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Die Karbon-Felgenflechter aus Kesselsdorf

Auf der größten Radialflechtanlage der Welt werden bei Thyssenkrupp Carbon Components in Kesselsdorf bei Dresden hochautomatisiert Carbonfelgen für Pkw und Motorräder gefertigt. Foto: Thyssenkrupp Carbon Components GmbH

Auf der größten Radialflechtanlage der Welt werden bei Thyssenkrupp Carbon Components in Kesselsdorf bei Dresden hochautomatisiert Carbonfelgen für Pkw und Motorräder gefertigt. Foto: Thyssenkrupp Carbon Components GmbH

Neben superleichten Motorrad-Teilen knüpft „Thyssenkrupp Carbon Components“ nun auch Karbonstäbe für die Baustellen der Zukunft.

Kesselsdorf, 1. September 2020. Nach Oberklasse-Autos und Motorrädern versorgt die „Thyssenkrupp Carbon Components“ (tkCC) aus Kesselsdorf bei Dresden nun auch einen innovatives Sektor der Bauwirtschaft mit leichten Kohlenstofffaser-Bauteilen: Das Technologie-Unternehmen ist in der Fertigung von Bewehrungsstäben für Karbonbeton eingestiegen. Das hat tkCC mitgeteilt.

Filigrane Konstruktionen und Reparaturen angeschlagener Altbauten möglich

Das an der TU Dresden entwickelte leichte Baumaterial erlaubt sehr filigrane Architekturen und Brückenkonstruktionen. Es macht aber auch Erweiterungen und Reparaturen an alten Bauwerken möglich, die mit klassischem schweren Stahlbeton unter der eigenen Last zusammenbrechen würden. Durch die leichtere Bauweise und den Verzicht auf Stahlbewehrungen mindert Karbonbeton zudem den Materialverbrauch auf Baustellen. All dies soll zum Umwelt- wie zum Denkmalschutz beitragen.

Halb soviel Betonverbrauch

Die eingesetzten Karbon-Bewehrungsstäbe „reduzieren den Betonaufwand um etwa 50 Prozent und rosten nicht, sodass sie nicht, wie sonst üblich, nach 30 Jahren ersetzt werden müssen“, lobte das sächsische Wirtschaftsministerium. Diese Sprunginnovation trage insofern auch dazu bei, dass damit gebaute Häuser und Brücken länger halten dürften als die meisten Stahlbeton-Bauwerke.

Um die Fuß- und Radwege zu verbreitern, docken Arbeiter an die Carolabrücke in Dresden Fertigteile mit Carbonbeton und Basaltbeton an. Foto: Stefan Gröschel, Hentschke Bau GmbH und TUD

Um die Fuß- und Radwege zu verbreitern, docken Arbeiter an die Carolabrücke in Dresden Fertigteile mit Carbonbeton und Basaltbeton an. Foto: Stefan Gröschel, Hentschke Bau GmbH und TUD

Carolabrücke bekommt Kohlefaser-Flügel

Ein Beispiel für solche wegweisenden Bauansätze durch Karbonbeton ist die 50 Jahre alte Carolabrücke in Dresden, die derzeit mit dem neuen Material breitere Geh- und Radwege angedockt bekommt – die Kohlenstoff-Bewehrungen dafür liefern der Kesselsdorfer. Parallel dazu errichten Baufirmen derzeit nahe der Einsteinstraße ein Karbonbeton-Demonstrationshaus für die TU Dresden.

Karbon-Felgen aus Kesslsdorf haben eine weltweite Zulassung bekommen. Foto: tkCC

Karbon-Felgen aus Kesslsdorf haben eine weltweite Zulassung bekommen. Foto: tkCC

Auch Federn aus Karbon in Arbeit

In den vergangenen Jahren hatte sich Thyssenkrupp Carbon Components bereits mit besonders leichten und stabilen Karbon-Felgen für Autos und Motorräder für Porsche und BMW einen Namen gemacht. Die Kesselsdorfer Karbonfelgen für Motorräder seien „die einzigen mit weltweiter Straßenzulassung“, betonte Geschäftsführer Jens Werner. Inzwischen baut das sächsische Unternehmen auch Leichtbauteile für elektrische Fahrräder. Derzeit seien zudem Carbonstabilisatoren und -federn in der Entwicklung, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Jens Werner ist Geschäftsführer von Thyssenkrupp Carbon Components Foto: tkCC

Jens Werner ist Geschäftsführer von Thyssenkrupp Carbon Components
Foto: tkCC

Riesige Flechträder formen die Karbonteile

Ihre gute Marktposition haben sich die Sachsen vor allem mit ihrer besonderen Fertigungstechnologie erarbeitet. Die hatte der heutige Geschäftsführer Werner während seiner Zeit an der TU Dresden selbst mitentwickelt. Dazu muss man wissen, dass viele Karbonteile auch deshalb so teuer sind, weil die Kohlenstoff-Fasern vielerorts noch mit viel Handarbeit in Form gebracht, verharzt und gehärtet werden. An der TU entwarfen Werner und seine Kollegen daher riesige Flechträder, die die Faserstränge hochautomatisiert zurechtlegen können. Auf dieser Basis gründeten der Konzern Thyssenkrupp und das Leichtbauzentrum Sachsen (LZS) – selbst eine TU-Ausgründung – im Jahr 2012 gemeinsam die „Thyssenkrupp Carbon Components“.

Größte Radialflechtmaschine der Welt steht in Kesselsdorf

Das Unternehmen verfügt inzwischen laut eigenen Angaben über die größte Radialflechtmaschine der Welt und kann daher Felgen und andere Kohlenstoff-Bauteile auch in größeren Serie produzieren. Mittlerweile hat der Betrieb rund 100 Mitarbeiter. 2018 erwirtschaftete Thyssenkrupp Carbon Components einen Umsatz von 3,4 Millionen Euro – neuere Zahlen wollte das Unternehmen nicht mitteilen.

Martin Dulig. Foto: Götz Schleser, SMWA

Martin Dulig. Foto: Götz Schleser, SMWA

Beitrag zum Klimaschutz – und zum Industriestandort

„Vom Universitäts-Start-up zum weltweit erfolgreichen Automotive-Lieferanten – das ist eine beeindruckende Leistung“, schätzte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) ein. Das Unternehmen setze Meilensteine für den Leichtbau. Generell sieht der Minister in dieser Hightech-Branche „großes Potenzial für Wertschöpfung, Beschäftigung und Klimaschutz“ sowie konkret für den Technologie- und Industriestandort Sachsen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: tkCC, SMWA, Oiger-Archiv, LZS

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