Energietechnik, News, Wirtschaftspolitik, zAufi

Skeleton baut Ultrakondensator-Fabrik in Großröhrsdorf aus

Robert Klose überprüft in der Skeleton-Fabrik in Großröhrsdorf, ob die Ultrakondensator-Zellbehälter korrekt laserverschweißt sind. Foto: Heiko Weckbrodt

Robert Klose überprüft in der Skeleton-Fabrik in Großröhrsdorf, ob die Ultrakondensator-Zellbehälter korrekt laserverschweißt sind. Foto: Heiko Weckbrodt

Esten wollen in Sachsen neue Hybrid-Speicher aus Ultracaps und Lithium-Akkus entwickeln

Großröhrsdorf/Tallinn, 10. März 2021. Ultraschnelle Energiespeicher aus Sachsen und Estland sollen bald dabei helfen, Elektroautos rascher aufzuladen, die Energiewende-Spitzen in den deutschen Stromnetzen zu glätten und Lkws beim Kaltstart helfen. „Skeleton Technologies“ baut deshalb nun seine Fabrik für Ultrakondensatoren (Ultracaps) in Großröhrsdorf aus und konzentriert dort die Entwicklung neuer Produkte. Dafür investiert das estnisch-sächsische Unternehmen rund 110 Millionen Euro. Bis zum Jahresende sollen rund 40 neue Jobs entstehen.

Ein Ultrakondensator-System von Skeleton für den automobilen Einsatz. Foto: Heiko Weckbrodt

Ein Ultrakondensator-System von Skeleton für den automobilen Einsatz. Foto: Heiko Weckbrodt

Hochautomatische Produktion mit „Industrie 4.0“ sollen Ultracap-Preise senken

Das Werk nördlich von Dresden wird nach dem Ausbau hochautomatisiert und mit neuartigen „Industrie 4.0“-Methoden mehrere Millionen Ultrakondensator-Zellen pro Jahr herstellen können, kündigte Skeleton-Technikdirektor Daniel Weingarth an. Dies soll auch die Kosten dieser Hochleistungs-Kondensatoren senken. Vor allem aber wollen die Esten und ihre sächsischen Ingenieure in Großröhrsdorf auch leistungsstärkere Ultrakondensatoren entwickeln. Die wollen sie in Hybridsystemen mit Lithium-Ionen-Akkus und Brennstoffzellen koppeln, um die Vorteile der verschiedenen Energiespeicher-Technologien miteinander zu verbinden. Auch Speicher der 100-Megawatt-Klasse stehen auf der Agenda: Sie gleichen besonders schnell die Stromnetz-Spitzen und -Täler aus, die durch die typischen Lieferschwankungen der Wind- und Solarkraftwerke entstehen. Ein erster Zehn-Megawatt- Großspeicher sei bereits bei einem Kunden installiert, informierte das Unternehmen.

50 Millionen Euro aus dem Batterie-IPCEI-Topf

Für den Fabrikausbau und die neuen Forschungsprojekte bekommt Skeleton insgesamt rund 50 Millionen Euro Sondersubventionen aus einem milliardenschweren Batterie-Förderprogramm, das von der EU als „Wichtiges Projekt von gemeinsamem europäischen Interesse“ (IPCEI) eingestuft wurde. Zu den Empfängern dieses Batterie-IPCEIs gehören unter anderem auch Tesla, BMW und Litofit Kamenz. Damit möchten Bund und Länder eine deutsche Führungsrolle in der Batterie-Herstellung und verwandten Technologien sichern. Dies soll auch die Abhängigkeit der hiesigen Autoindustrie von Akku-Zulieferungen aus Asien mindern. Im Falle von Skeleton finanziert der Bund 70 Prozent der Beihilfen, 30 Prozent kommen vom Freistaat. Für den Freistaat fällt noch ein weiterer Effekt ins Gewicht: „Dass zwei Unternehmen aus der Lausitz von der Förderung profitieren, trägt zum Gelingen des Strukturwandels in der Region bei“, prognostizierte der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD).

Oliver Ahlberg und Taavi-Madiberk von Skeleton zeigen ihre Ultrakondensatoren. Foto: Skeleton

Oliver Ahlberg und Taavi-Madiberk von Skeleton zeigen ihre Ultrakondensatoren. Foto: Skeleton

Skeleton-Chef Taavi Madiberk:
„Wir sind das Skelett für das Energiesystem von morgen“

„Wir wollen gerade auch hier in Sachsen noch mehr Zukunftstechnologien ansiedeln“, betonte Staatssekretär Marco Wanderwitz vom Bundeswirtschaftsministerium, als er heute in Großröhrsdorf den Subventions-Bescheid übergab. Auch Skeleton-Chef Taavi Madiberk sieht rosige Perspektiven für das estnisch-sächsische Projekt: „Wir sind das Skelett für das Energiesystem von morgen“, erläuterte er die Vision und die Namenswahl des Unternehmens. Bald werde die Leistung der Skeleton-Systeme nicht mehr in Kilowatt, sondern in Megawatt gemessen.

An der Beschichtungsanlage in der Skeleton-Fabrik in Großröhrsdorf bekommen die Alu-Elektrodenbänder eine Schicht aus nanoporösem Kohlenstoff aufgetragen. Foto: Heiko Weckbrodt

An der Beschichtungsanlage in der Skeleton-Fabrik in Großröhrsdorf bekommen die Alu-Elektrodenbänder eine Schicht aus nanoporösem Kohlenstoff aufgetragen. Foto: Heiko Weckbrodt

Fokus auf schnelle Ultrakondensatoren mit Kohlenstoff-Schichten

Spezialisiert ist Skeleton auf Kondensatoren mit sehr hoher Energiedichte. Diese Kondensatoren speichern zwar nicht soviel Energie wie große Lithium-Ionen-Akkus. Dafür können sie aber Strom sehr viel schneller aufnehmen und wieder abgeben. Zudem vertragen sie über eine Million Ladezyklen, bevor sie den Geist aufgeben – 1000 Mal mehr als die besten Lithium-Ionen-Akkus.

Die noch nicht zugeschnittenen, aber bereits beschichteten Elektrodenbänder in der Skeleton-Fabrik für Ultrakondensatoren in Großröhrsdorf. Foto: Heiko Weckbrodt

Die noch nicht zugeschnittenen, aber bereits beschichteten Elektrodenbänder in der Skeleton-Fabrik für Ultrakondensatoren in Großröhrsdorf. Foto: Heiko Weckbrodt

Nano-Kohlenstoff als Schlüsselkomponente

Die Schlüsselkomponente der Skeleton-Supercaps sind Aluminium-Elektrodenbänder, die Skeleton mit nanoporösem Kohlenstoff beschichtet. Diese wenige Hundert Mikrometer dünne Graphen-artige Schicht, die Skeleton gemeinsam mit Forschungsinstituten in Dresden weiterentwickelt hat, sorgt für das besondere Speichervermögen. Laut Taavi Madiberk speichert ein Skeleton-Ultrakondensator viermal so viel Energie wie ein Konkurrenzsystem vom US-Elektroautokonzern Tesla mit dem selben Volumen. Die Ultracaps aus Sachsen und Estland sind heute schon in deutschen Straßenbahnen im Einsatz, um Bremsenergie elektrisch zurückzugewinnen. Sie sorgen aber auch in neueren Magnetresonanztomographen (MRT) für schärfere Bilder und helfen Lastern im Start- und Go-Betrieb.

Von Estland nach Sachsen

Gegründet wurde Skeleton im Jahr 2009, der Hauptsitz ist in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Seit 2014 sind die Esten auch in Sachsen aktiv – zunächst in Bautzen und seit 2017/18 mit der Fabrik in Großröhrsdorf, die inzwischen rund 100 Beschäftigte hat. In Summe hat das Unternehmen rund 160 Mitarbeiter. In naher Zukunft soll die Gesamtbelegschaft auf 390 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wachsen.

Starke Forschungslandschaft und deutscher Maschinenbau gaben den Ausschlag

Dass die Esten ihre erste Großfabrik in Deutschland und ganz speziell Sachsen installiert haben, hängt nicht nur mit Subventionen zusammen, versichern die Manager. Sie schätzen einerseits die starken deutschen Maschinenbauer, die eben auch eine Produktionslinie für eine völlig neue Technologie rasch und in hoher Qualität auf die Beine stellen können. Vor allem aber lobt Skeleton-Chef Madiberk die starke Forschungslandschaft im Freistaat. Die Esten forschen hier beispielsweise gemeinsam mit der TU, der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), den Fraunhofer-Instituten für Strahltechnik (IWS), für Elektronenstrahltechnik (FEP) und für Keramiktechnologien (IKTS) in Dresden sowie mit der Westsächischen Hochschule Zwickau (WHZ). „Wir haben hier sehr wichtige Partner für unsere Forschung und Entwicklung.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Besuch Skeleton Großröhrsdorf, Oiger-Archiv, BMWi, SMWA

Zum Weiterlesen:

Esten und Sachsen tunen Skeleton-Supercaps

Bund drängt auf Batterie-Fabriken in Deutschland

Daimler baut seine Akku-Fabrik in Kamenz aus