Funk, KI, Mobilität, zAufi

Ingenieure wollen Zug aus 340 km Distanz per 5G fernsteuern

Der Experimental-Triebwagen "Lucy" vom französischen Konzern Thales. Foto: Arndt Hecker für den SRCC

Der Experimental-Triebwagen „Lucy“ vom französischen Konzern Thales. Foto: Arndt Hecker für den SRCC

Erzgebirge forscht am automatisierten Bahnverkehr der Zukunft

Schlettau, 21. November 2022. Auf dem Weg zum hoch automatisierten Zugverkehr der Zukunft geht der erzgebirgische Bahntechnik-Forschungsverbund „Smart Rail Connectivity Campus“ (SRCC) nun den nächsten Schritt: Am Mittwoch wollen sie einen Thales-Experimentalzug mit Menschen ab Bord im Erzgebirge von einer 340 Kilometer entfernten Zentrale in Braunschweig aus fernsteuern. Dabei setzen sie auf den besonders reaktionsschnellen Mobilfunk der 5. Generation (5G). Das geht aus einer Ankündigung des SRCC und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hervor.

Mancherorts gibt es schon Fernsteuer-Bahnen im Nah- und Güterverkehr

Ferngesteuerte Bahnen sind per se nichts völlig Neues und ist teils auch schon im Praxiseinsatz: bei der S-Bahn in Hamburg beispielsweise, der Güter-Eisenbahn in den Niederlanden, die U-Bahn in Nürnberg, die Flughafenbahn in Paris und so weiter. Menschen über längere Regional- oder Fernstrecken zu befördern, hat jedoch eine andere Qualität: weil Kabellösungen dann kaum in frage kommen, dennoch sehr kurze Reaktionszeiten auf unfallträchtige Hindernisse wichtig sind und die Sicherheitsanforderungen eben einfach größer sind als im Nah- oder Güterverkehr.

Steuerzentrale diesmal in Braunschweig statt nebenan

Auch das SRCC-Konsortium hatte 2019 bereits einen Schienen-Triebwagen im erzgebirgischen Schlettau per 5G ferngesteuert – damals allerdings durch eine Steuerzentrale in der Nachbarschaft. Nun aber wird die Hunderte Kilometer entfernte DLR-Leitstelle in Braunschweig den Forschungstriebwagen „Lucy“ des französischen Thales-Konzerns in Sachsen fernsteuern. „Damit ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Automatisierung im modernen Bahnverkehr getan“, heißt es in der Ankündigung.

Technologie könnte verlustreiche Regionalstrecken wieder attraktiv machen

Bahnunternehmen interessieren sich einerseits für ferngesteuerte Züge, weil sich damit Personal sparen lassen. Anderseits lassen sich auf diese Weise aber womöglich künftig auch Regionalstrecken wieder zu vertretbaren Kosten betreiben, die sonst nur Verluste einfahren. Vor allem in Kombination mit Zügen, die ohnehin für den autonomen, fahrerlosen Betrieb gebaut sind, dürfte eine zuverlässige Fernsteuerung wichtig werden. Denn bisher sind Künstliche Intelligenzen (KI) am Fahrerpult längst noch nicht zu solch komplexen und zugleich raschen Entscheidungen wie ein routinierter menschlicher Lokführer imstande. Wenn Menschen aber aus der Ferne eingreifen können, wenn sich die KI verheddert oder überfordert ist, erhöht das die Sicherheit solcher Systeme – und ein Lokführer kann dann gleich mehrere Züge überwachen.

Besonders zuverlässiger und reaktionsschneller Mobilfunk gefragt

Allerdings sind dafür auch hochzuverlässige Funkverbindungen mit kurzen Latenzzeiten von wenigen Millisekunden notwendig, wie sie eben mit 5G möglich geworden sind. Manche Experten gehen allerdings davon aus, dass erst mit der nächsten, der sechsten Mobilfunkgeneration 6G Reaktionszeiten unter einer Millisekunde möglich werden, mit denen sich dann Bahnen oder auch Roboter ohne für Menschen merkliche Verzögerungen fernsteuern lassen.

Campus fokussiert sich auf Bahnverkehr der Zukunft und neue Wirtschaftszweige fürs Erzgebirge

Der „Smart Rail Connectivity Campus“ wächst seit 2019 in Annaberg-Buchholz. Dort haben sich die TU Chemnitz, die Stadt Annaberg-Buchholz, die Deutsche Bahn, Thales, das DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik, Vodafone, die TU Dresden, die Chemnitzer Fraunhofer-Institute ENAS und IWU sowie weitere Partner zusammengetan, um den Bahnverkehr der Zukunft zu erforschen und auszutesten. Dafür nutzen die Ingenieure spezielle Teststrecken, ein digitales Stellwerk, den umgebauten Bahnhof Annaberg-Buchholz als Zentrale und Inkubator, den Thales-Versuchstriebwagen und weitere Infrastrukturen. Die hier entwickelten neuen Technologien sollen zudem das Fundament für neue Wirtschaftszweige und Hightech-Arbeitsplätze im Erzgebirge legen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SRCC, Oiger-Archiv, DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik