokus auf innovative Technologien bleiben die Streitkräfte hinter den Erwartungen zurück, während die Debatte um faire Lastenteilung in der Nato weiter schwelt. „Europäische Staaten investieren wesentlich mehr in ihre Verteidigung als noch vor drei Jahren“, schätzen das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) und von der Brüssler Denkfabrik Bruegel. „Doch diese Ausgaben werden nicht automatisch zu der gewünschten größeren Kriegstüchtigkeit im Jahr 2030 führen.“

Ein Wettrüsten mit Hindernissen

Zwar sei die Produktion von Artilleriegeschossen und Haubitzen in Europa erheblich gestiegen. heißt es in der Analyse „Fit for war by 2030? European rearmament efforts vis-à-vis Russia“. So sei die Fertigung von 168 im Jahr 2022 auf über 400 Haubitzen jährlich gestiegen. Dies decke inzwischen fast den Bedarf für eine glaubhafte Abschreckung gegenüber Russland. Doch in anderen Bereichen hinke Europa dramatisch hinterher. Die Produktion von Panzern, Schützenpanzern, Raketen und Kampfflugzeugen bleibe niedrig.

So müsste die Produktion von Panzern und Infanteriefahrzeugen um das Sechsfache steigen, um mit der Geschwindigkeit der russischen Aufrüstung Schritt zu halten. Auch die europäische Produktion von Raketen müsse dringend erhöht werden, um die Abschreckungsfähigkeit zu stärken.

Ein zentrales Problem, so der Report, ist die weiterhin geringe Produktion modernster Waffensysteme und eine hohe technologische Abhängigkeit von den USA. Zudem sind die Kosten vieler Waffensysteme in Europa im internationalen Vergleich sehr hoch.

Der Ruf nach europäischer Integration und Innovation

„Trotz hoher Verteidigungsausgaben in Europa kann die Aufrüstung scheitern, wenn die europäische Integration der Verteidigungsmärkte nicht vorankommt“, mahnt Guntram Wolff, Professor an der Solvay Brussels School und Autor des Reports. Er plädiert für gemeinsame Bestellungen bestimmter Waffensysteme beim jeweils kosteneffektivsten Anbieter im europäischen Markt. Solche Sammelbestellungen würden durch größere Mengen die Stückpreise senken, während die Öffnung der nationalen Märkte zu mehr Wettbewerb und weiteren Kostensenkungen führen würde.

Neben einer integrierten Beschaffung fordern die Experten einen stärkeren Fokus auf Innovationen. „Rüstungspläne müssen sich jetzt verstärkt auf neue Technologien konzentrieren, die in der Ukraine ihre Effektivität gezeigt haben“, so Wolff. Die Produktionskapazitäten für Drohnen und unbemannte Fahrzeuge seien unzureichend, und der Aufbau eigener Cloud-Computing- und KI-Zentren sei entscheidend. Europas Investitionen in Forschung und Entwicklung im Verteidigungsbereich sind mit 13 Milliarden Euro nur ein Bruchteil dessen, was die USA mit 145 Milliarden Dollar bereitstellen. „So bleibt Europa technologisch hinter den USA, China und Russland zurück – etwa bei Drohnen, Raketen und digitaler Kriegsführung“, warnt Wolff.

Eine europäische Innovationsagentur nach dem Vorbild der US-amerikanischen „Darpa“ könnte hier Abhilfe schaffen, indem sie Rüstungs-Start-ups einen besseren Zugang zu Aufträgen ermöglicht. Die Darpa war übrigens auch ein Vorbild der deutschen Sprunginnovations-Agentur „Sprind“ in Leipzig. Zur Debatte steht schon länger, dieses Modell europäisch zu erweitern – aber nicht allein mit einem militärischen Fokus.

Der transatlantische Rüstungsstreit und die Rolle Ostdeutschlands

Die Debatte um Europas Aufrüstung ist eng verknüpft mit dem seit Jahren schwelenden Streit über die Rüstungsausgaben der NATO-Partner. Insbesondere die USA fordern vehement, dass die europäischen Verbündeten ihren Verpflichtungen nachkommen und die vereinbarten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben. Dieser Druck, oft unterstrichen durch die Rhetorik ehemaliger US-Präsidenten, hat maßgeblich zur aktuellen Erhöhung der Verteidigungsausgaben in Europa beigetragen.

Doch die Diskussion geht über die reinen Zahlen hinaus: Es geht auch um die Frage, ob Europa seine militärischen Fähigkeiten eigenständig aufbauen oder weiterhin stark von den USA abhängig bleiben soll. Die Forderung nach einer stärkeren europäischen Verteidigungsunion ist auch eine Reaktion auf diese transatlantischen Spannungen und den Wunsch nach mehr strategischer Autonomie.

In diesem Kontext rückt auch die Rüstungsindustrie in Ostdeutschland in den Fokus. Obwohl historisch nicht im gleichen Maße als Rüstungsstandort bekannt wie Teile Westdeutschlands, gibt es auch hier spezialisierte Unternehmen, die sich auf bestimmte Nischen konzentrieren. So profitieren beispielsweise Hersteller von Spezialfahrzeugen, optischen Systemen oder Komponenten für Kommunikationstechnik von der aktuellen Aufrüstungswelle. Auch wenn die großen Panzer- und Flugzeugbauer ihren Sitz primär im Westen haben, bieten sich für ostdeutsche Unternehmen, oft kleine und mittlere Betriebe, Chancen durch Zulieferverträge und die Entwicklung innovativer Lösungen, insbesondere in den Bereichen Drohnentechnologie, Sensorik oder Cyberabwehr. Die Herausforderung für diese Unternehmen besteht darin, sich in einem europaweit immer stärker umkämpften Markt zu positionieren und die notwendigen Kapazitäten für die steigende Nachfrage aufzubauen.

Bisher gehen Wirtschaftsforscher wie beispielsweise die Ökonomen vom Ifo Dresden davon aus, dass von der neuen deutschen Aufrüstung die sächsischer und generell die ostdeutsche Wirtschaft nur wenig profitieren wird. Daher gibt es inzwischen aus der sächsischen Regierung lauter werdende Forderungen, so etwa von Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD), mehr Rüstungsunternehmen im Freistaat anzusiedeln und generell Sachsen stärker am Rüstungs-Boom teilhaben zu lassen.

Autoren: Heiko Weckbrodt und Gemini

Quellen: IfW Kiel, Wikipedia, Oiger-Archiv, SMWA

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger