Sachsens Unis prüfen, ob sie Flüchtlingshilfe als Studienleistung anerkennen

Bisher aber eher verhaltene Resonanz auf Vorstoß von Wissenschaftsministerin Stange
Dresden/Freiberg/Chemnitz/Leipzig, 12. Januar 2016. Die sächsischen Universitäten beziehungsweise deren Fakultäten prüfen derzeit, ob sie den Einsatz ihrer Studenten für die Flüchtlingshilfe als Studienleistungen oder Praktika anerkennen. Allerdings äußerten sie sich auf Oiger-Anfrage eher zurückhaltend über einen entsprechenden Vorschlag der sächsischen Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD). Tenor: Wenn zum Beispiel sozial- oder sprachwissenschaftliche Studenten Sprachkurse oder Kulturangebote für Asylbewerber ehrenamtlich organisiert haben, sei eine Anerkennung als Praktikum prinzipiell vorstellbar – aber kaum für alle Studenten bis hin zu den technischen Fachrichtungen.
Bergakademie Freiberg begrüßt ministeriellen Vorschlag
„Die TU Bergakademie Freiberg begrüßt die Initiative von Ministerin Dr. Eva-Maria Stange, das Engagement Studierender in der Flüchtlingshilfe als Praktikum oder als Credit Points, also als Studienleistung, anrechnen zu lassen“, erklärte Ulf Walther von der Pressestelle der Bergakademie Freiberg. Derzeit arbeite die Uni daran, „freie Wahlmodule oder Zusatzmodule mit gesellschaftlichem Engagement entsprechend den gesetzlichen Vorgaben zu schaffen“. Aber: „Da wir als Technische Universität überwiegend technische Studiengänge anbieten, gestaltet sich dies etwas komplexer, als es an Hochschulen mit beispielsweise pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen der Fall ist.“
TU Dresden: Diskussion in den Fakultäten
Die Entscheidung darüber, ob Flüchtlingshilfe etwa als Praktikum anerkannt werde, liege bei den Fakultäten – und die befassen sich derzeit mit dieser Frage, berichtete Sprecher Mathias Bäumel von der TU Dresden. „Neben dem Fachwissen müssen in allen Studiengängen auch fächerübergreifende Kompetenzen erworben werden. Daher gibt es in allen Studiengängen Module, in denen sich soziales Engagement, hier insbesondere ehrenamtliches Engagement für Flüchtlinge, möglicherweise einordnen lässt“, schätzte Mathias Bäumel ein. „In einigen Fakultäten wird derzeit diskutiert, wie eine Anerkennung durch Leistungspunkte konkret erfolgen kann.“ Mit einer schnellen und pauschalen Entscheidung sei kaum zu rechnen. So sei zum Beispiel schwer vorstellbar, wie etwa ein Maschinenbau-Student die Essensausgabe in einer Flüchtlingsunterkunft als Praktikum geltend machen könnte.
TU Chemnitz: Auch Würdigung durch Deutschlandstipendien erwägenswert
„Falls ehrenamtliches Engagement sich mit den Anforderungen einer Studienordnung deckt, wäre eine Anerkennung als Studienleistung prinzipiell denkbar, zum Beispiel als Praktikum“, betonte Sprecher Mario Steinebach von der TU Chemnitz. Bisher sei ihm aber „kein Fall bekannt, wo ehrenamtliches Engagement auf dem Gebiet der Flüchtlingshilfe als Praktikum oder mit Credit Points anerkannt wurde.“ Indes verwies Mario Steinebach auf Alternativen, um studentische Flüchtlingshilfe zu würdigen. „Ich denke dabei an die Vergabe von Deutschlandstipendien, denn neben Begabung und Leistung zählt hier unter anderem auch das gesellschaftliche Engagement.“
Uni Leipzig: Bisher keine Anerkennung bekannt
Die eigenständige Entscheidungshoheit der Prüfungsausschüsse in den einzelnen Studiengängen, unterstrich Susann Huster von der Pressestelle der Uni Leipzig. Ihr sei allerdings noch kein Fall bekannt geworden, in dem Flüchtlingshilfe als studentische Leistung anerkannt wurde.
Dankeschön-Party für studentische Helfer

Hintergrund: Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange hatte am vergangenen Wochenende eine Dankeschön-Party für Studenten ausgerichtet, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Dabei hatte die SPD-Politikerin die Hochschulen „ermuntert“, dieses Engagement als „Credit Points“ (Studien-Leistungspunkte) oder Praktika zu honorieren. Da in den vergangenen Monaten in Sachsen mehrere Hochschul-Sporthallen in Flüchtlingsheime umgewandelt worden waren, hatten Hunderte Studenten diese Nähe genutzt, um für die Flüchtlinge zum Beispiel Sprachkurse, Kulturangebote, Treffen, Essensausgaben und anderes mehr zu organisieren. An der TU Dresden dienten und dienen beispielsweise die Sporthalle an der Nöthnitzer Straße, ein Zelt auf dem Sportplatz an der August-Bebel-Straße sowie die „Neue Mensa“ als Flüchtlings-Unterkünfte.
Autor: Heiko Weckbrodt

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Ein ungewöhnlicher Vorschlag von Wissenschaftsministerin Stange und doch gar nicht so weit hergeholt.
Wir alle konnten erleben, welche baulichen, organisatorischen, logistischen, kommunikativen und sonstigen Herausforderungen die Flüchtlingsthematik mit sich bringt. Sprache und Kultur sind zwei Bereiche, die spontan auch mit wenig Aufwand zu übermitteln sind, auch von StudentInnen (wie auch BürgerInnen). Dass es mit der Anerkennung von sogenannten Creditpoints für praktika-ähnliche Tätigkeiten nicht einfach bestellt ist liegt auf der Hand – schließlich gab es so etwas bisher nicht.
Bei der Vielfalt der Herausforderungen in Bezug auf die Flüchtlingsthematik, auch in sächsischen Städten und Universitätsstandorten, eine Chance für sämtliche Fakultäten der Hochschulen sich praktisch in das Feld „Action Research“ zu begeben und StudentInnen eine ganz neue Chance der Praktikumserfahrung zu ermöglichen.
Warum nicht?