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Wikipedia wird 20 – und hat Brockhaus, Britannica & Co. an die Wand gespielt

Das ursprüngliche Wikipedia-Logo wurde von den Wikipedianern Nohat und Paullusmagnus entworfen. Quelle: Wikimedia, CC3-Lizenz, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

Das heutige Wikipedia-Logo wurde ursprünglich von den Wikipedianern Nohat und Paullusmagnus entworfen. Quelle: Wikimedia, CC3-Lizenz, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

Leipziger Kommunikationswissenschaftler Pentzold: Wikipedianer sind Verantwortung gewohnt

Leipzig, 13. Januar 2020. Die Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ ist inzwischen ähnlich zuverlässig und hat ähnlich geringe Fehlerquoten wie die Lexika der alten Schule, die noch von Wissenschaftler-Redaktionen betreut worden sind. Das hat der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Christian Pentzold zum 20. Jahrestag der Wikipedia-Gründung eingeschätzt. „Im Allgemeinen sind die Artikel ziemlich verlässlich, oder anders gesagt: Studien haben gezeigt, dass in Wikipedia-Artikeln ebenso viele Fehler vorkommen wie in den Pendants gedruckter Kompendien“, erklärte der Professor der Uni Leipzig. „Natürlich können sich immer wieder Fehler einschleichen oder absichtlich eingefügt werden.“

Evolution, Aristokratie und Software feilen an der Qualität

Der Unternehmer Jimmy Wales hatte – aufbauend auf Ideen anderer Internet-Pioniere – die englischsprachige Ur-Wikipedia am 15. Januar 2011 online geschaltet. Inzwischen umfasst die Wikipedia über 55 Millionen Artikel. Das größte Telprojekt ist weiter die englischsprachige Wikipedia mit sechs Millionen Beiträgen, die viertgrößte ist die deutsche Ausgabe mit über 2,5 Millionen Artikeln. Verfasst werden die Artikel nicht von einer Lexikon-Redaktion, sondern von Freiwilligen – im Grundsatz kann jeder an der Enzyklopädie mitschreiben. Galt ursprünglich nur das evolutionäre Prinzip „Die beste Information setzt sich letztlich durch“ für die Qualitätssicherung, ergänzen inzwischen automatische Fehlersuchprogramme, Schreib- und Zitierrichtlinien sowie eine Art „Wikipedia-Aristokratie“ aus erfahrenen Schreibern und Redigatoren das Evolutionsprinzip.

Prof. Dr. Christian Pentzold Foto: Swen Reichhold für die Universität Leipzig

Prof. Dr. Christian Pentzold Foto: Swen Reichhold für die Universität Leipzig

Die meisten Schreiber sind jung, männlich und gut ausgebildet

„Das Spannende ist, dass Wikipedianer – es sind in der Mehrzahl junge, technisch versierte, gut ausgebildete Männer aus Industrienationen – ihre tägliche Arbeit als ziemlich konfliktreich und anstrengend erleben und dennoch routinemäßig daran mitarbeiten, obwohl sie kein Vertrag, keine Abmachung und Bezahlung dazu nötigen kann“, erklärte Christian Pentzold, der über dieses Thema seine Dissertation geschrieben hatte. „Das Projekt wird ihnen ausgehend vom alltäglichen Mitmachen zum Anliegen, sie gewöhnen sich daran, verantwortlich zu sein.“

Selbst Sprache der fiktiven Klingonen findet Platz in der Wiki

Und diese Arbeit über zwei Jahrzehnte hinweg hat den Umfang sowie die Art und Weise, wie Menschen an Informationen herankommen, grundlegend verändert: Was früher nur in tage- oder monatelanger Bibliotheks-Recherche ermittelbar war, ist heute durch wenige Eingaben und Gesten auf dem Smartphone weltweit zugänglich. Das reicht bis hin zu exotischen Themen, die in klassischen Papier-Lexika keine Chance hatten. „Bei Wikipedia entscheidet das persönliche Interesse der aktiv Schreibenden“, betonte Prof. Pentzold. „So gibt es auch sehr detaillierte Darstellungen etwa zum Herrn der Ringe, über das Klingonische und zu anderen vielleicht eher exotischen Themen.“

Vorsicht ist freilich – viel stärker als bei redaktionell betreuten Lexika – bei politisch aufgeladenen oder anderweitig besonders umstrittenen Themen geboten: Zumindest vorübergehend platzieren oder verändern Aktivisten immer wieder mal stark veraltete oder einseitig verfasste Darstellungen zu solchen Themen, die erst nach einer gewissen Zeit verbessert werden. Insofern ist die Wikipedia gut für Einstiegs-Informationen zu einem Thema geeignet, keineswegs aber als alleinige Quelle.

Lexikon-Verlage kamen gegen wachsende Gratis.Konkurrenz nicht mehr an

Inzwischen sind diese Schwächen aber nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Auch deshalb konnte die kostenlose Wikipedia die meisten Lexikon-Riesen auf dem Markt nach und nach verdrängen: Teure Standardwerke wie der „Brockhaus“, „Meyers Neues Lexikon“ oder die Encyclopædia Britannica, die früher in jedem Bildungshaushalt zu finden waren, konnten anfänglich noch durch die höhere Qualität punkten. Doch gegen die immer bessere und umfangreichere Gratis-Alternative hatten die Verlage schließlich keine Chance mehr und stellten ihre Lexika auf Online-Formate um oder ganz ein. Die Wikipedia gehört weltweit zu den zehn meistgenutzten Internetportalen.

Autor: hw

Quelle: Auszüge aus einem Interview von Susann Huster für die Uni Leipzig mit Christian Pentzold vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft