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TU Dresden: Bereits über 100 Corona-Warn-Apps im Umlauf

Nur ein reichliches Viertel der Deutschen nutzen die Bundes-Corona-App. Foto: Heiko Weckbrodt

Nur ein reichliches Viertel der Deutschen nutzen die Bundes-Corona-App. Foto: Heiko Weckbrodt

De-Facto-Zwang: Fast zwei Drittel der Chinesen nutzen Staats-App, in Deutschland nur 28 Prozent

Dresden, 10. Dezember 2020. Mittlerweile gibt es weltweit mindestens 103 verschiedene Corona-Warn-Apps. Aber nur wenige davon werden im jeweiligen Land von einer Bevölkerungsmehrheit genutzt. Und davon überschreiten nur ganz wenige die vielzitierte 60-Prozent-Marke, ab der solche Apps die Infektionsketten für ein ganzes Land halbwegs zuverlässig rekonstruieren können. Das geht aus Untersuchungen eines Forschungsteams um Professor Alfred Benedikt Brendel, der an der Technischen Universität Dresden (TUD) den Lehrstuhl für „Intelligente Systeme und Dienste“ inne hat, hervor.

40 % der Übertragungen ohne Symptome

„Etwa 40 Prozent der Corona-Übertragungen erfolgen präsymptomatisch, also ohne dass Krankheitsanzeichen erkennbar wären“, erklärte TUD-Professorin Susanne Strahringer während der TUD-Online-Diskussion „60 Minuten: Corona-Warn-Apps: Unterstützung im Kampf gegen die Pandemie?“. Daher sei es auch so wichtig, dass möglichst viele Menschen derartige Warn-Apps nutzen – damit nachvollziehbar bleibe, wer sich wo angesteckt hat. Doch selbst wenn die 60-Prozent-Marke nicht erreicht werde, sei solch eine App und jede damit realisierte Kontakt-Nachverfolgung eine wichtige Hilfe, betonte die Expertin für Informationssysteme in Industrie und Handel.

China-Corona-App kommt auf 62 %

Die registrierten Download-Zahlen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. China kommt nach dieser Zählung auf die höchste Reichweite: Laut dem TUD-Vergleich haben rund 900 Millionen Chinesen die staatliche Corona-App heruntergeladen, das entspricht einer Quote von 62 Prozent. Die Download-Statistik ist zwar nicht zwangsläufig identisch mit der Zahl der aktiven App-Nutzer, aber: „In China gibt es zwar keinen formalen Zwang, jedoch einen Quasi-Zwang, die App zu nutzen“, schätzte Prof. Brendel ein. „Wer die App nicht verwendet, ist de facto vom sozialen Leben in China ausgeschlossen, hat Probleme einzukaufen, mit dem Bus zu fahren und dergleichen mehr.“ Zudem bieten die Corona-Warn-App in China, Indien und anderen asiatischen Ländern – zu Lasten des Datenschutzes – meist mehr Funktionen, um Kontakte mit Infizierten nachzuverfolgen. Auch dies könne womöglich die Akzeptanz in der Bevölkerung beeinflussen.

Finnland mit 45 % in Europa vorn

Die dezentralen und freiwilligen App-Lösungen in Europa und Nordamerika knacken dagegen alle nicht die 60-Prozent-Schwelle. Skandinavische Länder kommen da noch auf eine recht gute Akzeptanz, beispielsweise haben sich etwa 45 Prozent der Finnen „ihre“ Corona-App heruntergeladen. Doch in Deutschland liegt diese Quote nur bei 28 Prozent und andere Länder kommen auf noch niedrige Werte. Hinzu kommt eine Vielzahl von Warn-Apps einzelner US-Bundesstaaten sowie privat programmierte Programme, die eher ein Nischendasein führen.

Internet-Diskussionsrunde der TU Dresden zum Thema Corona-App. Bildschirmfoto: Heiko Weckbrodt

Internet-Diskussionsrunde der TU Dresden zum Thema Corona-App. Bildschirmfoto: Heiko Weckbrodt

Akzeptanz ist auch eine Frage der “Algorithmen-Transparenz”

Erkennbar seien indes in Umfragen viele Gründe, warum vergleichsweise wenige Bürger die deutsche Corona-App nutzen, erläuterte Prof. Martin Wiener, der in der TUD-Wirtschaftsfakultät den Lehrstuhl für „Business Engineering“ leitet: „Manchen fehlt das Vertrauen in die App, andere sehen keine Notwendigkeit, sie einzusetzen, wieder andere zweifeln an ihrer Effektivität.“ Sein Forschungsteam hat auch untersucht, wie stark die sogenannte „Algorithmen-Transparenz“ die App-Akzeptanz beeinflusst. In Experimenten setzten sie 116 Teilnehmer verschieden lange Erklärtexte zur Funktionsweise der Corona-Warn-App vor. Ergebnis: Je ausführlicher die Erläuterungen, umso mehr Vertrauen schenkten die Probanten der App. „Die Transparenz-Strategie der Bundesregierung scheint hier zu funktionieren“, schlussfolgerte Prof. Wiener.

Der Corona-Warn-Buzzer aus Sachsen. Foto: Contrastwerkstatt, Digades, Exelonix

Der Corona-Warn-Buzzer aus Sachsen. Foto: Contrastwerkstatt, Digades, Exelonix

40 % der Über-70-Jährigen ohne Smartphone

Allerdings gebe es auch ganz profane Gründe für die eher schwache App-Resonanz in Deutschland: „Gerade in der Risikogruppe der Senioren haben viele entweder kein Smartphone oder ein zu altes, um die App einzusetzen“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler. Diese Schwachstelle hat auch die sächsische Landesregierung erkannt: „Der Anteil der Menschen ohne Smartphone in der Altersgruppe der über 70-jährigen beträgt rund 40 Prozent“, hieß es dazu vom Sozialministerium in Dresden. „Um diese Lücke zu schließen, wurde ein ,Corona-Warn-Buzzer’ entwickelt, der im Prinzip als App ohne Smartphone funktioniert.“

Zum Weiterlesen:

Corona mindert Mobilität in Deutschland

Barkhausen-Institut strickt in Dresden am Internet der Dinge

Corona-Buzzer soll Sachsens Senioren ohne Smartphone waren

Insgesamt hat der Freistaat dafür rund zwei Millionen Euro locker gemacht und mit der Entwicklung ein Konsortium sächsischer Akteure beauftragt. Mit dabei waren und sind Prof. Gerhard Fettweis und sein Barkhausen-Institut in Dresden, die Dresdner Exelonix GmbH, die früher Senioren-Tablets entwickelt hatte, die Digades aus Zwickau und die FEP Fahrzeugelektrik Pirna. Gemeinsam konstruierten sie ein Gerät – etwa so groß wie ein Autoschlüssel – mit eingebauter SIM-Mobilfunkkarte. Ähnlich wie die App registriert der Corona-Buzzer per Bluetooth-Funk automatisch, aber anonymisiert, wenn sich ein Smartphone oder ein anderer Buzzer, dessen Besitzer sich als corona-infiziert gemeldet hat, in der Nähe befindet, und gibt eine Warnung aus. In einem Pilotversuch in im sächsischen Augustusburg lässt Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) den neuen Buzzer derzeit mit 2500 Teilnehmern testen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: TUD-Onlinepanel, SMS, Oiger-Archiv

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