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Kamerapionier Benno Thorsch wieder im Gedächtnis von Dresden verankern

Benno B. Thorsch 1921 in  Dresden-Pillnitz. Foto: TSD, Schenkung Thorsch, Santa Barbara

Benno B. Thorsch 1921 in Dresden-Pillnitz. Foto: TSD, Schenkung Thorsch, Santa Barbara

Technische Sammlungen zeigen Ausstellung über fast vergessenen Innovator

Dresden, 22. Juni 2024. Mit einer neuen Ausstellung wollen die „Technischen Sammlungen Dresden“ (TSD) ein fast vergessenes Kapitel der Dresdner Kameraindustrie wieder ins kollektive Bewusstsein der Stadt zurückholen: „Dresden – Los Angeles“ erzählt die Geschichte von Benno B. Thorsch (1898 – 2003), der die hiesige Branche jahrelang mitprägte, dann aber wegen seiner jüdischen Wurzeln Deutschland verlassen musste. Möglich wurde die Exposition, weil die Familie Thorsch dem Striesener Technikmuseum den unternehmerischen Nachlass des Gründers vermacht hat. Darunter sind Dokumente, Fotografien, persönliche Erinnerungsstücke, originale Filme und eine von Fritz Maskos 1934 geschaffene Bronzebüste.

Wichtige Persönlichkeit der Dresdner Fotografie- und Kamerageschichte

„Benno Thorsch gehört zu den Persönlichkeiten, die einen Platz im kollektiven Gedächtnis Dresdens einnehmen sollten, wenn es um die Dresdner Fotografie- und Kamerageschichte im 20. Jahrhundert geht“, betont TSD-Fototechnik-Kurator Dr. Andreas Krase. „Mit der Übergabe der Schenkung können wir nicht nur mehr über die Kameraindustrie unserer Stadt erfahren. Wir erhalten auch einen weiteren Einblick in die Vielfalt der Exilgeschichte, bedingt durch die NS-Diktatur.“

Für die "Pilot"-Kamera bekam Benno B. Thorsch 1931 sein erstes Patent. Foto: Anja Schneider für die TSD

Für die „Pilot“-Kamera bekam Benno B. Thorsch 1931 sein erstes Patent. Foto: Anja Schneider für die TSD

Schweizer Kaufmann gründete in Niedersedlitz Kamera-Werkstätten

Die Vorgeschichte: 1919 gründete der Schweizer Kaufmann Benno B. Thorsch zusammen mit Paul Guthe in Niedersedlitz am Dresdner Stadtrand die „Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch Dresden“. Durch eine „kluge Modellpolitik“ und Orientierung auf den Export – so Kurator Krase – wuchs die Werkstatt recht rasch zu einem wichtigen Kameraproduzenten. Und dies, obwohl die Konkurrenz in Sachsen stark und die Überkapazitäten in der Branche bereits erheblich gewachsen waren. Ab 1930 ließ sich Thorsch eigene fotografische Modelle patentieren. Thorsch habe noch einige „wegweisende neue Produkte auf den Markt“ bringen können, bevor er 1938 nach Amerika floh, schätzen die TSD-Experten ein. Dazu gehörte beispielsweise die „Patent-Etui-Kamera“, eine sehr kleine Faltkamera, und die „Pilot“, die erste zweiäugige Spiegelreflexkamera. Unter seiner Regie entwickelte das Unternehmen auch noch „Praktiflex“, eine Vorgängerin der späteren „Practica“. Diese einäugige Kleinbildspiegelreflexkamera ging aber erst 1938 in die Massenproduktion, als bereits Charles A. Noble die Kamera-Werkstätten von Thorsch in Niedersedlitz übernommen hatte.

„Name praktisch ausgelöscht“

Durch die Emigration habe Thorsch den Zugriff auf noch in Entwicklung befindliche Produktmuster verloren, erklärt Kruse. „Er konnte danach sein geistiges Eigentum an ihnen nicht mehr aktiv wahrnehmen. Seine Bedeutung bei der Entwicklung des über Jahrzehnte dominierenden Produkts der Dresdner Kameraindustrie, der Spiegelreflexkamera, war schließlich nur noch wenigen Experten bekannt, sein Name praktisch ausgelöscht.“

Thorschs Geschäft „Studio City Camera Exchange“ 1950 in Los Angeles. Foto: TSD, Schenkung Thorsch, Santa Barbara

Thorschs Geschäft „Studio City Camera Exchange“ 1950 in Los Angeles. Foto: TSD, Schenkung Thorsch, Santa Barbara

Tauschgeschäft: Noble bekam Dresdner Betrieb, Thorsch bekam Nobles Detroiter Fotoladen

Thorsch selbst blieb auch in seiner neuen Heimat der Fototechnik treu. Er stellte dort allerdings keine Kameras mehr her. Vielmehr hatte er mit dem Deutsch-Amerikaner Charles A. Noble in Vorbereitung auf seine Emigration ein Tauschgeschäft arrangiert: Noble bekam die Kamerawerkstätten in Niedersedlitz, die später Teil des VEB Pentacon Dresden wurden, Thorsch übernahm dafür Nobles Fotogeschäft in Detroit. 1944 gründete er dann zusammen mit seinem Sohn Bernward Thorsch (1920 – 2015) das Spezialgeschäft „Studio City Camera Exchange“ in Los Angeles. Erst 2006 schloss Bernward Thorsch nach insgesamt 62 Jahren dieses Familienunternehmen in den USA. Nach mehr als sieben Jahrzehnten, im Jahr 2010, besuchte er schließlich auch seine ehemalige Heimatstadt wieder.

Familie Thorsch komplett von links nach rechts: Schwiegertochter Cynthia Thorsch; Benjamin Thorsch (Urenkel von Benno B. Thorsch) mit den beiden Kindern Owen und Zoe; Prof. Dr. Jennifer Thorsch; Charles Thorsch (Ehemann von Prof. Dr. Jennifer Thorsch). Foto: Anja Schneider für die TSD

Familie Thorsch von links nach rechts: Schwiegertochter Cynthia Thorsch; Benjamin Thorsch (Urenkel von Benno B. Thorsch) mit den beiden Kindern Owen und Zoe; Prof. Dr. Jennifer Thorsch; Charles Thorsch (Ehemann von Prof. Dr. Jennifer Thorsch). Foto: Anja Schneider für die TSD

Schenkung lieferte wichtige Puzzle-Teile

Die Thorsch-Schenkung sei für die TSD ein echter Glücksfall gewesen, meint Kurator Krase: „Wir wussten von der Existenz und Bedeutung der Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch gerade auch für die Geschichte der Dresdner Fotoindustrie nach 1945. Doch fehlten entscheidende Informationen, bedingt durch die Emigration des Unternehmers und seiner Familie, die erst zu einem Zeitpunkt zugänglich wurden, als niemand mehr damit rechnete. Es ist ein ungeheurer Glücksumstand, dass uns Bernward Thorsch als Zeitzeuge dabei helfen konnte.“

Kurzüberblick

  • Ausstellung: „Dresden – Los Angeles“
  • Laufzeit: 20. Juni bis 11. August 2024
  • Ort: Technische Sammlungen Dresden, Junghansstraße 1-3, 01277 Dresden
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 9 bis 17 Uhr, samstags, sonntags 10 bis 18 Uhr
  • Mehr Infos unter www.tsd.de.

Autor: Oiger

Quellen: TSD, Wikipedia. Oiger-Archiv

 

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt