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Buch „Die Erfindung von Mittelerde“: Wie Tolkien das Auenland und Mordor formte

Leon Berthouds Gemälde eines brennenden Seedorfs in der Schweiz lässt an den Untergang der Seestadt im "Kleinen Hobbit" denken. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde"

Leon Berthouds Gemälde eines brennenden Seedorfs in der Schweiz lässt an den Untergang der Seestadt im “Kleinen Hobbit” denken. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde”

John Garth zeigt in einem reich bebilderten Band, was den Kult-Autor von „Herr der Ringe“ zu den Landstrichen seiner Fantasiewelt inspirierte

Woher rührt eigentlich der anhaltende Erfolg von „Herr der Ringe“ über die Jahrzehnte hinweg? Dafür könnte man viele Gründe anführen, zu denen zweifellos die erzählerische Tiefe und Detailverliebtheit von Tolkiens Romanen und die erlesene optische Kraft der Verfilmung zählen. Dazu gehört aber auch das magische Auenland von Frodo und Bilbo, in dessen idyllischen Hügeln, saftigen Wiesen und naiven Bewohnern Ur-Sehnsüchte nach einer heilen Welt anklingen. Genauso wie das wüste Mordor des dunklen Fürsten Sauron ganz automatisch Assoziationen von Krieg und industrieller Umweltzerstörung weckt. Nachdem bereits Generationen von Forscher und Fans vor allem die literarischen und mythischen Wurzeln des „Herrn der Ringe“ freigelegt haben, hat sich John Garth in seinem neuen Buch „Die Erfindung von Mittelerde“ den geografisch-biografischen Inspirationen gewidmet, aus denen John Ronald Reuel Tolkien die Landstriche seiner fantastischen Vorwelt formte.

John Garth. Foto: wbg

John Garth. Foto: wbg

Oft flossen an einem Ort mehrere Inspirationsquellen zusammen

Auf über 200 reich illustrierten Seiten mit Anmerkungsapparat und umfangreichen Stichwortregister breitet Garth die Parallelen zwischen Tolkiens Lebenswegen und der Genese von Mittelerde aus. Dabei arbeitet der englische Journalist und Tolkien-Kenner deutlich heraus, dass nur in den seltensten Fällen 1:1-Interpretationen funktionieren. Vielmehr sind zahlreiche Orte im „Herrn der Ringe“ jeweils aus mehreren biografischen Mosaiksteinen zusammengesetzt.

Diese Gemälde "The Riders of the Sidhe" aus dem Jahr 1911 von John Duncan zeigt keltische Feen, die eher Tolkiens Vorstellung von Elben entsprachen als die Hänflinge, die damals die Elfen-Bilder in England dominierten. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde"

Diese Gemälde “The Riders of the Sidhe” aus dem Jahr 1911 von John Duncan zeigt keltische Feen, die eher Tolkiens Vorstellung von Elben entsprachen als die Hänflinge, die damals die Elfen-Bilder in England dominierten. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde”

Statt einer englischen „Kalevela“ entstand ein eigener Kosmos

Und Garth zeigt eben auch, dass Mittelerde alles andere als statisch war: Beginnend mit den ersten Kurzerzählungen über den „Kleinen Hobbit“ und die „Herr der Ringe“-Trilogie bis hin zur „Endfassung“ des „Silmarillion“ formte der Perfektionist Tolkien seine Fantasiewelt immer und immer wieder um: Waren seine Geschichten von Elben und kühnen Menschen anfangs als eine Art mythische Vorgeschichte des angelsächsischen Englands gedacht, ähnlich wie die erst spät kompilierte „Kalavela“ für Finnland, rückte Tolkien später mehr und mehr von diesem Konzept ab: Er erfand einen eigenständischen Kosmos aus selbsterfundenen Liedern, Sprachen und Geschichten, die er aus eigenem Erleben, altgermanischen, keltischen und finnischen Legenden verschmolz. Selbst die Indianerromane seiner Kindheit flossen mit dem Bogenschützen Legolas und vielen anderen Details in das Mittelerde ein, das wir heute zu kennen glauben.

Landschaften sind mehr als nur Staffage, sondern Teil der Geschichte

Die Landschaften, in die Tolkien diese seine Geschichten pflanzte, waren mehr als bloße Pappkulisse. Er schilderte sie mit Bedacht so plastisch, dass sie Teil der Geschichte wurden und immer neue Generationen von Lesern in ihren Bann schlugen. Ihre Details speisen sich aus Orten und Geschehnissen, die Tolkien in seinem Leben selbst gesehen und regelrecht inhaliert hat: Das warme Südafrika, in dem er seine ersten drei Lebensjahre verbrachte. Die lange Schiffsreise nach Großbritannien. Die spätere Kindheit und Jugend in den dörflichen Shires in Mittelengland, die neben isländischen Torfhäusern und weiteren Einflüssen Pate für das Auenland standen. Die malerischen Alpentäler und Pfahldörfer der Schweiz, die in Bruchtal und Seestadt einflossen.

Diese zeitgenössischen Darstellungen des sogenannten "Black Countrys" in den Midlands im 19. Jahrhundert zeigen, woran Tolkien wohl dachte, als er Mordor, das verwandelte Isengard und das von Saruman unterworfene Auenland beschrieb. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde"

Diese zeitgenössischen Darstellungen des sogenannten “Black Countrys” in den Midlands im 19. Jahrhundert zeigen, woran Tolkien wohl dachte, als er Mordor, das verwandelte Isengard und das von Saruman unterworfene Auenland beschrieb. Repro (hw) aus: John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde”

Somme-Schlacht und Schwerindustrie spiegeln sich in Mordor und Isengard

Und auch für die dunklen Orte von Mittelerde findet Garth Kontrapunkte in Tolkiens Leben: Wenn der gefallene Zauberer Saruman das einst so schöne Isengard in eine Fabrikwüste der Orks verwandelt, kann man unschwer die unterirdischen Welten der Morlocks von H. G. Wells wiedererkennen, aber auch Tolkiens Trauer und Wut über die industrielle Verwüstung der englischen West Midlands. Die Narben der Schwerindustrie in der Landschaft rings um Birmingham finden sich ebenso in Saurons Refugium Mordor wieder, noch mehr aber beeinflussten Tolkiens Kriegserlebnisse an der Somme dieses Bild völlig zerstörter Natur.

PS: Die Orks sprechen nicht Deutsch

Im Übrigens sei an dieser Stelle noch mit einem weitverbreiteten Irrtum bei der Interpretation des „Herrn der Ringe“ aufgeräumt: Anders als oft vermutet, verschlüsselte der britische Weltkriegs-Offizier Tolkien in Sauron und dessen Orks nicht etwa die Deutschen: „So habe ich nie über die Deutschen gedacht“, soll der Germanist und Anglizist solche Fragen vehement zurückgewiesen haben. „Ich bin strikt gegen so etwas.“ Mit „etwas“ meinte er da vermutlich simple Chiffren und Feindbilder. In viel stärkeren Maße durchzieht ein anderes Thema sein Werk wie ein roter Faden: „Mittelerde ist ein Spiegel dessen, was er am innigsten liebte und hasste“, schreibt John Garth in einer Art Schlusswort. Und das waren zweifelsohne Natur und dörfliche Gemeinschaft auf der einen und Krieg, Industrie, Maschinen und Umweltzerstörung auf der anderen Seite, die Tolkien so sehr bewegten.

Fazit: Faszinierend nicht nur für Mittelerde-Eleven

Für Tolkien-Fans ist dieser lesens- und sehenswerte Band ein Muss. Zwar sind viele Wurzeln, auf die Garth hier verweist, für sich genommen nicht ganz neu. Dennoch gewährt das Buch in der Gesamtschau einen besseren Blick die Inspirationsquellen für den Kult-Autor. Man merkt dem Werk an, dass darin jahrelange Recherchen und Puzzlearbeit stecken. Abgesehen davon muss man gar kein Tolkien-Verehrer sein, um die teils prächtigen Illustrationen im Buch auf sich wirken zu lassen und sich durch den hier eingefangenen Zeitgeist zu schmökern.

Werbung:

Erwerben könnt Ihr das Buch „Die Erfindung von Mittelerde“ unter anderem hier.

Umschlag von "Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte". Abb.: wbg

Umschlag von “Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte”. Abb.: wbg

Kurzüberblick:

  • Titel: „Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“
  • Autor: John Garth
  • Genre: Sachbuch
  • Umfang: 208 Seiten mit 120 Fotos, Gemälde-Repros, Karten und anderen Abbildungen
  • Übersetzung: Andreas Schiffmann
  • Verlag: wbg Theiss
  • ISBN: 978-3-8062-4260-7
  • Preis: 32 Euro
  • Eine Leseprobe gibt es hier

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

Tolkiens “Der Hobbit” als Dauerschlacht

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