Bücherkiste, Geschichte, Wirtschaft, zAufi

Per „Steckenpferd-Kampagne“ Valuta für die Staatskasse

Die Steckenpferd-Lilienmilch-Seife war ein Verkaufsschlager, die Nachfrage kaum zu befriedigen. Repro (hw)) aus: H. Pfeil: Welch ein reichtum!

Die Steckenpferd-Lilienmilch-Seife war ein Verkaufsschlager, die Nachfrage kaum zu befriedigen. Repro (hw) aus: H. Pfeil: Welch ein Reichtum!

Im Buch „Welch ein Reichtum!“ skizziert Hartmut Pfeil die Radebeuler Industriegeschichte

Radebeul. Gummistiefelweitwurf, Luftgitarrespielen, Frauentragen – die Finnen haben einige bizarre Sportarten erfunden, die sie mit aller Leidenschaft betreiben. Neueste Innovation: Steckenpferdreiten, was heißt, dass die Pferde, mit denen man bei Meisterschaften einen Hindernisparcours bewältigt, aus Holz, Stoff und Wolle bestehen. Deutlich prosaischer waren die Beweggründe, weshalb zu DDR-Zeiten eine „Steckenpferd“-Kampagne ins Leben gerufen wurde. Um Überseehandel zu treiben, fehlte es an Schiffen, denn was man in den eigenen Werften an der Ostsee produzierte, ging als Reparation in die Sowjetunion. Also wurde 1957 ein „Valuta- und DM-Fond“ gegründet, um gebrauchte Handelsschiffe aus dem Westen ankaufen zu können, die allerdings nur für Devisen zu haben waren. Erster Ansprechpartner des Außenhandelsministeriums der DDR war der VEB Steckenpferd aus Radebeul.

Export-Selbstverpflichtung der VEBs brachte DDR-Windelversorgung ins Wanken

Der Seifen- und Parfümhersteller glänzte jedes Jahr mit Exporterlösen bei der Leipziger Messe. Am 28. Mai 1958 verpflichtete sich der Betrieb, sein Export-Soll um 100 000 Dollar überzuerfüllen – als Dank dafür, dass die Volkskammer so gütig war, die Lebensmittelkarten endlich abzuschaffen. Weitere Betriebe schlossen sich „spontan“ der Aktion an. Wenig später waren es über 1600 Firmen, die steckenpferdbewegt sein wollten. Die Aktion erbrachte summa summarum 200 Millionen DM. Für dieses Westgeld kaufte die Staatsführung der DDR vorzugsweise in Schweden vier gebrauchte Frachter und drei auch schon angejahrte Tanker – ein Frachter wurde auf den Namen „Steckenpferd“ umgetauft. Der VEB Steckenpferd Radebeul war zum Muster eines sozialistischen Betriebes geworden, als Lohn gab es den Orden „Banner der Arbeit“. Nun ging aber das ganze Exportgeschäft der Steckenpferd-Bewegung zu Lasten der Versorgung der Bevölkerung. Als in der ganzen Republik keine Windeln mehr zu haben waren, hatte das Politbüro ein Einsehen und beendete die Sonderaktion abrupt.

Die Firma von Otto Weber war Anbieter von Tee in Presswürfeln, von Feigenkaffee und Kaffeegewürzen und schließlich auch Tee und Kaffee, wie wir sie heute kennen. Repro (hw) aus: H. Pfeil: Welch ein Reichtum!

Die Firma von Otto Weber war Anbieter von Tee in Presswürfeln, von Feigenkaffee und Kaffeegewürzen und schließlich auch Tee und Kaffee, wie wir sie heute kennen. Repro (hw) aus: H. Pfeil: Welch ein Reichtum!

Vom Weber-Tee bis zum Heyden-Schmerzmittel

An diese Episode erinnert Hartmut Pfeil in seinem Buch „Welch ein Reichtum!“, das den Leser mit auf einen Streifzug durch die Industriegeschichte von Radebeul nimmt. Wer etwas über Emil Otto Weber und seine Kaffee und Tees erfahren will, kommt genau so auf seine Kosten wie der, der wissen will, was dran ist an der schmerzstillenden und fiebersenkenden Salicylsäure, die von Friedrich von Heyden entwickelt wurde und laut Autor das „erste industriell hergestellte und verpackte Medikament war“.

Seifen-Bergmann zog 1890 von Dresden nach Radebeul

Zur Industriegeschichte Radebeuls gehört auch die Feinseifen- und Parfümfabrik Bergmann & Co., gegründet 1885 von Bruno Bergmann (1843–1929). Zwar liegen die Wurzeln des Betriebs in Dresden. Es war auch die geflügelte Wendung aufgekommen, es gehöre zum Steckenpferd einer guten Dresdner Hausfrau, nur noch Bergmann-Seife zu kaufen. Aber 1890 war Bergmann mit seinem Unternehmen nach Radebeul in die Hellerstraße 23 am Rande des Radebeuler Industriegebiets gezogen. Außer Seifen aller Art inklusive medizinischer produzierte man mit einem Steckenpferd-Signet als Markensymbol auch Kosmetika. Besonders nachgefragt und insofern Verkaufsschlager war die Steckenpferd-Lilienmilchseife „für zarte, weiße Haut“, um mal einen alten Werbeslogan wiederzugeben.

Radebeul ist mehr als nur Wein und Karl May

Ein Beweggrund für Harmut Pfeil, wieder und wieder im Radebeuler Stadtarchiv zu recherchieren und das Buch zu schreiben, war, dass die reiche Industriegeschichte Radebeuls, zu der „Unternehmen mit Weltgeltung“ ihren Teil beitrugen, weitgehend unbekannt ist. Mit dem Namen Radebeul verbinden die meisten Karl May, Wein und eine große Vielzahl an schmucken Villen. Aber nur den wenigsten sagen Namen von Betrieben wie Rawolo oder Rapido oder von Unternehmern wie Otto Baer oder Richard Müller noch etwas. Die industrielle Vergangenheit Radebeuls steckt „voller Geschichten, Episoden und skurrilen oder tragischen Begebenheiten“, schreibt Pfeil. Er hätte sogar mehr erzählen, musste sich aber beschränken. Die Auswahl, die er traf, überzeugt, auch wenn der eine oder andere diesen oder jenen Namen vermissen mag.

Eisenbahn wirkte als Katalysator

Der Autor zeigt überzeugend auf, wie sich die Wirtschaft in dieser Ecke Sachsens entwickelte, wobei die Eisenbahn ein wichtiger Katalysator der Entwicklung war, ja sogar die Voraussetzung dafür, dass die beiden erst 1935 zusammengeschlossenen Orte Kötzschenbroda und Radebeul rasch zu Städten wurden und die Einwohnerzahl sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versechsfachte. Bei aller Wertschätzung der erfreulichen Aspekte der Industrialisierung, versichert Pfeil, dass die Industrie den grundsätzlichen Landschaftscharakter der Lößnitz nicht zu unterdrücken vermochte.

Die Stadtgeschichte Radebeuls wird knapp angerissen, ein weiteres Kapitel versucht „in gebotener Kürze und Beschränkung, das politische, wirtschaftliche und kulturelle Umfeld darzulegen, dem Unternehmen und Unternehmer unterworfen waren“. Dabei wird der Zeit nach 1945 größerer Raum gegeben, es schien Pfeil geboten (zu Recht), „weil sich die Wirkungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und DDR-Jahre bis heute fortpflanzen“. Kapitel neun ist eine Bestandsaufnahme, was es an prägender Industrie heute noch in Radebeul gibt. Das zehnte und letzte Kapitel nimmt mit auf eine Spurensuche nach Stätten früherer Industriebetriebe, als da wäre etwa die Ruine der Radebeuler Maschinenfabrik August Koebig.

Werbung für die ehemalige Radebeuler Maschinenfabrik August Koebig. Repro (hw) aus: H. Pfeil: Welch ein Reichtum!

Werbung für die ehemalige Radebeuler Maschinenfabrik August Koebig. Repro (hw) aus: H. Pfeil: Welch ein Reichtum!

Das gut lesbare, sich nur hier und da bei einen Aussagen wiederholende Werk weist zum Schluss einen umfangreichen Anhang auf. So kann man eine Tabelle studieren, die auflistet, wo ausgewählte Radebeuler Unternehmen ihren Standort hatten oder haben. Ebenfalls nicht uninteressant hinsichtlich eines möglichen Stadtspaziergangs ist eine Liste von Villen, die sich Unternehmer in der Zeit der größten wirtschaftlichen Blüte der Stadt erbauen ließen und die heute zumeist unter Denkmalschutz stehen.

Wachsende Unternehmen wechselten nicht selten von Dresden nach Radebeul

Deutlich wird, dass es ein Szenario gab, das wiederholt ablief: Ein in Dresden gegründetes und den Anfangsschwierigkeiten entwachsenes Unternehmen brauchte einen neuen Stand mit mehr Fläche und auch sonst großzügigen Erweiterungsmöglichkeiten – und wurde in Radebeul fündig. Manchmal lockten aber auch „nur“ niedrigere Gewerbesteuern. So kam die Maschinenfabrik Göhring & Hebenstreit, weltmarktführend in Sachen Backanlagen (ein Verkaufsschlager waren nicht zuletzt vollautomatische Waffelbackmaschinen zur Herstellung von Flachwaffeln) in das Industriegebiet Gartenstraße.

Die Nutella-Copy-Cats von Vadossi

Ein „Dresden-Flüchtling“ war auch Karl Friedrich Lischka, der im Herbst 1924 mit seiner Firma Vadossi Kakao-, Schokoladen und Marzipanfabrik nach Kötzschenbroda umsiedelte. Der Betrieb erlebt wilde Aufs und Abs, wie der Autor konstatiert. Eine Schnurre macht deutlich, dass auf die im DDR-System viel strapazierte Devise „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ im Fall von Nudossi gepfiffen wurde. Man schrieb das Jahr 1966, als laut Pfeil ein Außenhandelsfunktionär zwei Gläser Schokoaufstrich auf den Tisch knallte und der Betriebsleitung von Vadossi befahl: „Machen Sie das nach“! Es waren Nutella-Gläser. Die in Italien erfundene Masse wurde analysiert, es wurden lange Testreihen für ein neues, besseres Produkt erstellt. Nicht so fettig, mit mehr Nüssen, gesünder sollte es sein. Mitte 1968 kam Nudossi in den Verkauf, was namenstechnisch eine Kopplung von Nuss und Vadossi ist. Der Rest ist durchaus Erfolgsgeschichte.

Schuh-Keyl als „Reaktionär“ gebrandmarkt

Ähnlich verhielt es sich bei der Radebeuler Schuhfabrik, im Volksmund bald Raschufa genannt, Mit diesem Betrieb von Fritz Keyl kam 1925 ein völlig neuer Industriezweig nach Radebeul. Laut Pfeil war die Schuhfabrik F. Keyl der größte Betrieb seiner Art in Deutschland. Die Tagesproduktion lag 1925 bei 1000 Paar und 1936 bei 12000 Paar Schuhen, die 1200 Beschäftige herstellten. Im Oktober 1945 wurde Fritz Keyl vom Betriebsrat als „Reaktionär“ bezeichnet, angesichts der unruhigen politischen Zeiten, zog er vor gen Westen zu ziehen und dort eine neue Firma zu gründen.

Reparationen und Verstaatlichungen warfen Wirtschaft mehrfach zurück

Deutlich wird auch, wie verheerend die Privatisierungswellen zu DDR-Zeiten waren. Radebeul hatte so gut wie keine Kriegsschäden erlitten, die Wirtschaft erholt sich laut Pfeil „trotz der Demontagen recht schnell“. Ende 1945 arbeiteten in 126 Betrieben schon wieder etwa 7000 Beschäftigte. Gleichwohl verlor Radebeul – wie so viele Orte in Sachsen – in den Jahren 1945 bis 1949 viel wirtschaftliches Potenzial. Es waren nicht nur Unternehmerpersönlichkeiten, die sich in den Westen absetzten, in vielen Fällen folgten ihnen auch nicht zu knapp Spezialisten aus ihrem Unternehmen. Mitunter konnte auch noch Spezialtechnik weggeschafft werden. Es wurde auch mit Gründung der DDR 1949 nicht wirklich besser. Es kam, da folgte Welle auf Welle, zu alle jenen Enteignungen, Verstaatlichungen und Kombinatsbildungen, die sich langfristig fatal auswirkten.

Umschlag von H. Pfeil: Welch ein Reichtum!, Repro: hw

Umschlag von H. Pfeil: Welch ein Reichtum!, Repro: hw

Kurzüberblick:

Hartmut Pfeil: Welch ein Reichtum! Ein Streifzug durch die Industriegeschichte von Radebeul. Notschriften-Verlag 2021, 128 Seiten, zahlreiche Abb., ISBN 978-3-948935-21-4, Preis: 25 Euro

Autor der Rezension: Christian Ruf

Kategorie: Bücherkiste, Geschichte, Wirtschaft, zAufi

von

[caption id="attachment_175986" align="aligncenter" width="499"]Christian Ruf. Foto: hw Christian Ruf. Foto: hw[/caption]

Über Christian Ruf:

Christian Ruf wurde 1963 in München geboren und hat Geschichte sowie Politologie in München und Bonn studiert. Bereits vor dem Mauerfall reiste er mehrmals in die DDR, nach Polen und in die Sowjetunion. Nach der Wende zog er nach Sachsen um. Heute ist er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Geschichte in Dresden tätig, wenn er nicht gerade in anderen Ecken der Welt unterwegs ist.