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Sachsens Industrie verliert fast drei Milliarden Euro Umsatz

Zellmontage im Batteriewerk von Accumotive-Daimler in Kamenz. Was aber tun mit den Akkus, wenn sie aus dem Elektroauto wegen Reichweiteverlusten wieder ausgemustert werden? Ist ein Einsatz als stationärer Energiespeicher sinnvoller oder ein direktes Recycling? Foto: Heiko Weckbrodt

Die ostsächsische Elektroindustrie schwächelt. Hier im Archivfoto ist die Zellmontage im Batteriewerk von Accumotive-Daimler in Kamenz zu sehen. Foto: Heiko Weckbrodt

IHK-Umfrage: Talfahrt in ostsächsischer Wirtschaft hält an, Talsohle ist aber womöglich in Sicht

Dresden, 22. Mai 2024. Die ostsächsische Wirtschaft ist weiter auf Talfahrt – vor allem die Autoindustrie, Chipfabriken und Stahlwerke, die teils herbe Umsatzeinbußen hinnehmen mussten. Das geht aus der Frühjahrsumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden hervor. Allerdings gebe es auch erste Indizien für eine „Bodenbildung“, schätzt IHK-Präsident Andreas Sperl ein. Etwas überraschend mehren sich insbesondere in der krisengeschüttelten Bauwirtschaft gewisse Erholungssignale.

Kammerpräsident Sperl: „Erholung leider erneut verschoben“

Inge samt sei die wirtschaftliche Lage im Kammerbezirk jedoch sehr bedenklich, betonte Sperl. „Die lange erwartete Erholung hat sich leider erneut verschoben.“ Das IHK-Konjunkturbarometer zeige einen deutlichen Abwärtstrend und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen sinke ebenfalls weiter.

Im "Risikoradar" der IHK-Umfrage sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Frühjahr 2024 auf Platz 1 vorgerückt. In offenen Rückmeldungen kritisierten viele Unternehmen vor allem die Bundesampel. Grafik: IHK Dresden

Im „Risikoradar“ der IHK-Umfrage sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Frühjahr 2024 auf Platz 1 vorgerückt. In offenen Rückmeldungen kritisierten viele Unternehmen vor allem die Bundesampel. Grafik: IHK Dresden

Wirtschaftspolitik der Bundesampel rückt im „Risikoradar“ auf Platz 1

Schuld sind nach Ansicht der befragten Unternehmer vor allem die schlechte Wirtschaftspolitik der Bundesampel, die hohen Personal- und Energiekosten und der Fachkräftemangel. Das geht nicht nur aus den festen „Ankreuz-Fragen“ in der IHK-Erhebung hervor, sondern auch aus vielen offenen Rückmeldungen aus der Unternehmerschaft. „Die Kritik bleibt meist sachlich, ist aber deutlich“, berichtet IHK-Sprecher Lars Fiehler. Demnach bemängeln anteilig die meisten Betriebe ausufernde Staatseingriffe durch EU und Bund, wachsende Bürokratie statt des versprochenen Vorschriften-Abbaus und sprunghafte Entscheidungen in Berlin. „Um die Investitionsbereitschaft wieder zu befeuern, brauchen wir unter anderem eine verlässlichere Wirtschaftspolitik vor allem des Bundes und einen Regulierungsabbau“, fordert Andreas Sperl. Mit Blick darauf, dass inzwischen die „wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ inzwischen auf Rang 1 im „Risikoradar“ der Unternehmerschaft aufgerückt sei, betont der IHK-Präsident: Der Staat hat hier alle Hebel in der Hand.“

Starke Rückgänge in Auto- und Akku-Fabriken, Stahlwerken und Lebensmittelindustrie

Sehr deutlich wird der Abwärtstrend in der Industrie, die über Jahre hinweg als sächsischer Konjunkturmotor galt: In den ostsächsischen Stahlwerken und bei anderen Metallerzeugern, die besonders empfindlich auf hohe Energiepreise reagieren, sind die Umsätze im ersten Quartal 2024 um fast ein Fünftel abgesackt. Im Ernährungssektor sanken die Umsätze im Vergleich zum Vorjahresquartal um 8,6 Prozent, im Maschinenbau um fünf Prozent. Besonders drastisch war der Einbruch in der Elektrobranche, die über ein Drittel ihrer Quartalsumsätze verloren hat. Womit wir wieder beim Vorwurf einer sprunghaften Bundespolitik wären. Denn der Abschwung in der ostsächsischen Elektroindustrie ist unter anderem ein indirekter Effekt der abrupt gestrichenen Elektroauto-Kaufprämie: Der darauf folgende Nachfolge-Einbruch für Stromer bremste nicht nur die – bereits auf Elektromobilität transformierten – VW-Werke in Zwickau und Dresden samt ihrer Zulieferer in der Region aus. Dies traf eben auch die Akku-Hersteller der „Deutschen Accumotive“ in Kamenz, deren Hauptabnehmer die ebenfalls schwächelnde Elektroauto-Sparte von Daimler Benz ist.

Selbst erfolgsverwöhnte Mikroelektronik im „Silicon Saxony“ mit Umsatzeinbußen

Auch ein weiteres Zugpferd der sächsischen Industrie schwächelt, trotz der jüngsten Ansiedlungserfolge: Kannte die Mikroelektronik im Großraum Dresden nach der Qimonda-Pleite 2009 über Jahre hinweg fast nur einen Trend, nämlich „aufwärts!“, so sind im ersten Quartal 2024 die Umsätze in diesem Sektor um 3,3 Prozent gesunken. Daran dürfte allerdings nicht nur die Politik der Bundesampel schuld sein, die ja vielmehr sogar Milliarden Subventionen in diese Branche pumpt. Vielmehr spielen hier wohl der globale „Schweine-Zyklus“ der Mikroelektronik, die hohen Energiepreise – die zuletzt allerdings wieder etwas gesunken sind – sowie die Nachfrageschwäche aus der Autoindustrie und generell aus der Industrie eine Rolle.

Quartalsumsatz in Sachsens Industrie um 13 % geschrumpft

In Summe habe die sächsische Industrie binnen einen Quartales fast drei Milliarden Euro beziehungsweise 13,3 Prozent Umsatz eingebüßt, berichtet IHK-Sprecher Fiehler. Denn nicht allein im Raum Dresden gibt es industrielle Einbußen: Im Kammerbezirk Chemnitz ist die Lage wegen der starken Dominanz der VW-Elektroautofabriken sogar noch angespannter. Hinzu kommen die generell in vielen Firmen schrumpfenden Erträge, die die IHK allerdings nicht in Euro und Cent abgefragt hat. Und gerade bei den eher kleinen und mittleren und oft inhabergeführten Industrie-Unternehmen in Sachsen bedeuten sinkende Gewinne eben im Regelfall nicht nur einfach weniger Renditen für Anteilseigner, sondern vor allem noch kleinere Spielräume für die regionalen Unternehmen, zu investieren und ihre ohnehin zu niedrigen Eigenkapital-Reserven aufzustocken.

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden

Hoffnungssignale in der Bauwirtschaft

Allerdings hat die IHK auch Aufwärtssignale aufgefangen – und das ausgerechnet aus der zuletzt besonders krisengeschüttelten Baubranche. „Die Auftragsbücher füllen sich dort wieder“, berichtet Präsident Sperl. Ein Grund sei anscheinend die Hoffnung auf eine baldige Zinswende der „Europäischen Zentralbank“ (EZB), die dann wiederum die Baukredite wieder verbilligen würden. Weiter haben wohl viele Baubetriebe angesichts schwacher Auslastung nun doch ihre eigenen Preise gesenkt. Außerdem seien die Baumaterialkosten wieder etwas gefallen, auch haben sich wohl die Finanzierungsmöglichkeiten für Bauherren leicht verbessert, schätzt Lars Fiehler ein. In der Folge melden viele Baufirmen neue Aufträge von Wohnungs- und Häusle-Bauherren, aber auch aus dem gewerblichen Sektor.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IHK Dresden, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt