Ausflugstipp, Geschichte, News, zAufi

Stahl und Dampf in Chemnitz

Das Sächsische Eisenbahnmuseum (SEM) in Chemnitz beherbergt neben Dampfloks auch Triebwagen und Dieselloks. Foto: Christian Ruf

Das Sächsische Eisenbahnmuseum (SEM) in Chemnitz beherbergt neben Dampfloks auch Triebwagen und Dieselloks. Foto: Christian Ruf

“Boom” zeigt im Bahnbetriebswerk Hilbersdorf historische Dampfloks, die ein Stück von Sachsens Geschichte erzählen

Chemnitz, 31. Dezember 2020. Die Industriestadt Chemnitz entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt. Als es an der Wende zum 20. Jahrhundert notwendig wurde, die Bahnhofskapazitäten zu erweiterten, entstanden zwischen 1896 und 1902 der Rangierbahnhof und das angrenzende Bahnbetriebswerk im Vorort Hilbersdorf. Auf einer 26 Hektar großen Teilfläche dieser Anlage – sie ist mittlerweile zum sächsischen Eisenbahnmuseum mutiert – können noch heute das frühere Bahnbetriebswerk für Güterlokomotiven und eine Seilrangieranlage besichtigt werden. Denkmalgeschützte Gebäude, technische Anlagen und Fahrzeuge geben dem Ort eine authentische Atmosphäre, so dass er auserkoren wurde, im Rahmen der 4. Sächsischen Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“ über das Eisenbahnwesen in Sachsen zu informieren.

„Man(n) ist nie zu alt, um mit Zügen zu spielen“

Willkommen sind hier nicht nur Eisenbahn-Fans, die in „Pufferküsser“- und „Schienenflüsterer“- Manier ihr Leben nach dem Credo „Man(n) ist nie zu alt, um mit Zügen zu spielen“ ausrichten, sondern auch alle, die sich für die Industrie- und Technikgeschichte interessieren. Besucher können beispielsweise zwei Rundheizhäuser mit ehemals 52 Lokständen, zwei 20-Meter-Drehscheiben und einen sehenswerten Fahrzeugbestand mit allerlei Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven verschiedener Baureihen sowie historische Personen- und Güterwagen in Augenschein nehmen. Etliche Fahrzeuge sind Leihgaben des Verkehrsmuseums Dresden.

Aus dem Höllenmaul krochen einst die Züge von der Hauptstrecke zur Windbergbahn. Foto: Peter Weckbrodt

Die Windbergbahn  und andere kurvenreiche Strecken in Sachsen machten oft spezielle Loks notwendig. Foto: Peter Weckbrodt

XIV HAT für das kurvige Bergland von Sachsen

So etwa eine Lokomotive 75 515 vom Typ „Sächsische XIV HAT“. Diese Gattung ist eine Nebenbahndampflokomotive, die von der Sächsischen Staatsbahn für das Bergland Sachsens – in dem streckentechnisch bekanntlich mehr Kurven zu finden sind als in einem Personenzug voller Hollywood-Diven wie Gina Lollobrigida, Marilyn Monroe oder auch Rita Hayworth – konstruiert wurde. Die dreiachsige Tenderlok konnte immerhin in der Ebene einen 710 Tonnen schweren Personenzug mit 70 Stundenkilometern befördern. Auch die Deutsche Reichsbahn konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die robusten Maschinen verzichten und setzte sie bis 1970 im Personenzugdienst im Erzgebirge, Vogtland und Mittelsachsen ein. Die 75 515 landete schließlich als Traditionslokomotive im Verkehrsmuseum Dresden. Dadurch erhielt sie nochmals eine Hauptuntersuchung und war in den 1970ern oft vor Sonderzüge gespannt im Einsatz. Später gelangte die Maschine als Denkmallok in den Chemnitzer Hauptbahnhof, wurde jedoch bei einem Rangierunfall im Juni 1983 schwer beschädigt. Die Spezialisten im Bahnbetriebswerk „Bw Karl-Karx-Stadt Hauptbahnhof“ arbeiteten die alte Lok danach noch einmal optisch auf.

Zum Weiterlesen:

Dampfspeicherlok: Industriemuseum zwischen Dampfhammer und Rennwagen

“Boom”: Sachsens Landesausstellung über ein halbes Jahrtausend Industriegeschichte

In der Zellstoffindustrie im Einsatz

Aus dem Jahr 1956 stammt die Dampfspeicherlokomotive “FLB 146067“. Alles in allem 48 Exemplare dieses Typs wurden im VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ in Babelsberg gefertigt. Erst verrichtete die Lok bis 1968 auf dem Areal der VEB Zellstoffwerke „Philipp Möller“ Coswig ihren Dienst, dann bis 1992 im Werk IV des VEB Vereinigte Zellstoffwerke Pirna. Da Dampfspeicherloks ohne eigene Feueranlage, sondern mit eingespeistem Heißwasser beziehungsweise Dampf angetrieben werden und dadurch kein Funkenflug möglich ist, waren sie für Einsatzorte mit hoher Brandgefahr wie eben Zellstoffwerke prädistiniert.

Der VEB Lokomotivbau "Karl Marx" in Babelsberg baute 1956 diese Dampfspeicherlok FLB 146067. Foto: Christian Ruf

Der VEB Lokomotivbau “Karl Marx” in Babelsberg baute 1956 diese Dampfspeicherlok FLB 146067. Foto: Christian Ruf

Polen bekam Lok als Reparation – im nächsten Krieg riss sich Deutschland den Dreiachser wieder unter den Nagel

Ein Schmuckstück ist nicht zuletzt die Dampflok 91 896 aus dem Jahr 1912. Diese Lok ist von der preußischen T9.3 abgeleitet. Die dreiachsige Nebenbahnlokomotive war mit einer Höchstgeschwindigkeit von 65 Stundenkilometer war auch für Personenzüge schnell genug. Sie bewährte sich prächtig, was sich auch in der gebauten Stückzahl von mehr als 2000 Exemplaren niederschlägt. Das Exemplar in Hilbersdorf musste laut Texttafel 1921 zunächst als Reparation nach Warschau abgegeben werden. Nach der Zerschlagung Polens 1939 durch das „Dritte Reich“ und die Sowjetunion gelangte die Lok wieder in den Bestand der Deutschen Reichsbahn und wurde im Bahnbetriebswerk Hoyerswerda stationiert.

Blick in den Lokschuppen des Sächsisches Eisenbahnmuseums in Chemnitz mit Dampfloks der Baureihen 41, 43 und 44.Foto: Christian Ruf

Blick in den Lokschuppen des Sächsisches Eisenbahnmuseums in Chemnitz mit Dampfloks der Baureihen 41, 43 und 44.Foto: Christian Ruf

Nach weiteren Zwischenstationen landete sie im Dresdner Hafen, wie zu lesen ist. Vom Hafenmeister privat erworben, wurde diese letzte betriebsfähige T 9.3., die nicht mit dem Terminator T 800 verwandt ist, als Denkmallok vor dem früheren Reichsbahnausbesserungswerk Dresden-Friedrichstadt aufgestellt. Als Schenkung kam sie im August 2009 per Tieflader nach Hilbersdorf.

Autor: Christian Ruf

Quellen: Vor-Ort-Besuch, SEM Chemnitz

Kategorie: Ausflugstipp, Geschichte, News, zAufi

von

[caption id="attachment_175986" align="aligncenter" width="499"]Christian Ruf. Foto: hw Christian Ruf. Foto: hw[/caption]

Über Christian Ruf:

Christian Ruf wurde 1963 in München geboren und hat Geschichte sowie Politologie in München und Bonn studiert. Bereits vor dem Mauerfall reiste er mehrmals in die DDR, nach Polen und in die Sowjetunion. Nach der Wende zog er nach Sachsen um. Heute ist er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Geschichte in Dresden tätig, wenn er nicht gerade in anderen Ecken der Welt unterwegs ist.