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Falls Intel kommt, brät Minister Altmaier eine Extrawurst

Wirtschaftsminister Peter Altmaier bei einem Besuch bei Infineon Dresden am 1. Juli 2021. Foto: Heiko Weckbrodt

Kam mit einem wichtigen Versprechen im Gepäch nach Sachsen: Wirtschaftsminister Peter Altmaier bei einem Besuch bei Infineon Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Ausländische Chipfabrik-Investitionen sollen nicht zu Lasten der Ausbaupläne von Infineon, Glofo & Co. in Sachsen gehen

Dresden, 1. Juli 2021. Falls Intel tatsächlich in Deutschland und womöglich konkret in Sachsen mehrere Chipfabriken der Spitzenklasse bauen sollte, wie in der Halbleiter-Branche gemunkelt, wird der Bund dafür voraussichtlich Extrasubventionen herausrücken. Solch eine Intel-Ansiedlung soll jedenfalls nicht die Zuschuss-Chancen für die geplanten Chipfabrik-Ausbauten in Dresden und anderswo in Deutschland schmälern. Das hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) heute während zweier Arbeitsbesuche bei Infineon und Globalfoundries in Dresden versprochen. „Wenn es zu Investitionen aus dem Ausland kommt, dann wird das nicht zu Lasten der hiesigen Unternehmen gehen, denen wir unsere Unterstützung schon zugesagt haben“, betonte er. Zugleich versprach er: „Wir sind entschlossen, den Standort Deutschland, den Standort Sachsen und den Standort Dresden auszubauen und zu stärken“.

In den Dresdner Chipfabriken von Infineon werden viele "Industrie 4.0"-Prinzipien schon heute erprobt - auch das Miteinander von Roboter und Mensch. Erst kürzlich hatte der Halbleiterkonzern auch die Wafer-Transporte noch einmal nachautomatisiert. Foto: Infineon Dresden

Blick in eine Chipfabrik von Infineon in Dresdne. Foto: Infineon Dresden

2. Mikroelektronik-IPCEI in der Pipeline

Hintergrund: Deutschland und weitere EU-Staaten planen ein milliardenschweres Aufholprogramm, dass die Position der europäischen Mikroelektronik-Industrie im globalen Wettbewerb endlich wieder verbessern soll. In diesem Zuge sind Sonderförderungen für „wichtige Projekte von gemeinsamem europäischen Interesse“ (IPCEI) in der Mikroelektronik geplant. In diesem Zuge haben Infineon, Globalfoundries und weitere Unternehmen bereits angekündigt, ihre Chipfabriken in Sachsen und an anderen Standorten mit Milliardenaufwand aufzurüsten, wenn der Staat dies zu etwa 30 Prozent subventioniert.

Vor allem die modernen 300-mm-Fabriken von TSMC sind stark ausgelastet. Foto: TSMC

Derzeit sind TSMC und Samsung die einzigen Mikroelektronik-Konzerne weltweit, die Mega-Fabriken der neuesten Integrationsklasse mit 7 Nanometern und darunter haben. Intel will da technologisch wieder aufholen, kräftig ins Foundry-Geschäft investieren – und liebäugelt mit mehreren Fabrikneubauten in Europa. Foto: TSMC

Kommen Megafabs von Intel, TSMC oder Samsung als Alternative zum Eurofoundry-Projekt?

Andererseits steht auch eine eigene „Eurofoundry“ der Spitzenklasse zur Debatte. Allerdings sind mehrere Branchenexperten davon überzeugt, dass sich Europa an solch einem Riesenprojekt angesichts mangelnder Erfahrungen und Nachfrage verheben würde, zudem die benötigten zweistelligen Milliardenbeträge zu viele Subventionen von anderen Projekten absaugen würden. Als weitere Alternative gibt es den Vorschlag, erfahrene Konzerne wie TSMC, Samsung oder eben Intel zum Bau neuester Chipfabriken in Europa zu animieren. Intel hat dem Vernehmen der Bundesrepublik derartige Investitionen angeboten, aber eine Subventionsrate um die 40 Prozent verlangt. Sachsen dürfte in diesem Fall als ein Vorzugsstandort für solche Intel-Megafabs gelten, da in und um Dresden bereits die „Ökosysteme“ aus Zulieferern, Ausrüstern, Forschern und teils auch von Kunden gibt, die solch eine Mikroelektronik-Großansiedlung braucht.

Intel-Chef Pat Gelsinger. Foto: Intel

Intel-Chef Pat Gelsinger verhandelt dem Vernehmen nach mit EU und Bundesrepublik über Subventionen für den Bau von Megafabs in Europa. Foto: Intel

Auf Oiger-Nachfrage nach dem aktuellen Verhandlungsstand mit Intel hielt sich Altmaier bedeckt. Er erklärte aber: „In meinen Gesprächen mit der Geschäftsführung von Intel habe ich deutlich gemacht, dass wir ausländischen Investoren offen gegenüber stehen – und das gilt für Intel genauso wie für TSMC.“

Jochen_Hanebeck ist operativer Geschäftsführer und Vorstandsmitglied von Infineon. Foto: Infineon

Jochen_Hanebeck ist operativer Geschäftsführer und Vorstandsmitglied von Infineon. Foto: Infineon

Infineon und Glofo hätten keine Problem mit Intel-Foundry-Fabriken vor der Nase

Die sächsischen Platzhirsche Globalfoundries und Infineon haben mittlerweile erklärt, dass sie gut damit leben könnten, falls Intel in Sachsen oder anderswo in Deutschland eine oder mehrere Fabriken bauen sollte, die Chips mit Strukturklassen unter zehn Nanometern herstellen. Dazu dürfte wohl auch das nun publizierte Versprechen Altmaiers beitragen, dass eine Intel-Ansiedlung keine Beihilfen von der bereits etablierten deutschen Mikroelektronik abziehen soll. Zudem agieren beide Konzerne in etwas anderen Marktsegmenten als der Branchen-Marktführer. „Alles, was gut für die europäische Halbleiterindustrie gut ist, ist gut für uns“, betonte Infineon-Vorstandsmitglied Jochen Hanebeck mit Blick auf die Intel-Diskussion.

Besonders ins Auge fällt der steile Abstieg Japans als einst führende Halbleiter-Nation. Aber auch Europa hat sich hier nicht mit Ruhm bekleckert: Statt bis 2020 auf 20 % Marktanteil zu kommen, wie 2013 von EU-Kommissarin Neelie Kroes verkündet, ist Europas Halbleiteranteil auf 6 % gesunken. Grafik: IC Insights

Besonders ins Auge fällt der steile Abstieg Japans als einst führende Halbleiter-Nation. Aber auch Europa hat sich hier nicht mit Ruhm bekleckert: Statt bis 2020 auf 20 % Marktanteil zu kommen, wie 2013 von EU-Kommissarin Neelie Kroes verkündet, ist Europas Halbleiteranteil auf 6 % gesunken. Grafik: IC Insights

Europas Anteil sackt ab, China legt deutlich zu

Denn europäische Halbleiterunternehmen wie eben Infineon, NXP, ST Micro, Globalfoundries Dresden oder X-Fab gelten zwar als innovativ und haben in einigen Nischen sogar Spitzenpositionen eingenommen. In der Summe ist die europäische Mikroelektronik im globalen Vergleich aber in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgefallen. Statt ihren Weltmarktanteil bis 2020 auf 20 Prozent zu verdoppeln, wie von der EU-Kommission noch zur Jahrtausendewende fabuliert, ist sie inzwischen auf etwa sechs bis sieben Prozent abgesackt. China dagegen hat seinen Anteil im selben Zeitraum von zwei auf 20 Prozent verzehnfacht. Dass Europa zurückfalle, liege vor allem daran, dass die USA, Korea, China, Taiwan und andere Länder (teils staatlich, teils in privater Regie) Milliarden in ihre Mikroelektronik hineinpumpen, meinen Altmaier und Hanebeck.

Altmaier gibt 15 % Weltmarkt-Anteil als Ziel aus

Der Bundeswirtschaftsminister sieht den derzeitigen post-coronalen Aufschwung der Weltwirtschaft as gute Chance, bei der Gelegenheit die Position der europäischen Halbleiterindustrie auszubauen: „Mein Ziel ist, dass sich unser Anteil bei über zehn Prozent stabilisiert oder sich auf 15 Prozent erhöht“, sagte er. Dabei könne und werde der Mikroelektronik-Standort Dresden eine Schlüsselrolle spielen. Und wenn sich internationale Investoren im Silicon Saxony ansiedelt wollen, werde er das unterstützen.

Bund will 10 Milliarden Euro Subventionen für Mikroelektronik lockermachen

Bisher allerdings hat Altmaier weder für eine Intel-Ansiedlung noch für das avisierte „Mikroelektronik-Ipcei 2“-Programm das Geld fest in der Tasche: Erst der neue Bundestag wird nach der Wahl über den Haushalt befinden und damit auch festlegen, ob und wie stark Deutschland die deutsche und sächsische Mikroelektronik fördern will. Das dürfte bis zum Frühsommer 2022 dauern. Zumindest den Kabinettsentwurf für das neue Halbleiter-Ipcei hat Altmaier laut eigenem Bekunden erst kürzlich um eine Milliarde aufgestockt. In Summe seien wohl in den nächsten Monaten und Jahren knapp zehn Milliarden Euro nötig, um die eigenen Ipcei-Projekte und mögliche ausländische Ansiedlungen zu ermöglichen.

Mikroelektronik-Ipcei 2 schon jetzt stark überzeichnet

Die bisher vorgesehen Mittel werden aber nicht reichen, um alle eingereichten Ipcei-Projekte wie gewünscht zu bezuschussen. „Wir haben 50 Projektskizzen bekommen“, berichtete Altmaier. Damit sei das Programm schon jetzt zwei- bis dreifach überzeichnet. „Wir werden letztlich die leistungsfähigsten Skizzen auswählen.“ Was man auch so interpretieren mag: Die Ausbaupläne zumindest von Infineon und Globalfoundries werden wohl gute Chancen haben. Erste Vorab-Zusagen (Vornotikationen), welche Projekte Geld bekommen, soll es laut Altmaier noch vor dem Jahresende 2021 geben.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Altmaier, Infineon, Vor-Ort-Besuch, Oiger-Archiv

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