Forschung, Kunst & Kultur, News, zAufi

Forscher zeigen in Dresden die Ästhetik im Nebeneffekt

Hinter den "Floating Flowers" von Shurujan Thenkanidhiyur Kalkura vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme stecken Mikroskopaufnahmen eines organischen Einkristall-Transistors. Repro: hw

Hinter den „Floating Flowers“ von Shurujan Thenkanidhiyur Kalkura vom Cfaed stecken Mikroskopaufnahmen eines organischen Einkristall-Transistors. Repro: hw

Ausstellung „Imaging Science“ animiert den Besucher, die Deutungsebenen wissenschaftlicher Bilder zu entschlüsseln

Dresden, 27. September 2021. Was ist das nun eigentlich? eine psychedelische Blüte oder eine elektrisch gewachsene Silverstruktur in einer Quantenpunktschicht? Und das da: ein Schwarm Glühwürmchen im ekstatischen Tanz oder ein organischer Einkristall-Schalter? Wenn uns die Sonderschau „Imaging Science – Die Schönheit der Wissenschaft“ an der TU Dresden etwas erneut vor Augen führt, dann wie deutungsfähig immer wieder das ist, was wir zu sehen glauben. Zu sehen sind in der Uni-Galerie „Altana“ 69 Bilder, die den Betrachter auf eine ästhetische Art bezirzen, originär aber durch wissenschaftliche Arbeit, ohne einen ursprünglichen künstlerischen Impuls zustande gekommen sind: eingefärbte Mikroskopiefotos, Visualisierungsschnipsel aus Simulationen, Fehlfarben-Illustrationen…

Christiane Kunath vom Cfaed hat den Wettbewerb und die Ausstellung mitbetreut. Hier steht sie vor Metamaterial-Strukturen, die aus einem instabilen Dünnfilm wachsen. Marco Salvalaglio vom Dresdner Centrum für computergestützte Materialwissenschaft (DCMS) hat seine Komposition aus Mikroskopaufnahmen als Tribut an den US-Grafftiti-Künstler Keith Haring klassifiziert. Repro: hw

Christiane Kunath vom Cfaed hat den Wettbewerb und die Ausstellung mitbetreut. Hier steht sie vor Metamaterial-Strukturen, die aus einem instabilen Dünnfilm wachsen. Marco Salvalaglio vom Dresdner Centrum für computergestützte Materialwissenschaft (DCMS) hat seine Komposition aus Mikroskopaufnahmen als Tribut an den US-Grafftiti-Künstler Keith Haring klassifiziert. Foto: hw

Exzellenz-Elektroniker machten aus dem Mangel einen Wettbewerb

Ausgangspunkt war ein Mangel – und eine Jagd auf „Abfallprodukte“ der Forschung: „Früher haben wir oft vor dem Problem gestanden, dass wir keine guten Bilder für Pressemitteilungen und ähnliche Publikationen hatten“, erzählt Christiane Kunath, die sich im Dresdner Exzellenz-Zentrum für fortgeschrittene Elektronik „Cfaed“ gemeinsam mit Matthias Hahndorf um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. „Anderseits haben wir in den wissenschaftlichen Aufsätzen manchmal ganz tolle Bilder gesehen.“ Und so lobten Kunath und Hahndorf einen Wettbewerb aus: Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sollten nach vollbrachter Forschungsleistung immer einen zweiten Blick ins Mikroskop oder auf den Bildschirm werfen. Die Hoffnung dabei: Sie könnten dabei Muster, Bilder und Objekte entdecken und einsenden, die jenseits der wissenschaftlichen Interpretation eine weitere, mehr oder minder unbeabsichtigte visuelle Qualität haben.

Tim_Kuehne und Kwan Ho Au Yeung mit dem Rastertunnelmikroskop Molekülmaschinen beobachtet - und ein "Ballett" entdeckt. Repro: TUD

Tim Kühne und Kwan Ho Au Yeung haben Molekülmaschinen mit dem Rastertunnelmikroskop beobachtet – und ein „Ballett“ entdeckt. Repro: TUD

Wissenschaftler haben seit 2016 über 300 Bilder eingesandt

Inzwischen hat sich dieser Anstoß zu einer kleinen Lawine entwickelt: Seit dem Wettbewerbsstart im Jahr 2016 kamen bis heute insgesamt an die 300 Bilder zusammen. Bei weitem nicht alle stammen aus dem Cfaed selbst, auch die mit dem Exzellenzzentrum assoziierten Partner haben ihre Werke eingereicht. Das Spektrum der Arbeiten ist breit: Einige sind eher pittoresk, andere geheimnisvoll, manche verraten aber auch auf den ersten Blick ihre wissenschaftlich-technischen Wurzeln. „The Transistor Space“ von Himani Arora vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) zum Beispiel ist unschwer als Mikroelektronik unterm Mikroskop zu erkennen, offenbart gleichzeitig aber auch rätselhafte Anomalien. „Microflowers“ von Lucas Wenzel vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme (MPI-PKS) wiederum mutet zunächst wie ein Blick in ein Kinder-Kaleidoskop an, entpuppt sich jedoch als Computersimulation vernetzter Phasenregelschleifen. Wie ein „Ballett“ wirkte auf Tim Kühne und Kwan Ho Au Yeung von der TU Dresden der Tanz ihrer Molekülmaschinen unterm Rastertunnelmikroskop – und so könnte man die Reihe der Beispiele noch lange fortsetzen.

„Microflowers“ nennt Lucas Wenzel vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme diesen Ausschnitt aus einer Computersimulation vernetzter Phasenregelschleifen. Repro: hw

„Colourful symmetric zebra“ nennt Lucas Wetzel vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme diesen Ausschnitt aus einer Computersimulation vernetzter Phasenregelschleifen. Repro: hw

Die ungeplante Schönheit des Fehlschlags

„Nicht selten sind diese Arbeiten als ,Unfälle’ bei Experimenten entstanden, manchmal handelt es sich auch um fehlgeschlagene Proben oder um Kristalle, die nicht so gewachsen sind wie geplant“, erzählt Matthias Hahndorf. Glücklicherweise sei den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in solchen Fällen oft noch rechtzeitig der Bilderwettbewerb eingefallen, bevor sie alles entsorgten. Und so landeten diese vermeintlichen „Fehlschläge“ letztlich als großformatige Drucke an den Cfaed-Wänden und nun eben auch in der Sonderausstellung in der „Altana“-Galerie.

Auf den ersten Blick eine erblühende blauen Orchidee, aber eigentlich eine nachkolorierete Elektronenmikroskop-Aufnahme von einer Silberstruktur, die - elektrisch angeregt - aus einer Quantenpunkt-Schicht wächst. David Becker-Koch und Miguel Albaldejo Siguan von der TU Dresden haben diese Sichtung "Silver Flower" genannt. Repro: TUD

Auf den ersten Blick eine erblühende blaue Orchidee, aber eigentlich eine nachkolorierte Elektronenmikroskop-Aufnahme von einer Silberstruktur, die – elektrisch angeregt – aus einer Quantenpunkt-Schicht wächst. David Becker-Koch und Miguel Albaldejo Siguan von der TU Dresden haben diese Sichtung „Silver Flower“ genannt. Repro: TUD

Immer hochwertigere Einsendungen

Mittlerweile hat sich der Kontest um die Bilderwelten der Wissenschaft in der gesamten Wissenschaftslandschaft in Dresden und ganz Sachsen herumgesprochen. Das schlägt sich nicht nur in den vielen Einreichungen nieder, sondern auch in deren Güte. Christiane Kunath: „Die Qualität der eingesandten Bilder ist über die Jahre immer besser geworden.“

"Hellish_Glow" von Prof. Markus Loeffler. Repro: TUD

„Hellish Glow“ von Markus Löffler. Repro: TUD

Kurzüberblick

Wer sich davon mit eigenen Augen davon überzeugen will, kann dies bis zum 22. Oktober 2021 im Ausstellungshaus der „Altana“-Galerie, also im Görges-Bau der TU Dresden, Helmholtzstraße 9, tun: Auf der Umlauf-Empore im ersten Stock sind die großformatigen Repros vis-à-vis zu Retro-Elektrotechnik zu besichtigen. Geöffnet ist die Schau montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr (in der Praxis oft aber auch darüber hinaus). Eine Auswahl aus der Ausstellung „Imaging Science – Die Schönheit der Wissenschaft“ und weiteren Wettbewerbsbeiträgen ist zudem auf dem Instagram-Kanal des Cfaed zu sehen. Mehr Infos gibt es hier beim Exzellenz-Elektronikzentrum im Netz.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Besuch, Auskünfte Kunath und Hahndorf, PM der TUD