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Schock, die Zweite: Deutschland stürzt im Pisa-Schülervergleich ab

Deutschland stürzt im Pisa-Vergleichstest ab. Schule, Klasse Visualisierung: Dall-E

Deutschland stürzt im Pisa-Vergleichstest ab. Visualisierung: Dall-E

Wirtschaftsforscher rechnen mit 14 Billionen Euro Wohlstandsverlust in diesem Jahrhundert

Berlin, 5. Dezember 2023. Die Schüler in Deutschland sind im internationalen „Pisa“-Leistungsvergleich massiv abgesackt. Wirtschaftsforscher rechnen mit einem starken Wohlstandsverlust durch diesen Absturz. Die Ergebnisse seien besorgniserregend, heißt es auch aus dem Bundesbildungsministerium in Berlin.

Ifo: Schlimmer als beim 1. Pisa-Schock

„Einen derartigen Rückgang der Bildungsergebnisse hat es noch nie gegeben. Mittlerweile sind die Leistungen sogar unter das Niveau gefallen, das vor gut 20 Jahren den ersten PISA-Schock ausgelöst hat“, warnt Ifo-Bildungsökonom Ludger Wößmann. „Der Rückgang von 25 Pisa-Punkten, wie wir ihn gerade in Mathematik gesehen haben, kostet Deutschland langfristig rund 14 Billionen Euro an Wirtschaftsleistung bis zum Ende des Jahrhunderts.“ Denn gute Bildung sei die wichtigste Basis für den Wohlstand der deutschen Gesellschaft.

„Befunde sind besorgniserregend“

„Die Befunde der Pisa-Studie sind besorgniserregend“, findet auch Bundes-Bildungsstaatssekretär Jens Brandenburg. „Wir brauchen dringend eine Trendwende und müssen die Anstrengungen erhöhen, um die Grundkompetenzen aller Schülerinnen und Schüler zu stärken.“ Besonders wichtig sei, „sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche“ gezielt zu fördern.

Politiker suchen Schuld bei Corona und „zunehmend heterogener Schülerschaft“

Die Schuld am deutschen Pisa-Desaster sieht die Kultusministerkonferenz-Präsidentin Katharina Günther-Wünsch vor allem in den Schulschließungen währen der Corona-Zeit, einer „zunehmend heterogene Schülerschaft“ sowie Lehrer- und Lehrmittelengpässen. Wichtig sei es unter anderem, eingewanderte Schüler besonders zu unterstützen, mehr Ressourcen in Sprachförderung, Mathe und andere Basiskompetenzen zu investieren.

Bitkom-Chef: Wieviele Weckrufe braucht Deutschland noch?

Auch der deutsche Rückstand in der digitalen Transformation spiele eine Rolle, schätzt der deutsche Digitalwirtschafts-Verband „Bitkom“ in Berlin ein. „Man fragt sich, wie viele Weckrufe es noch braucht, bis Deutschlands Bildungspolitik endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht“, kritisiert Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Es darf jetzt kein Weiter-So mehr geben. Deutschlands Schulen müssen so schnell wie möglich, flächendeckend und umfassend digitale Medien einsetzen, um ihrem Bildungsauftrag verantwortungsvoll nachkommen zu können. Digitale Technologien sind die Antwort auf eine der größten Herausforderungen, vor der Schulen stehen: der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern.“

Die Konsequenzen aus den schlechten Leistungen der Schüler, wie sie sich im Pisa-Test spiegeln, sieht der Bitkom-Hauptgeschäftsführer ähnlich wie die Ifo-Experten: „Wenn wir langfristig international wettbewerbsfähig bleiben wollen, muss dieser Bildungsrückstand dringend aufgeholt und unser Bildungssystem endlich zeitgemäß gestaltet werden.“

2 Stunden Tests in Sprache, Mathe und Naturwissenschaften

Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) organisiert seit dem Jahr 2000 im Dreijahres-Rhythmus internationale Schüler-Vergleichstests in ihren Mitgliedsstaaten und darüber hinaus aus. Sie sind als Pisa-Studien bekannt, das steht für „Programs for International Student Assessment“ (deutsch: Programm zur internationalen Schülerbewertung). In der Praxis handelt es sich jeweils um einen zweistündigen Test am Computer in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Außerdem werden von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulleitungen Fragebögen zu Hintergrundmerkmalen und Lehr-/Lernbedingungen ausgefüllt.

Erste Studie hatte in Deutschland einen „Pisa-Schock“ und Reformen ausgelöst

Die Ergebnisse für Schüler in Deutschland waren bereits im Premierenjahr 2000 so desaströs, dass von einem deutschen „Pisa-Schock“ die Rede war. Dieser Schock löste eine Reihe von Bildungsreformen in der Bundesrepublik, teils deutlich differenziert nach Bundesländern aus. Nachdem Deutschland in der Folge deutlich aufgeholt hatte, sind die nun veröffentlichten jüngsten Testergebnisse erneut sehr ernüchternd.

Beim Lesen und Rechnen nur noch Mittelmaß

„Die mittleren Kompetenzen 15-Jähriger in Deutschland liegen in Mathematik bei 475 Punkten (OECD 472), in Lesen bei 480 Punkten (OECD 476) und in den Naturwissenschaften bei 492 Punkten (OECD 485)“, skizziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin die Kernbefunde. Damit liegen die Jugendlichen in Deutschland in Mathematik und Lesen im OECD-Durchschnitt. In den Naturwissenschaften liegt Deutschland nach wie vor über dem OECD-Durchschnitt. In allen drei Domänen (Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften) sind deutliche Kompetenzverluste im Vergleich zur letzten Erhebung 2018 zu verzeichnen: Mathematik minus 25 Punkte; Lesen minus 18 Punkte und Naturwissenschaften minus 11 Punkte. Der OECD-Durchschnitt verringerte sich ebenfalls, aber weniger stark als in Deutschland.“

Nur jedes 2. Zuwanderer-Kind spricht daheim Deutsch

Unter „weitere Ergebnisse“ führt das Ministerium aus:

  • In fast allen europäischen Staaten zeigt sich eine geringere mathematische Kompetenz bei Jugendlichen aus zugewanderten Familien im Vergleich zu Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund. Besonders starke Disparitäten zeigen sich in Deutschland.
  • Vor allem zugewanderte Jugendliche der ersten Generation, die selbst nach Deutschland zugewandert sind, weisen im Durchschnitt eine deutlich niedrigere mathematische Kompetenz auf. Allerdings haben sich auch Jugendliche ohne Zuwanderungshintergrund verschlechtert, über Schulformen und Leistungsniveaus hinweg.
  • Für die zweite Generation der zugewanderten Jugendlichen, deren Eltern im Ausland geboren sind, sind 2022 Kompetenzrückstände zu großen Teilen auf sozio-ökonomische Aspekte und den häuslichen Sprachgebrauch zurückzuführen.
  • Nur noch knapp über die Hälfte der Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund sprechen zu Hause Deutsch (2012 72 Prozent) und in der Teilgruppe der Jugendlichen der ersten Generation sind es nur 13 Prozent (2012 36 Prozent).

Autor: hw

Quellen: BMBF, Ifo, Wikipedia, OECD

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt