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Sachsen will sich mit Digitalschwung der Corona-Zeit an die Spitze katapultieren

Cobotics: Mensch und Maschine sollen künftig enger zusammenarbeiten, auch ohne Schutzzäune. Foto: Kuka

Sachsen soll sich an die Spitze noch junger Technologietrends wie Cobotics, Neurorobotik oder IT-Forensik stellen – braucht aber dafür doppelt so viele Informatikabslventen wie bisher, meinen die sächsischen Digitalverbände Foto: Kuka

Damit der Boom nicht erstickt, braucht das Land aber doppelt soviele Informatik-Studenten und mehr zukunftsweisende Studienfächer, fordern die Digitalverbände

Dresden, 27. Januar 2021. Sachsens Digitalverbände haben sich einer Forderung der sächsischen Informatik-Dekane angeschlossen, im Freistaat künftig doppelt so viele Studenten und Studentinnen in Informatik und anderen Digitalfächern auszubilden wie bisher. Auch wünschen sich die Hightech-Verbände neue, zukunftsweisende Studienfächer, eine stärkere Öffnung für Studierende und Fachkräfte aus dem Ausland, mehr Digitalausbildung für Lehrer und einen besseren Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft. Das geht aus einem Positionspapier „Sachsens Weg zum Vorreiter bei der Digitalisierung“ hervor, das „Silicon Saxony“, „Bitkom“, „IT-Bündnis Chemnitz“, „IT-Cluster Mitteldeutschland“ und weitere Verbände heute vorgestellt haben. „Wir sollten jetzt den Schwung nutzen, den die Corona-Pandemie in die Digitalisierung in Sachsen gebracht hat“, sagte „Silicon Saxony“-Vorstand Dirk Röhrborn.

Communardo-Geschäftsführer Dirk Röhrborn gehört nun zum Vorstand des "Silicon Saxony". Foto: Jan Gutzeit für Silicon Saxony

Dirk Röhrborn. Foto: Jan Gutzeit für Silicon Saxony

Transformation setzte schon lange vor Corona ein

Allerdings hat diese Entwicklung nicht erst mit Corona begonnen, vielmehr transformiert sich der sächsische Hochtechnologie-Sektor bereits seit zwei Dekaden: Waren noch in den 1990ern die großen Halbleiterfabrik-Neuansiedlungen die Schrittmacher der digitalen Entwicklung im Freistaat, ist seither ein dynamisches Konglomerat benachbarter Hochtechnologien rings um den Nukleus Mikroelektronik entstanden. Dazu gehören auch zahlreiche Softwareschmieden. Die haben sich in Sachsen besonders auf unternehmensnahe Lösungen spezialisiert, produzieren seit einiger Zeit aber auch immer mehr Apps, Ticketsysteme, Schnittstellen und andere anwendernahe Software.

Jobmotor Softwarebranche: 50.000 Jobs in Sicht

Mittlerweile beschäftigt allein diese Softwarebranche im Freistaat über 23.000 Menschen. „Bis 2030 könnte sich das auf etwa 50.000 Arbeitsplatze mehr als verdoppeln“, schätzte Vorstand Norbert Eder vom Verband „Südwestsachsen Digital“ ein. Damit wäre der Freistaat dann einer der führenden Standorte in der Bundesrepublik.

Prof. Wolfram Hardt. Foto: TU Chemnitz

Prof. Wolfram Hardt. Foto: TU Chemnitz

Verbände fordern Neurorobotik, IT-Forensik und andere neue Studiengänge

Damit Fachkräftemangel diesen Aufschwung nicht ausbremst, ruft die Wirtschaft nach deutlich mehr Studienabsolventen in der Informatik und verwandten Digitalisierungsfächern. Pro Jahr bringen die Unis und Hochschulen im Freistaat etwa 750 bis 900 Absolventen hervor, nötig wären aber über 2000, betonte Informatik-Professor Wolfram Hardt von der TU Chemnitz, der das „IT-Bündnis Chemnitz“ vertritt. „Sachsen muss seine Studienkapazitäten insofern mehr als verdoppeln“, erklärte er. Der geplante Zuse-Campus der TU Dresden in Hoyerswerda könne da sicher für einen Schub sorgen, das Projekt brauche aber mehr Unterstützung. Zudem sollten die Unis und Hochschulen neue Studienfächer wie Neurorobotik, Smart Systems, informationstechnologische (IT) Forensik und Sicherheit sowie „Ambient Living“ (digitale Hilfe für das Alltagsleben alter Menschen) aufbauen, damit Sachsen sich hier technologisch an die Spitze setzen könne. Womöglich könne auch eines der beiden avisierten Großforschungs-Zentren in den Braunkohle-Revieren eine Schnitt- und Transferstelle für solche wegweisenden Technologiefelder werden.

Studium in Englisch sorgt in Chemnitz bereits für 1000 zusätzliche Bewerbungen pro Jahr

Damit sich aber die geforderten Studiengänge und -plätze dann auch mit jungen Menschen füllen, sollte der Informatikunterricht ab der 5. Klasse zum Standard werden und mehr Schülerlabor entstehen, die Kinder für Karrieren in der Digitalwirtschaft begeistern. „Und wir müssen uns stärker für internationale Studierende öffnen“, sagte Prof. Hardt und verwies auf gute Erfahrungen in Chemnitz: Seit die Uni einige Studiengänge auf Englisch umgestellt habe, bekommen sie jährlich 1000 Studien-Bewerbungen mehr als früher. Hier sei allerdings auch die Wirtschaft gefragt: Sie müsse mehr Praktika anbieten, damit diese jungen Menschen nach dem Studium auch in Sachsen bleiben.

Robotron-Geschäftsführer Ulf Heinemann. Foto: Heiko Weckbrodt Foto: Heiko Weckbrodt

Robotron-Chef Ulf Heinemann ist Bitkom-Landessprecher für Sachsen. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch Lehrer müssten besser auf digitale Unterrichtsformen vorbereitet werden, das habe nicht erst Corona gezeigt, betonte Bitkom-Landessprecher und Robotron-Chef Ulf Heinemann. Umso bedauerlicher sei es, dass der Freistaat während der Pandemie nicht auf Angebote der Wirtschaft und TU Dresden eingegangen sei, für Lehrer eine Art „Schnellbesohlung“ für die Möglichkeiten von Online-Fernunterricht zu organisieren. Die langfristige Forderung bleibe indes bestehen, so Heinemann: „In die Lehrerausbildung muss unbedingt investiert werden.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Silicon Saxony, TUC, Bitkom, SWS Digital, Positionspapier

Zum Weiterlesen:

Sächsische Dekane fordern Verdoppelung der Informatik-Ausbildung

Digitalisierungsschub durch Corona