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Radiopharma-Branche in Sachsen wächst

Silke Fähnemann (vorn) und Manja Kubeil vom Institut für Radiopharmazie experimentieren an der internen Strahlentherapie gegen Krebs. Abb.: Frank Bierstedt, HZDR

Silke Fähnemann (vorn) und Manja Kubeil vom Institut für Radiopharmazie experimentieren an der internen Strahlentherapie gegen Krebs. Abb.: Frank Bierstedt, HZDR

Starke Nachfrage für strahlende Präparate im Kampf gegen Krebs aus dem „Radiopharmaceutical Valley Saxony“

Dresden, 12. August 2022. Nach außen punktet Sachsen gerne mit seiner starken Mikroelektronik-Industrie, die gemeinsam mit weiteren Hochtechnologie-Branchen zu einem „Silicon Saxony“ gewachsen ist. Neben Computer-Chips liefert die sächsische Wirtschaft allerdings auch weltweit medizinische Nischenprodukte aus, die weniger bekannt sind. Dazu gehören sogenannte Radiopharmaka, also schwach radioaktive Präparate für bildgebenden Verfahren in der Medizin und für den Kampf gegen Krebs. Experten wie Professor Prof. Jörg Steinbach vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) sprechen angesichts der Vielzahl hochspezialisierter und teils international führender Unternehmen und Forschungseinrichtungen in diesem Sektor gerne auch von einem „Radiopharmaceutical Valley Saxony“, das sich im Dreieck zwischen Dresden, Radeberg und Rossendorf formt.

Dirk Freitag-Stechl hat seine CUP-Laboratorien in Radeberg gerade erst noch mal für 4,4 Millionen Euro ausgebaut, weil die Nachfrage für Radiopharmaka-Labortests so groß ist. Foto: Heiko Weckbrodt

Dirk Freitag-Stechl hat seine CUP-Laboratorien in Radeberg gerade erst noch mal für 4,4 Millionen Euro ausgebaut, weil die Nachfrage für Radiopharmaka-Labortests so groß ist. Foto: Heiko Weckbrodt

International im Aufwind

„Sachsen hat sich zu einem extrem starken Standort für Radiopharmaka entwickelt“, schätzt beispielsweise Dirk Freitag-Stechl von den CUP-Laboratorien in Radeberg ein. Die Nachfrage für solche strahlenden Präparate für Bildgebung und Behandlung von Krebs sei deutschlandweit und international im Aufwind. Insofern könne das „Radiopharmaceutical Valley Saxony“ noch mit einigem Wachstum rechnen.

Das Bild zeigt den einbau der Reaktorgrundplatte (um 1956?). Fotonachweis: VTKA

Das Bild zeigt den Einbau der Reaktorgrundplatte (um 1956?). Fotonachweis: VTKA

Nukleus wuchs ab 1956 in Rossendorf

Ein Grundstein dafür wurde bereits in der DDR gelegt: 1956 gründete das ostdeutsche Amt für Kernforschung und Kerntechnik in Rossendorf am Stadtrand von Dresden das „Zentralinstitut für Kernforschung“ (ZfK). Das bekam einen eigenen Forschungs-Atomreaktor. Ursprünglich war der dafür gedacht, die zivile Energieerzeugung mit Kernkraft in der DDR voranzubringen. In den Folgejahren rückte aber auch die medizinische Nutzung strahlender Präparate in den Fokus der wissenschaftlichen Arbeit. Dafür erhielt das Institut dann auch Zyklotrone und andere Großgeräte, um den Bedarf der DDR-Medizin an Radiopharmaka zu decken. Nach der Wende transformierte sich das einstige Institut der Akademie der Wissenschaften zum HZDR, in dem die medizinische Forschung ein noch größeres Gewicht als vor der Wende bekam.

Mehr und mehr beschäftigen sich die HZDR-Wissenschaftler seitdem auch gemeinsam mit Ärzten des Uniklinikums und anderen Forschern damit, die sogenannten „Radioliganden“ nicht allein für bildliche Patientenuntersuchungen einzusetzen, sondern damit auch Krebs direkt zu bekämpfen. Dafür werden diese Arzneien so präpariert, dass sich ihre strahlenden Lasten an Tumore und andere Zielstrukturen anheften, um sie zu zerstören.

Hochautomatisiert füllen Mensch und Roboter gemeinsam Radiopharmaka in der Rotop Radiopharmacy in Dresden-Rossendorf ab. Foto: Rotop

Hochautomatisiert füllen Mensch und Roboter gemeinsam Radiopharmaka in der Rotop Radiopharmacy in Dresden-Rossendorf ab. Foto: Rotop

Radiopharmafirmen, Anlagenbauer und Labore rings um HZDR angesiedelt

Um das HZDR als Nukleus haben sich inzwischen zahlreiche Unternehmen angesiedelt und gegründet, die sich auf die eine oder andere Weise mit Radiopharmaka beschäftigen. Dazu gehört Rotop Pharmaka Dresden, deren 140 Beschäftigte unter anderem radioaktive Iod-123-Präparate für die nuklearmedizinische Bildgebung sowie Radioapharmaka für Prostatakrebs-Therapien herstellt. Die im Jahr 2000 gegründete Firma erwirtschaftet inzwischen rund 18 Millionen Euro Umsatz.

Ein weiteres Beispiel ist die 1997 gegründete ABX Radeberg mit zuletzt 51,4 Millionen Euro Jahresumsatz. Deren 320 Beschäftigte stellen unter anderem Chemikalien für die Positron-Emissions-Tomografie (PET) und weitere Radiopharmaka zum Beispiel für Alzheimer-Patienten produziert.

Die „CUP-Laboratorien Dr. Freitag“ sitzen ebenfalls in Radeberg und haben sich auf anspruchsvolle Reinheitsprüfungen von Radiopharmaka spezialisiert. Das Unternehmen hat inzwischen 60 Beschäftigte und realisiert zuletzt 4,2 Millionen Euro Umsatz.

Gleich dreifach hat sich wiederum „Eckert & Ziegler“ in Sachsen angesiedelt: In Rossendorf betreibt das Medizintechnik-Unternehmen den Anlagenbauer „Isotope Technologies Dresden GmbH“ und in Radeberg und Leipzig ist sie mit der „Gamma-Service Recycling GmbH“ vertreten. Auch die Trimt GmbH in Radeberg beschäftigt sich mit Radiopharmaka.

Radioliganden sollen Tumore gezielter zerstören

In Summe erwirtschaften diese Unternehmen zweistellige Millionenbeträge im Dreieck Dresden-Radeberg-Rossendorf und beschäftigen mehrere Hundert Mitarbeiter. Das mag im Vergleich zu den Milliarden-Umsätzen und den über 60.000 Beschäftigten der zum „Silicon Saxony“ zusammengeschlossenen Hightech-Betriebe in Sachsen womöglich eher wenig erscheinen. Doch das „Radiopharmaceutical Valley Saxony“ bedient eben auch eine spezialisierte Nische. Und die dürfte in den nächsten Jahren noch expandieren. Denn einerseits wollen immer mehr Forscher und Mediziner schwach radioaktive Medikamente für präzisere Strahlentherapien gegen Krebs und anderen Krankheiten einsetzen. Denn da sich die Präparate gezielt an die Wucherungen anheften, können sie unter Umständen einen Tumor oder sogar einzelne Metastasen genauer als eine Gamma-, Röntgen- oder Protonenkanone vernichten, ohne das gesunde Gewebe ringsum zu zerstören. Anderseits dürfte auch die gesellschaftliche Überalterung in Deutschland und anderen Industrieländern zu mehr Krebsdiagnosen führen – und zu einem wachsenden Bedarf an Radiopharmaka für Bildgebung und Behandlung.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: HZDR, Oiger-Archiv, CUP, Rotop, ABX