Mit Weihnachten 2025 endet fast ein Vierteljahrhundert Autoproduktion in der VW-Manufaktur Dresden. Der fast schon klischeehafte Tischkicker steht symbolisch schon für Firmengründer bereit. Foto: Heiko Weckbrodt
Volkswagen behält eine Hälfte für Auslieferung und Entwicklung, TU Dresden mietet Rest für Forschung und Transfer
Dresden, 4. Dezember 2025. Volkswagen stoppt zum Jahresende 2025 seine Fahrzeug-Serienproduktion in Dresden endgültig und beendet damit eine 23-jährige Tradition des Autobaus in der Stadt, wird seine „Gläserne Manufaktur“ aber nicht schließen: Der Konzern vermietet eine Hälfte der Fabrik als Innovationszentrum an die Technische Universität Dresden (TUD) und behält die andere Hälfte für eigene Entwicklungsprojekte, Schau-Auslieferungen und als Besucherzentrum. Das sieht eine Absichtserklärung vor, die Vertreter von Volkswagen, Freistaat Sachsen und TUD inzwischen unterzeichnet haben. Gewerkschafter kritisieren das „Zukunftskonzept“ für die Manufaktur allerdings als noch zu vage, verweisen zudem auf einige Dutzend Mitarbeiter, für die es nach derzeitigem Stand ab Januar 2026 keine Arbeit mehr gibt.
Thomas Edig, Personalchef von VW Sachsen. Foto: Heiko Weckbrodt
„Die Produktion von Serienautos endet nach 25 Jahren in Dresden. Das ist sehr bedauerlich. Aber das war nun einmal Kleinserienproduktion zu höchsten Kosten.“ Thomas Edig, Personalchef von VW Sachsen
„Gemeinsam mit der TU Dresden verwandeln wir die Manufaktur in einen Ort, an dem Mobilität, Technologie und Wissenschaft zusammenkommen“, hofft Volkswagen-Markenchef Thomas Schäfer. Die Vereinbarung markiere einen „einen Wendepunkt für den Industriestandort Sachsen“, orakelt der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). „Der Übergang nach fast 25 Jahren Fahrzeugproduktion ist ein Einschnitt. Aber er ist kein Abschied von industrieller Wertschöpfung: Die Investitionen, die neuen Forschungscluster und die Öffnung der Manufaktur für Start-ups werden Sachsen langfristig stärken und attraktive Perspektiven für Beschäftigung eröffnen.“
Die Belegschaft ist nach der Betriebsversammlung in der Gläsernen Manufaktur Dresden (GMD) aufgewühlt. Der Dresden-Bevollmächtigte Stefan Ehly (vorn links) von der IG Metall, die VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und Manufaktur-Betriebsratsvorsitzender Thomas Aehlig (vorne rechts) fordert von Volkswagen ein klareres Konzept und sinnvolle Arbeit für alle Beschäftigten ein. Foto: Heiko Weckbrodt
„Die Enttäuschung der Belegschaft ist groß.“ Stefan Ehly, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Dresden und Riesa
Weniger optimistisch sehen das die Gewerkschafter, die bereits seit geraumer Zeit mehr konkrete Ansagen fordern: „Nach der Rede von Thomas Schäfer haben wir heute mehr Fragen als Antworten“, kritisiert der Dresdner IG-Metall-Bevollmächtigte Stefan Ehly nach einer „sehr emotionalen“ Betriebsversammlung in der Manufaktur. „Die anhaltende Ungewissheit stimmt angesichts des Jahresendes viele Beschäftigte wütend.“ Betriebsratsvorsitzender Thomas Aehlig hat konkrete Forderungen: „Uns wurde eine Fortführung als Standort der VW AG zugesagt, und zwar mit einer klar definierten Zahl an Beschäftigten. Die Montage von Autos ist das Herz der Gläsernen Manufaktur. Dieses Herz muss ab 2026 durch mindestens genauso solide Geschäftsfelder von Volkswagen ersetzt werden.“
VW verspricht Ausstellung, Forschung am autonomen Fahren und Auslieferzentrum
Konkret haben die Partner bisher folgende Bausteine vereinbart, um die Manufaktur am Leben zu halten: Volkswagen betreibt hier weiter ein erlebnisorientiertes Auslieferungszentrum für Kunden, die ihren VW-Stromer selbst abholen wollen. Weil es keine Produktion mehr zu besichtigen gibt, soll eine Automobilausstellung für Besucherströme sorgen. Außerdem will das Unternehmen in seiner Hälfte der Manufaktur gemeinsam mit der – bisher eher glücklosen – Softwaretochter Cariad und weiteren Konzernabteilungen stärker in Dresden mehr Forschungsprojekte rund um das autonome Fahren konzentrieren – inklusive Versuchsträger- und womöglich Prototypen-Bau.
Uni siedelt Exzellenzzentren und Stiftungsprofessuren an
Die restlichen 24.500 Quadratmeter mietet die TUD von VW und zahlt auch ordentlich Miete dafür. Dort sollen die vier neuen Stiftungs-Lehrstühle, zwei Exzellenzzentren, das Gründungszentrum „Boost“ und Teile des Barkhausen-Instituts sowie des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) einziehen. Sie sollen hier an Robotik, der Produktion und dem Bauen der Zukunft, an nachhaltiger Mikroelektronik, neuen Materialien und anderen Themen forschen, an denen Volkswagen ebenfalls Interesse hat. Ein Teil der Manufakturfläche ist für ein gemeinsames Labor von VW und TUD reserviert.
Hälfte des Zukunftspakets finanziert der Steuerzahler
Um all das zu bezahlen, wollen die Partner in den nächsten sieben Jahren insgesamt rund 50 Millionen Euro in die Manufaktur stecken. Fast die Hälfe davon sind dem Vernehmen nach letztlich staatliche Gelder von Freistaat, TUD und indirekt auch vom Bund. Die andere reichliche Hälfte steuert Volkswagen bei. Finanziert werden damit unter anderem vier neue Stiftungsprofessuren für die Uni, ein Umbau innerhalb der Manufaktur für zwei TUD-Exzellenzzentren sowie weitere Investitionen, vor allem aber laufende Kosten für Betrieb und Personal.
Keine wird entlassen – doch für Teil der Belegschaft hat VW noch keine neue Beschäftigung
Unterm Strich bleibt damit die gläserne Manufaktur für die Stadt Dresden dadurch als prägendes Bauwerk und Besuchermagnet erhalten. Volkswagen wiederum erspart sich die Kosten für Schließung, Abfindungen oder eigene Umbauten für eine neue Nutzung. Insofern ist eine Lösung zustande gekommen, die Potenzial hat, aber letztlich zu großen Teilen vom Steuerzahler finanziert wird. Einen Teil der staatlichen Gelder hätten die TUD – und damit letztlich Freistaat und Bund – aber ohnehin ausgeben müssen, um Büros und Labor die zwei neuen Exzellenzcluster für nachhaltige Mikroelektronik („Rec2“) und für neues Bauen („Care“) zu bauen oder anzumieten, relativiert Prof. Andreas Pinkwart, der das Uni-Transferzentrum „TUD|excite“ leitet.
Uni-Prof Pinkwart rechnet mit 1000 neuen Jobs durch Forschung und Ausgründungen – auf längere Sicht
Außerdem rechnet er damit, dass die neuen Forschungsaktivitäten in der Manufakturen durch Ausgründungen et cetera an die 1000 neue Jobs schaffen könnten – und damit womöglich Arbeit für jene VW-Werker, die zwar eine Beschäftigungsgarantie vom Konzern haben, ab Januar nichts rechtes mehr zu tun haben. Denn ein größerer Teil von inzwischen nur rund 230 VW-Arbeitern sollen im VW- und im TUD-Teil der künftigen Innovations-Manufaktur nahtlos neue Jobs bekommen. Für einige Dutzend ist noch keine neue sinnvolle Beschäftigung gefunden. Das werde sich in den kommenden Monaten aber noch ändern, verspricht Personalchef Thomas Edig von Volkswagen Sachsen. Zudem könnten die Manufaktur-Arbeiter freiwillig ins relativ gut laufende Verbrennermotor-Werk Chemnitz oder in die Stromerfabriken nach Zwickau oder Wolfsburg wechseln.
Piesch wollte Manufaktur im Herzen Dresdens als Prestigeprojekt für Phaeton-Produktion
Zum Hintergrund und zur Erinnerung: Der damalige VW-Konzerchef Ferdinand Piech hatte die Gläserne Manufaktur in Dresden ab 1999 als Prestigeobjekt errichten lassen. Dafür verlagerte die Stadt extra ihre Messegelände weg vom Straßburger Platz. Ab 2002 ließ VW dort den – allerdings ziemlich erfolgsarmen – Oberklasse-Wagen „Phaeton“ bauen. Auf dessen transparente Fertigung und erlebnisorientierte Auslieferung an betuchte Kunden war die gesamte Manufaktur ausgerichtet. 2016 stampfte der Konzern den Phaeton – der vielen eher als „verlängerter Passat“ erschien als wie ein Luxusauto – wegen anhaltend schwacher Verkaufszahlen ein. Danach baute die Dresdner Manufaktur erst E-Golfs, dann ID3-Stromer. Für eine kostengünstige Massenproduktion war die Mini-Fab aber viel zu klein. Im Zuge der VW-Absatzkrise von Elektroautos in Deutschland und generell von Fahrzeugen in China zog die Chefetage erneut die Reißleine und beschloss das endgültige Aus für die Autoproduktion in Dresden.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: VW Sachsen, TUD, SMWK, TUD, Oiger-Archiv, Wikipedia
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger