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Uruk: Wo Urheld Gilgamesch strahlte

Computervisualisierung des in seleukidischer Zeit entstandenen Tempels für den Himmelsgott An in Uruk. Visualisierung:  artefacts-berlin.de

Computervisualisierung des in seleukidischer Zeit entstandenen Tempels für den Himmelsgott An in Uruk. Visualisierung: artefacts-berlin.de

Tolle Sonderschau über 5000 Jahre alte „Megacity““ im Pergamonmuseum Berlin schließt in wenigen Tagen

Was haben Bürokratie und Action-Erzählungen gemeinsam? Nun, sie wurden beide von den Sumerern (etwa zeitgleich mit den Ägyptern) erfunden: Als vor rund 5000 Jahren mehrere Dörfer im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak zur vorantiken Metropole Uruk zusammenwuchsen, kamen es zu einem der großen Zivilisationssprünge der Menschheitsgeschichte: Um Tausende Menschen auf kleinstem Raum zu versorgen, um Ischtar und den anderen Göttinnen angemessene Protzbauten hinzustellen, wurden Arbeitsteilung, spezialisierte Handwerker, künstliche Bewässerung nötig – und Abrechnungen. Piktogramme wurden zu Keilschrift, Zählsteine zu Zahlen, getrieben von einem Verwaltungsapparat unter königlicher und priesterlicher Aufsicht. Die Sonderschau „Uruk – 5000 Jahre Megacity“ im Berliner Pergamonmuseum widmet sich diesen Quantensprüngen, geöffnet hat sie noch bis zum 8. September 2013.

 

 

Gilgamesch beim Löwenkampf. Foto. Olaf M. Teßmer, Staatliche Museen zu Berlin

Gilgamesch beim Löwenkampf. Foto. Olaf M. Teßmer, Staatliche Museen zu Berlin

Der alles gesehn hat überall, das Land regierte,

Der die Ferne kannte, Jegliches erfaßt hatte,

Alles an Kenntnis der Dinge allzumal hatte Anu ihm bestimmt.

Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er;

Hat Kunde gebracht von vor der Sintflut,

Fernen Weg befahren, war dabei matt einmal und wieder frisch,

Auf einen Denkstein hat er die ganze Mühsal gemeißelt.

Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,

Um das heil‘ge Eanna, den strahlenden Hort.

(Auszug aus dem Gilgamesch-Epos)

 

Erst kämpfen, dann bauen

Diese Anfangszeilen stammen aus der ältesten – bis heute bekannten – schriftlich fixierten Geschichte der Menschheit, aus dem Gilgamesch-Epos, dem die Uruk-Schau in Berlin einen ganzen Raum widmet. Erzählt wird darin die Legende von Uruks Herrscher Gilgamesch, der mit seinem wilden Kumpel Enkidu große Abenteuer erlebt und den von der Chefgöttin Ischtar gesandten Himmelstier besiegt. Als die Götter Enkidu mit dem Tode bestrafen, wird sich Gilgamesch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst und erkennt, dass er nur durch ein tatenreiches Leben zum Wohle seiner Untertanen wahre Unsterblichkeit erlangen kann – und er beginnt, die zyklopische Stadtmauer um Uruk zu errichten…

0,3 Prozent der vorantiken Weltbevölkerung in einer Metropole

Keilschrift-Tafel aus Uruk mit Getreide-Listen. Foto. Heiko Weckbrodt

Keilschrift-Tafel aus Uruk mit Getreide-Listen. Foto. Heiko Weckbrodt

Die Urfassung dieses Epos wurde vor etwa 4800 Jahren in der Keilschrift der Sumerer schriftlich festgehalten – einer Schrift, die 3300 v. u. Z. wohl vor allem entstanden war, um Getreidelieferungen, Riten und Kanalbauten zu überliefern. Getrieben wurde die Entwicklung dieser Zivilisatonstechnik durch die Entstehung solcher Städte wie Uruk – mit 40.000 bis 50.000 Einwohnern nach damaligen Verhältnissen eine unvorstellbar riesige Stadt, in der etwa 0,3 Prozent der Weltbevölkerung lebten. Zum Vergleich: Heute würde dies einer Metropole mit etwa 25 Millionen Bürgern entsprechen.

Globalisierung begann schon im Altertum

Und die spannte in den folgenden Jahrhunderten ein Handelsnetz über große Teile der der seinerzeit bekannten Welt auf, bis nach Kleinasien und Ägypten im Westen und Indien im Osten. Soviel zur Vorstellung, Globalisierung sei eine Erfindung der Neuzeit…

Die Handelsbeziehungen Uruks im Altertum. Repro: Heiko Weckbrodt

Die Handelsbeziehungen Uruks im Altertum. Repro: Heiko Weckbrodt

 

Wegen Irakkriegen setzt Forschung auf Computer und Satelliten

Gold- und Lapislazuli-Schmuck einer sumerischen Frau, die in Königsgräbern kurzerhand mitbestattet wurde. Foto: Heiko Weckbrodt

Gold- und Lapislazuli-Schmuck einer sumerischen Frau, die in Königsgräbern kurzerhand mitbestattet wurde. Foto: Heiko Weckbrodt

Da wegen der Kriegswirren und Raubgrabungen im Irak seit den 1980er Jahren kaum noch systematische Forschungen vor Ort möglich sind, greift die Wissenschaft zunehmend auf Mittel wie Satellitenerkundung, historische Klimaforschung und Computersimulationen zurück, um das Leben im Uruk der Vor-Antike zu rekonstruieren. Und dies spiegelt sich auch in der Sonderausstellung wider, die neben Leih-Exponaten aus London, Oxford, Paris und Dresden auch Animationen einsetzt.

Und wenngleich das Alltagsleben des einfachen Uruk-Bewohners bisher wenig erforscht werden konnte, versucht sich die Schau auch daran, zeigt beispielsweise in Massenproduktion gefertigte Essensrations-Schalen für Kanalarbeiter, zeigt an einer Puppenbüste den Schmuck sumerischer Frauen.

Fazit

Eine tolle Sonderausstellung, die man in dieser Komplexität der Exponate wohl so schnell nicht wiedersehen wird. Wer sich für Geschichte interessiert, sollte die wenigen Tage bis zur Schließung noch unbedingt nutzen. Heiko Weckbrodt

„Uruk – 5000 Jahre Megacity“, Sonderausstellung im Pergamonmuseum Berlin, Bodestr. 1 (Achtung: wegen Umbauten derzeit Zugang an der Seite von der Bodestraße aus), Eintritt: 14 Euro (wer das Ticket online kauft, spart einen Euro und das Anstehen), geöffnet täglich 10-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, Anreise: Auto am Besten irgendwo an einer U- oder S-Bahnstation versenken und dann mit der S5 oder S7 bis Hackscher Markt fahren), Internetseite mit weiteren Infos hier
Werbevideo des Pergamonmuseums:
 

Zum Weiterlesen:

Dresdner Maya-Kodex entschlüsselt

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