Bücherkiste, zAufi

Altes Blech von zeitloser Schönheit

Hatte 1915 noch nicht die anstößige Bedeutung von heute: Das "Wichsmädel" machte auf Blechschildern Reklame für Bohnerwachs der Süring-Ringolin-Werke Dresden. Repro aus: "Reklame. Verführung in Blech", Sandsteinverlag

Hatte 1915 noch nicht die anstößige Bedeutung von heute: Das “Wichsmädel” machte auf Blechschildern Reklame für Bohnerwachs der Süring-Ringolin-Werke Dresden. Repro aus: “Reklame. Verführung in Blech”, Sandsteinverlag

Buch „Reklame. Verführung in Blech“ erzählt über die Flut der Emaile- und Blechwerbeschilder in den Städten des Reiches vor über 100 Jahren

Dresden. Für viele war es die Pest. Aber Anfang des 20. Jahrhunderts lauerte in Deutschland kein schwarzer Tod hinter jeder Straßenecke, nein: Es war ziemlich bunt, was die Leute „Blechpest!“ riefen ließ. Denn was an Emaille- und Blechschildern die Fassaden und Wände in den Städten überflutete, war farbenfrohe, oft gar knallige Reklame.

Verklärte Orient-Mythen in der Tabakwerbung

Die Themen für Werbung waren schon damals vielfältig: Beleuchtung, Brennstoffe, Kaffee, Körperpflege, Bier, Alkohol, Tabak, Schokolade, Nahrungsmittel und vieles mehr. Die berühmte Weiße Dame von Persil hat ebenso Werbegeschichte geschrieben wie die Mundwasser-Flasche von Odol oder der Sarotti-Mohr, der allerdings 2004 überarbeitet wurde, weil diese Werbefigur heute als rassistisch empfundene Klischees bediente. Um 1910 gab es im Deutschen Reich allein gut 8000 Zigaretten-Sorten, die sich hinsichtlich des Namens und bildlichen Darstellungen mit Exotismen überboten. Sie verweisen oft auf die verklärten Mythen des Orients sowie auf die fremdländischen Herkunft der Tabake. Ganz ähnlich verhielt es sich mit den sogenannten Kolonialwaren wie Kakao, Tee, Kaffee, Reis und Südfrüchten, die aus den Kolonien diverser europäischer Länder stammten.

Diese stilisierte Blechversion der Zigarettenfabrik Yenidze warb für die Salem-Zigaretten aus Dresden. Die Moschee-Assoziation war beabsichtigt, aber war eben eine europäische Interpretation eines Orient-Motivs. Repro aus: "Reklame. Verführung in Blech", Sandsteinverlag

Diese stilisierte Blechversion der Zigarettenfabrik Yenidze warb für die Salem-Zigaretten aus Dresden. Die Moschee-Assoziation war beabsichtigt, aber war eben eine europäische Interpretation eines Orient-Motivs. Repro aus: “Reklame. Verführung in Blech”, Sandsteinverlag

Blechpest oder „Blech is beautiful“?

Die Massenproduktion von Gütern zog entsprechende Massenkommunikation nach sich. Geworben wurde alsbald nicht nur mit Plakaten, die oft von renommierten Künstlern entworfen wurden, sondern auch mittels Blech- und Email-Reklameschildern. Ihre Blütezeit hatten diese zwischen 1900 und dem Ende der 1930-Jahre. Mittlerweile erleben sie eine wahre Renaissance – nicht als Werbeträger, sondern als Sammelobjekte. Szene-Insider sprechen entsprechend gar von „Blechpest“. Einmal infiziert, kommt man nur schwerlich davon los. Eine Heilung davon gilt als ausgeschlossen. Wer dem Schilderwahn verfällt, für den gibt es nur eine Therapie, was seine zehrende Sucht angeht: mehr Reklameschilder, weitere Blechschilder und neue Emailleschilder, frei nach dem Motto „Blech is beautiful“.

Standardisierte Qualität statt Einzelanfertigungen

Infizierte kommen mit Sicherheit mit dem Band „Reklame.Verführung in Blech“, der eine Werbeblech-Ausstellung im Leipziger Grassi-Museum begleitete, auf ihre Kosten. Hinter jedem Schild verbirgt sich eine spannende Wirtschaftsgeschichte. Vermittelt wird, dass die Menschen ob des Aufblühens der Lebensmittelindustrie statt eines individuellen Produkts nun einen industriellen und standardisierten Artikel erwarben, „der in Qualität und Quantität stets gleichbleibend war und einen gewissen Komfort gegenüber den traditionellen Lebensmitteln versprach“. Denn dafür hätten Hersteller mit ihrem Namen oder einem eigens dafür entwickelten Markennamen garantiert. Nicht umsonst beschreibe der Begriff „Gründerzeit“ eine „Phase der industriellen Entwicklung, die von Erfindungen und Unternehmungsgründungen geprägt war“, was damit einher ging, dass es notwendig und wichtig war, sich auf dem ständig – auch international – wachsenden Marktplatz „Gehör und Aufmerksamkeit“ zu verschaffen.

Regen und Smog setzten Blechschildern zu

Billig waren die Schilder nicht, schon gar nicht die hochwertigen und relativ unempfindlichen Emailleschilder. Da waren Blechschilder in der Herstellung schon günstiger. Aber anders als Emaille ist Blech auch nicht eben sonderlich widerstandsfähig. Nassfeuchte Witterung oder Abgasstoffe, wie sie Kohleöfen einst zuhauf ausstießen, setzten einem solchen Blechschild enorm zu, zumal es zum Schutz in der Regel nur eine dünne Lackschicht aufwies.

Mit einer rauchenden Bulldogge, entworfen von Ludwig Hohlwein, warben die Cananova-Zigarettenwerke aus Berlin auf Blechschildern für ihre Tabalerzeugnisse. Repro aus: "Reklame. Verführung in Blech", Sandsteinverlag

Mit einer rauchenden Bulldogge, entworfen von Ludwig Hohlwein, warben die Cananova-Zigarettenwerke aus Berlin auf Blechschildern für ihre Tabalerzeugnisse. Repro aus: “Reklame. Verführung in Blech”, Sandsteinverlag

Grandseigneur der Werbegrafik: Ludwig Hohlwein

Im Zentrum der Publikation stehen Emailschilder mit Produktwerbung. Es ist eine kleine Auswahl aus der gut 700 Schilder umfassenden Sammlung von Gert und Sonja Wunderlich aus Leipzig, die schon früh damit begannen, farbenfrohe Emailschilder zu sammeln. Erinnert wird nicht zuletzt an Ludwig Hohlwein (1874–1949), der jahrzehntelang die Plakatszene in Deutschland beherrschte. Wie kein anderer verstand er es, flächenartige Kompositionen wirkungsvoll vor einen hellen oder dunklen Hintergrund zu setzen und sein Motiv so zu inszenieren, dass es atmosphärische Dichte ausstrahlte. Für die Dresdner Zigarettenfabrik Casanova wählte Hohlwein ein prägnantes Motiv: Es ist der Kopf einer Bulldogge, ein Modehund der Zeit, der in zahlreichen Illustrationen wiederkehrte und schon um 1900 das Cover der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ zierte. Hohlwein reduzierte sein Motiv nur auf den Hundekopf – als Gentleman gewandet – mit langer roter Schleife und Monokel, im Mundwinkel lässig eine Zigarette – wie der Lonesome Cowboy Lucky Luke in seinen besten frühen Comic-Album-Zeiten – rauchend: ein irritierendes und damit sicher sehr wirkungsvolles Motiv, das in Emailausführung die wohl aquarellierte Vorlage bestens wiedergeben kann.

„Wichsmädel“ war gängige Berufsbezeichnung

Hohlwein war es auch, der das Motiv für eine Dose Bohnerwachs der Dresdner Wichsmädel-Werke lieferte. Wichsmädel? Ja, pardon, Sie haben richtig gelesen! Was aber heute als Wort sehr anstößig ist, war einst, wie man erfährt, schlichtweg „die gängige Berufsbezeichnung für eine den Boden wachsende Dienstangestellte. Ausschlaggebend für diesen Bedeutungswandel des anrüchigen Verbs in der Wortmarke war der soldatische Umgangston während des Ersten Weltkriegs. Denn wer die Schuhe des Vorgesetzten oder gar aller Stubenkameraden polieren, wachsen, wächsen oder eben „wichsen“ musste, dem war der Spott der Truppe gewiss. Das Einsickern in die zivile Vulgärsprache war dann nur noch eine Frage der Zeit.

Wichsmädel-Werke produzierten in Dresden-Reick

Hergestellt haben den Bohnerwachs die Süring-Ringolin- und späteren Wichsmädel-Werke in Dresden-Reick. Deren Produktportfolio umfasste in erster Linie Farben und Lacke. Die Silhouette der Frau, die mit einer Bürste den Boden scheuert, geht auf einen Entwurf Hohlweins aus dem Jahr 1915 zurück und wurde über die Jahre nur unwesentlich verändert. Der Stil in Schattenrissmanier erfreute sich in der Werbung des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Was genau den späteren Grandseigneur der Werbegrafik Hohlwein zu dem realitätsfernen Entwurf bewegt hat, bleibt, wie zu lesen ist, „wohl Gegenstand von Spekulationen“. Aus heutiger Sicht scheinen die hohen Schuhe und der enge Rock selbst zur zeittypischen Arbeitspraxis gänzlich konträr. Auch deswegen sorgt das Emailschild mehr denn je für Gesprächs- und Diskussionsstoff – und davon lebt erfolgreiche Werbung ja immer wieder.

Merchandising-Konzepte der Kaiserzeit: Chlorodont-Frau trug ein Werbetuch

Man muss keine Feministin sein, um dem Frauenbild, mit dem die Dresdner Leo-Werke für ihr Produkt warben, deutlich mehr abzugewinnen. Die Frau, die verspricht, dass justament die Chlorodont-Zahnpasta dem Nutzer weiße Zähne verschafft, ist eine junge Dame, die im Halbprofil dargestellt beim Lächeln ihre makellos weißen Beißerchen zeigt. Die Chlorodont-Frau ist laut Katalog „in zweierlei Hinsicht bemerkenswert“: Die Jugendlichkeit und Eleganz der Werbefigur „ist als Botschaft eindeutig“ – und „ein Verwendungsmuster, das sich bis heute gehalten“ habe. Die Eigenschaften der Person werden auf das Produkt übertragen.

Die Chlorodont-Frau warb auf Blechschildern für Zahnpasta aus Dresden. Repro aus: "Reklame. Verführung in Blech", Sandsteinverlag

Die Chlorodont-Frau warb auf Blechschildern für Zahnpasta aus Dresden. Repro aus: “Reklame. Verführung in Blech”, Sandsteinverlag

Ein zweiter Aspekt greift damals noch recht neue Werbemasche auf: Als Kopfbedeckung trägt die junge Frau ein drapiertes rotes Tuch mit der Aufschrift „Chlorodont“ – ein sehr frühes Beispiel für Markenwerbung auf Kleidung.

Vom Apothekenlabor zum Weltunternehmen

Besitzer der Dresdner Leo-Werke war Ottomar Heinsius von Mayenburg (1865–1932). Er war einer jener Unternehmer der Gründerzeit, die es schafften, aus einem kleinen Apothekenlabor binnen weniger Jahrzehnte ein Weltunternehmen zu schaffen. Früh setzte von Mayenburg auch auf geschicktes Marketing. In einer eigenen Werbeabteilung wurde die grün-blaue Kante entwickelt, die bald als Erkennungszeichen in Anzeigen, auf Verpackungen und sogar eigenen Lieferfahrzeugen wiederkehrte.

Werbung:

Kurzüberblick zum Buch:

  • Herausgeber: Grassi-Museum für Angewandte Kunst
  • Titel: „Reklame. Verführung in Blech“
  • Verlag: Sandstein-Verlag
  • Umfang: 120 Seiten, 83 Abbildungen
  • Preis: 24 Euro
  • ISBN: 978-3-95498-572-2

Autor der Rezension: Christian Ruf

Zum Weiterlesen:

Žižek seziert die Ideologie in Filmen und Werbung

Minzeduft aus Dresden für die Chinesen

Kategorie: Bücherkiste, zAufi

von

[caption id="attachment_175986" align="aligncenter" width="499"]Christian Ruf. Foto: hw Christian Ruf. Foto: hw[/caption]

Über Christian Ruf:

Christian Ruf wurde 1963 in München geboren und hat Geschichte sowie Politologie in München und Bonn studiert. Bereits vor dem Mauerfall reiste er mehrmals in die DDR, nach Polen und in die Sowjetunion. Nach der Wende zog er nach Sachsen um. Heute ist er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Geschichte in Dresden tätig, wenn er nicht gerade in anderen Ecken der Welt unterwegs ist.