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Dresden will zweites Biotech-Zentrum 2025 fertig haben

Regenerationswürmer unterm Mikroskop. Foto: Heiko Weckbrodt

Foto: Heiko Weckbrodt

Auf dem großen Lebenswissenschaften-Campus in der Johannstadt fehlen seit Jahren ausreichend Flächen für Ausgründungen und Ansiedlungen

Dresden, 9. Mai 2022. Die Dresdner Wirtschaftsförderer wollen eine alte Wachstumsbremse für die Lebenswissenschaften in der Stadt lösen – und nach jahrelangem Warten soll nun alles möglichst schnell gehen: Anfang 2023 sollen an der Fiedlerstraße gegenüber vom Uniklinikum die Abrissbagger anrücken, ein altes Schulverwaltungs-Gebäude abreißen und dort ein zweites Bioinnovationszentrum (Bioz 2) errichten. 2025 soll sich dort die ersten Biotech-, Pharma- und Gesundheitsfirmen einmieten können. Diesen Zeitplan hat heute Wirtschaftsförderungs-Chef Robert Franke vorgestellt.

TZD-Chef schätzt Investition auf zweistelligen Millionenbetrag

Das Zentrum soll dann rund 4000 Quadratmeter Labore und Büros umfassen und Platz für etwa 180 hochwertige Arbeitsplätze bieten. Die genaue Investitionssummen lasse sich noch nicht beziffern, erklärte auf Oiger-Anfrage Bertram Dressel, der Chef der kommunal-universitären Betreibergesellschaft „Technologiezentrum Dresden (TZD). „Wir gehen aber von einem zweistelligen Millionenbetrag aus.“

Die Wirtschaftsförderer wollen das alte Schulverwaltungsgebäude an der Fiedlerstraße neben der Dresdner Uniklinik abreißen und durch ein Biotechnologiezentrum (Bioz 2) ersetzen. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Wirtschaftsförderer wollen das alte Schulverwaltungsgebäude an der Fiedlerstraße neben der Dresdner Uniklinik abreißen und durch ein Biotechnologiezentrum (Bioz 2) ersetzen. Foto: Heiko Weckbrodt

Platzmangel seit Jahren ungelöst

Und die Zeit drängt: Schon seit fast zehn Jahren klagt die Biotech-Wirtschaft und die Forschungsgemeinde in Dresden-Johannstadt darüber, dass das Bioz 1 am Tatzberg restlos überfüllt sei. Wenn die Stadt nicht endlich ein Bioz 2 baue, dann könne Dresden zahlreiche Ansiedlungen. Ausgründungen, millionenschwere Wertschöpfung, Steuern und Fördermittel verlieren, warnte Robert Franke. So könne die Stadt beispielsweise aus dem Programm „GRW Infra“ für das Bioz 2 noch bis 2023 fünf bis sechs Millionen Euro Fördermittel beantragen, danach versiege diese Zuschussquelle. Der kommunale Lohnsteueranteil für 180 hochqualifizierte Jobs könnte schätzungsweise eine halbe Million Euro pro Jahr ausmachen.

Viele Gründungen in der Pipeline

Hinzu kommt der Ausgründungsdruck durch die Uni, das Uniklinikum, Max Planck und die anderen Forschungsschwergewichte in der Dresdner Johannstadt. „Derzeit haben wir in den Lebenswissenschaften etwa zehn Ausgründungen pro Jahr“, berichtet beispielsweise der Dresdner TU-Kanzler Andreas Handschuh. „Wir sehen hier aber noch erhebliches Potenzial. Unser Ziel ist es, auf etwa 20 Ausgründungen pro Jahr zu kommen.“ Auch im Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik nebenan soll es schon eine erhebliche „Ausgründungs-Pipeline“ geben.

Teile der Johannstadt sind zu riesigem Lebenstech-Campus gewachsen

Und es ist eben nicht nur die Uniklinik, die schon seit Jahren auf mehr Inkubationsraum für junge Unternehmungen an der Schnittstelle zwischen Lebens- und Ingenieurwissenschaften hinarbeitet: In Dresden-Johannstadt hat sich vor allem seit der Jahrtausendwende ein riesiger Campus auch von außeruniversitären medizinischen, biotechnologischen, pharmazeutischen und digitalmedizinischen Instituten entwickelt, wobei besondere Schwerpunkte auf der Regenerations- und Krebsforschung liegen. Und die würden gern noch viel mehr Erfindungen wirtschaftlich verwerten – doch es fehlen die Flächen.

Marc Hentz von Dewpoint Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Marc Hentz von Dewpoint Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Dewpoint ringt um jede Besenkammer

Dewpoint Therapeutics“ zum Beispiel entstand 2019 als Ausgründung des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik und hat sich im Bioz 1 angesiedelt. Das Team ist auf Dresden und Boston verteilt und forscht an neuartigen Arzneien gegen Herz-, Muskel- und andere Krankheiten, die bisher nur schwer oder gar nicht therapierbar sind. Dafür forscht Dewpoint gemeinsam mit Merck, Bayer, Pfizer und anderen Pharmagrößen an speziellen biomolekularen Kondensat-Bläschen in den menschlichen Zellen, die offensichtlich bei vielen krankhaften Veränderungen eine Rolle spielen. Angesichts des enormen Potenzial dieses Ansatzes hat das Unternehmen bereits über 100 Millionen Dollar Risiko- und Wachstumskapital von Investoren eingeworben und würde dieses Geld auch gern in Dresden investieren. „Ich habe Herrn Dressel schon nach jeder Besenkammer zum Anmieten gefragt“, erzählt Dewpoint-Dresden-Chef Marc Hentz. „Inzwischen sind wir im Bioz auf drei Etagen verteilt und völlig fragmentiert.“

Millionen in Dresden oder Boston investieren?

Dewpoint gehörte deshalb auch zu den ersten, die die Hand gehoben haben, als von einem zweiten Bioz die Rede war. „Im Moment arbeitet unser Dresdner Unternehmensteil mit 45 Leuten auf 500 Quadratmetern“, sagt Hentz. „Diese Mitarbeiterzahl würde ich in Dresden gern verdoppeln, brauche dafür aber 1500 bis 200 Quadratmeter.“ Wenn das nicht gelinge, werde das Geld womöglich doch eher in der US-Biotech-Metropole Boston investiert. Hinzu kommt: Am Bioz 2 hängt nicht allein die Frage, wo Dewpoint seine eingeworbenen Millionen investiert und die geplanten Forscherjobs schafft: Das Unternehmen kooperiert auch forschungsseitig mit der TU Dresden, plant Industriepromotionen – verbunden mit zusätzlichen sechsstelligen Beträgen. „Ganz abgesehen davon lenkt so ein Unternehmen auch die Aufmerksamkeit großer Konzerne wie eben Merck oder Bayer auf Dresden“, betont Wirtschaftsförderer Franke.

Rochade wegen hoher Mietpreise für Schulamt umstritten

Dass die Wirtschaftspolitiker und -vertreter derart die Notwendigkeit für ein neues Bio-Technologiezentrum betonen, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass der Bioz-2-Plan mit allerlei Rochaden in der Stadtverwaltung und Entscheidungen des Stadtrates steht und fällt. Denn damit die Bagger das alte Gebäude an der Fiedlerstraße abreißen können, muss dort rechtzeitig ein Teil der Schulverwaltungsamtes ausziehen. Das ist derzeit auf fünf Standorte im Stadtgebiet verteilt. Um diese Fragmente an einem Ort zusammenzufügen, will die Stadt Büros an der Schweriner Straße anbieten. Ursprünglich schien das auch zu einem halbwegs akzeptablen Mietpreis möglich zu sein. Doch inzwischen hat die Immobilie einen neuen Eigentümer – und der will saftige 22,50 Euro pro Quadratmeter von der Stadt. Ob die Stadträte diese Kröte schlucken, ist nicht ganz sicher.

Größere Biotech-Standorte wie Leipzig und Breslau gleich um die Ecke

Bei der Entscheidung über ein neues Bioz wären die Räte jedenfalls gut beraten, über den lokalen Tellerrand hinauszuschauen – und dabei müssen sie den Blick noch nicht einmal über den großen Teich nach Boston wenden. TU-Kanzler Handschuh ist jedenfalls überzeugt, dass die Stadt mit lebenswissenschaftlichen Gründungen noch viel Potenzial heben könnte. „Aber dabei stehen wir in Konkurrenz mit anderen starken Standorten ganz in der Nähe, zum Beispiel mit Leipzig, Berlin und Breslau“, betonte Handschu. Eine neues Bioz 2 könne in diesem Wettbewerb helfen. „Wir als Universität würden das sehr begrüßen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: PK LHD, Wifö, Bildungsbürgermeister, TUD, TZD, Dewpoint, Med. Fakultät, Oiger-Archiv

Zum Weiterlesen:

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Dewpoint expandiert in Dresden