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Winter-Rezession fällt für Sachsen schwächer aus als gedacht

Die Ökonomen haben ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft weiter herunterkorrigiert. Grafik: Heiko Weckbrodt

 Grafik: Heiko Weckbrodt

Ifo-Forscher rechnen für 2023 mit stagnierender Wirtschaft im Freistaat

Dresden, 21. Dezember 2022. Die Winterrezession malätriert Sachsen nicht ganz so übel wie noch vor ein paar Monaten erwartet. Allerdings sorgt das starke industrielle Rückgrat der sächsischen Wirtschaft dafür, dass der Abschwung im Freistaat zunächst tiefer ausfällt als in den anderen ostdeutschen Ländern. Das hat Prof. Joachim Ragnitz vom Wirtschaftsforschungsinstitut „Ifo“ in Dresden heute prognostiziert. „Letztlich kommt es nicht so schlimm wie gedacht“, fasst der Ökonom die jüngsten Befunde zusammen.

Demnach hat die sächsische Wirtschaft 2022 um 1,7 Prozent zugelegt und stagniert im Folgejahr. Damit verschiebt sich der langerwartete Post-Corona-Aufschwung laut Prognose weiter nach hinten. Die ostdeutsche Wirtschaft im Ganzen ist 2022 sogar um 2,1 Prozent gewachsen und wird 2023 leicht schrumpfen – um 0,2 Prozent.

Die Ifo-Prognosen für Sachsen und Ostdeutschland für 2022 und 2023 (Stand: Dezember 2022). Tabelle: Ifo Dresden

Die Ifo-Prognosen für Sachsen und Ostdeutschland für 2022 und 2023 (Stand: Dezember 2022). Tabelle: Ifo Dresden

Auf der Plusseite: viele Corona-Blockaden gelockert, Bürger haben Konsumwünsche nachgeholt

In diesem Jahr sind mehrere gegenläufige Entwicklungen zusammengestoßen: Nachdem die Regierungen in Deutschland und anderen Staaten die Corona-Beschränkungen gelockert hatten, kam es zunächst zu einem Aufschwung, weil vor allem die privaten Konsumausgaben stiegen: Viele Deutsche holten Urlaubspläne und aufgeschobene Anschaffungen nach, gingen wieder in Restaurants essen und auch der Bausektor hatte ohnehin schon die ganze Zeit für Impulse gesorgt. Außerdem verringerten sich in der Spätphase der Pandemie die Lieferengpässe und Containerschiffstaus, was wiederum der Industrie ermöglichte, aufgestaute Aufträge besser abzuarbeiten.

Auf der Minusseite: Russischer Krieg, Energiepreise und Inflation schieben Wirtschaft in Richtung Abschwung

Anderseits hielt China aber lange an seiner Null-Covid-Politik fest und dadurch verschwanden die Lieferkettenprobleme eben auch nicht ganz so schnell wie erst gedacht. Der russische Angriff auf die Ukraine schob das weltwirtschaftliche Pendel dann in Richtung Rezession: Der Krieg und die folgenden Sanktionen sowie Einkaufstouren des Westens trieben die Preise für Gas, Öl und Strom enorm in die Höhe. Dies wirkte wie ein Katalysator auf Inflation und Abschwung im Westen, die sich bereits vorher ein Stück weit abgezeichnet hatten. Und die Inflation dämpft die privaten Konsumausgaben inzwischen wieder aus, auch wenn die staatlichen Eingriffe aus Berlin vorübergehend Energiepreise und sonstige Kostenexplosionen abfedern. Parallel dazu laborieren viele Industriezweige mit Transformationsprozessen.

In Sachsen kam noch der frühe Umstieg der Autofabriken auf Stromer hinzu

Und aus diesen widersprüchlichen Trends erklärt sich auch die Prognose für Sachsen: Die Turbulenzen, Transformationszwänge und Welthandels-Hindernisse des Jahres 2022 trafen Autobau (Umstieg auf Elektroautos), Mikroelektronik, Maschinenbau und andere Industriezweige im Freistaat stärker als die anderen ostdeutschen Länder, in denen die Wirtschaft stärker auf die – zunächst angezogene – Binnennachfrage orientiert ist. 2023 wird sich das wohl ein Stück weit umkehren. Denn China hat sich von seiner Null-Covid-Politik verabschiedet, viele Lieferengpässe verringern sich und offensichtlich hat die Industrie die Energieprobleme im Zuge des Russland-Ukraine-Krieges bisher besser in den Griff bekommen als anfangs befürchtet

Zapfsäulen-Chaos blieb in Ostdeutschland aus

Zu leeren Tankstellen wie in Großbritannien, Frankreich oder Vietnam ist es beispielsweise in Ostdeutschland und Sachsen nicht gekommen, obwohl in Schwedt kaum noch russisches Öl über die Druschba-Trasse erhält. Die Raffinerien seien aber immer noch zu 70 Prozent ausgelastet und produzieren offensichtlich genug Diesel und Benzin, damit die ostdeutsche Wirtschaft nicht zusammenbricht. Offensichtlich habe Schwedt wie auch Leuna die Probleme bisher besser aufgefangen als befürchtet, so Ragnitz. Beliefert wird Schwedt zunehmend über eine Pipeline aus Rostock, also über die Ostsee, und über Danzig. Später will auch Kasachstan noch gen Ostdeutschland liefern.

Prof. Joachim Ragnitz ist Stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Joachim Ragnitz. Foto: Heiko Weckbrodt

Derzeit zeichne sich insofern (noch) keine echte Mangellage bei Gas oder Öl ab, meint Ragnitz. „Wenn sich das ändert und die nächsten Winter besonders kalt ausfallen, werden wir unsere Prognosen neu schreiben müssen“, weiß er aber auch.

Autor: hw

Quelle: Ifo-PK