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Ifo-Chef: Maschinensteuer für Industrie 4.0 wäre absurd

In den Dresdner Chipfabriken von Infineon werden viele "Industrie 4.0"-Prinzipien schon heute erprobt - auch das Miteinander von Roboter und Mensch. Erst kürzlich hatte der Halbleiterkonzern auch die Wafer-Transporte noch einmal nachautomatisiert. Foto: Heiko Weckbrodt
In den Dresdner Chipfabriken von Infineon werden viele „Industrie 4.0“-Prinzipien schon heute erprobt – auch das Miteinander von Roboter und Mensch. Erst kürzlich hatte der Halbleiterkonzern auch die Wafer-Transporte noch einmal nachautomatisiert. Foto: Heiko Weckbrodt

Jeder fünfte Industrie-Arbeitsplatz könnte wegfallen – doch Massenarbeitslosigkeit hält Clemens Fuest für unwahrscheinlich

Dresden, 8. Juni 2017. Die nahende vierte Industrielle Revolution („Industrie 4.0“) wird nicht nur Arbeitsplätze vernichten, sondern auch neue schaffen. „Ich halte die gelegentlich geäußerten Befürchtungen, dass dadurch massenhaft Jobs verloren gehen, für übertrieben“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest auf Oiger-Anfrage in Dresden.

Angst gab es schon zur 1. Industriellen Revolution

„Diese Angst gab es schon bei der ersten Industriellen Revolution“, argumentierte der Chef des Wirtschaftswissenschafts-Instituts. „Damals konnte sich auch kaum einer vorstellen, wo all die Leute hinsollten, die bis dahin in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Doch tatsächlich sind ganz andere Arbeitsplätze entstanden.“

Prof. Dr. Clemens Fuest beim Besuch in der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Prof. Dr. Clemens Fuest beim Besuch in der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch Jobverluste für Hochqualifizierte denkbar

Ähnliche Effekte erwartet Fuest auch durch die hochautomatisierten und vernetzten Fabriken der Industrie 4.0. Allerdings sei nach allen bisherigen Prognosen tatsächlich zu erwarten, dass 15 bis 20 Prozent der bisherigen Industrie-Arbeitsplätze wegfallen werden – im besten Falle zu Gunsten neuer Berufsbilder. Schwer abzuschätzen sei indes, welche Jobs in den Betrieben wegrationalisiert werden, betonte Fuest. Vieles spreche dafür, dass Spezialisten von der Industrie 4.0 eher profitieren werden. Entgegen den bisherigen Trends in der deutschen Wirtschaft könne die nächste Transformations-Stufe der Industrie durchaus auch Jobverluste für Hochqualifizierte auslösen könne.

Zum Weiterlesen:

Was ist Industrie 4.0 eigentlich?

Zahlen Roboter künftig unsere Gehälter?

Zugleich spricht sich der Ifo-Präsident gegen eine Maschinensteuer aus, wie sie derzeit oft diskutiert wird. Die Idee dahinter: Wenn die hochautomatisierten Fabriken der Zukunft nur noch wenige Menschen beschäftigen, dann müsse der Staat eben den investierten Maschinenpark statt der Arbeiter und Unternehmer besteuern, um einen Zusammenbruch der öffentlichen Systeme zu verhindern. „Roboter künftig die Gehälter der Leute bezahlen zu lassen, ist doch ein absurder Gedanke“, kritisierte Fuest. „Ich halte eine Maschinensteuer für den falschen Weg.“ Dies mute an wie der Versuch, eine industrielle Revolution per Steuer aufzuhalten.

Kommt die menschenleere Dunkel-Fabrik?

Die Diskussionen um starke Job- und Steuerverluste werden in der Bundesrepublik vor allem durch den Umstand befeuert, dass die Industrie bis heute als das Rückgrat und der Wachstumsmotor er deutschen Wirtschaft gilt. Zugleich verstehen sich die Deutschen als technologische Pioniere der Hochautomatisierung und Vernetzung industrieller Wertschöpfungsketten.

"Industrie 4.0" meint meist hochautomatisierte Fabriken, in der Roboter, Maschinen, Werkstücke und Produkte durch Funkchips vernetzt und flexibel bzw. dezentral gesteuert werden. Foto: Bitkom
„Industrie 4.0“ meint meist hochautomatisierte Fabriken, in der Roboter, Maschinen, Werkstücke und Produkte durch Funkchips vernetzt und flexibel bzw. dezentral gesteuert werden. Foto: Bitkom

In den „Industrie 4.0“-Fabriken sollen weitgehend Computer, Maschinen und Roboter untereinander die Produktionsprozesse aushandeln. Sie werden womöglich fast menschenleer sein, vielleicht gar in ewiger Dunkelheit produzierten, um Strom zu sparen – anders als Menschen sind Roboter nicht auf sichtbares Licht angewiesen. Menschliche Helfer würden solche Werke vielleicht nur noch brauchen, um repariert zu werden. Diese Konzepte könnten allerdings dramatische Auswirkungen für den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme in Deutschland nach sich ziehen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger

Ein Gedanke zu „Ifo-Chef: Maschinensteuer für Industrie 4.0 wäre absurd

  • Bernd Junghans

    Es wäre doch schön, wenn sich die für die Wirtschaftsforschung bezahlten Gelehrten auch mal Gedanken machen würden, wohin die digitale Revolution die Gesellschaft führt. Abwehrschlachten, wie sie Herr Fuest auch hier vollführt, zeugen nur von Kenntnis- und Ideenlosigkeit. Bisher haben sich vor allem IT-Wissenschaftler (z.B. E. Brynjolfsson, McAffe vom MIT) und Praktiker wie der IT-Unternehmer Martin Ford aus dem Silicon Valley dazu geäußert und gezeigt, dass in absehbarer Zukunft bis zu 80% der uns heute bekannten Arbeitsplätze wegfallen werden. Die Gesetzmäßigkeiten dieser gesellschaftlichen Entwicklung hat als erster der britische Autor Paul Mason in seinem Buch „Postkapitalismus“ überzeugend analysiert. Das Buch wäre den Ifo-Mitarbeitern als Pflichtlektüre zu empfehlen.

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