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DDR-Kosmonauten wiedervereinigt

Die Kosmonauten Kosmonauten Waleri Bykowski (l.) und Siegmund Jähn nach ihrer Rückkehr aus dem All am 3. September 1978. Im Hintergrund ist die Rückkehrkapsel des Raumschiffs Sojus 29 zu sehen. Foto: Klaus Franke, ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC3-Lizenz

Die Kosmonauten Waleri Bykowski (l.) und Sigmund Jähn nach ihrer Rückkehr aus dem All am 3. September 1978. Im Hintergrund ist die Rückkehrkapsel des Raumschiffs Sojus 29 zu sehen. Foto: Klaus Franke, ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC3-Lizenz

Zunächst galten 7 NVA-Offiziere als potenzielle DDR-Raumfahrer. Nach Bykowskis Tod haben sich Sigmund Jähn und die anderen Anwärter von damals wieder getroffen.

Dresden/Moritzburg, 4. April 2019. Sein Kommandant ist tot. Die gemeinsame Vorbereitung und der epochale Raumflug von Waleri Bykowski und Sigmund Jähn Ende August bis Anfang September 1978 schweißten beide Raumfahrer fest aneinander. Eine tiefe Freundschaft entstand. Bykowski, am 2. August 1934 geboren, starb vor wenigen Tagen – am 27. März 2019. Jähn und seine ehemaligen Kameraden aus der DDR-Kosmonautengruppe haben sich nun wieder getroffen.

Zweijährige Ausbildung zum Raumfahrer

Sowjetische Raumfahrtexperten hatten die beiden ostdeutschen Offiziere Sigmund Jähn und Eberhard Köllner ab dem 4. Dezember 1976 in Moskau zum Raumfahrer ausgebildet. Nicht ganz zwei Jahre gingen mit unzähligen Lehr- und Übungsstunden, umfangreichen Tests und der Arbeit mit den Experimenten ins Land. Ende August 1977 wurden die Interkosmos-Besatzungen der drei Bruderländer ČSSR, VR Polen und der DDR zusammengestellt. Köllner arbeitete fortan mit Wiktor Gorbatko zusammen und Jähn trainierte mit Waleri Bykowski. Beide sowjetische Raumfahrer hatten bereits einige Erfahrungen mit orbitalen Reisen. Am 24. August 1978 tagte die sowjetische staatliche Kommission. Am späten Abend entschied sie über die Besetzung der Flug- und Reservecrew: Sigmund Jähn durfte der erste Deutsche im All werden. Der Start von Sojus 31 am 26. August 1978 und seine Arbeit auf der sowjetischen Raumstation Salut 6 schrieb ein Stück deutsche Geschichte.

Erste Kurse in Königsbrück

Eine „Kosmonautengruppe der DDR“ existierte real nie. Prof. Claus Grote, Generalsekretär der Akademie der Wissenschaften der DDR und Mitglied des Interkosmos-Rates, inthronisierte sie am 1. Oktober 1976 zur Eröffnung des Ausbildungs- und Auswahlkurses am Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück. Die ausgesiebten sieben Piloten der Volksarmee, die Kosmonaut werden sollten, waren: Oberstleutnant Rolf Berger, Major Heinz Boback, Oberstleutnant Eberhard Golbs, Major Christian Haufe, Oberstleutnant Sigmund Jähn, Oberstleutnant Eberhard Köllner, Major Wolfgang Wehner. Später stießen Major Manfred Jenichen und Oberleutnant Peter Misch hinzu, um gesundheitlich ausgeschiedene Kandidaten zu ersetzen. Die angereiste Kommission um Kosmonaut Dr. Wassili Lasarew, die ab 3. November 1976 die Auswahlkriterien des Sternenstädtchens anlegte, ließ die Gruppe weiter schrumpfen.

Delegation ins Sternenstädtchen

Die vier übriggebliebenen Berger, Golbs, Jähn und Köllner flogen anschließend nach Moskau ins Sternenstädtchen zum finalen Test. Nach der Rückkehr am 25. November 1976 entschied man im Stab des „Kommandos Luftstreitkräfte/Luftverteidigung“ (LSK/LV) der DDR, dass Köllner und Jähn zur Kosmonauten-Ausbildung nach Moskau abkommandiert werden…

Die Serviette mit den Unterschriften der Kosmonautenanwärter und ihrer Ausbilder Foto: Dr. Hans Haase

Die Serviette mit den Unterschriften der Kosmonautenanwärter und ihrer Ausbilder. Foto: Dr. Hans Haase

Serviette als kosmischer Club-Ausweis

Die „DDR-Kosmonautengruppe“ traf sich nie wieder. Eigentlich wollte man sich, eine schöne Tradition gründend, regelmäßig in Moritzburg bei Dresden treffen. „An einem Abend im Oktober 1976 trafen wir uns alle in der ,Waldschänke Moritzburg’ zum gemütlichen Zusammensein“, erinnert sich der frühere NVA-Offizier Wolfgang Wehner. „In der Runde hatte einer die absurde Idee: ‚Männer, nach dem Eulenspiegelprinzip „hic fuit“ (war hier gewesen) unterschreiben wir mit Datum auf dem über uns hängenden Jagdbild im Klubzimmer.‘ Dieser Vorschlag wurde natürlich nicht ausgeführt, sondern gewandelt: Jeder verewigte sich auf einer Serviette dieses Restaurants.“

Wenn sich die fliegenden „Serviettenbesitzer“ mal irgendwo in Stäben oder Flugplätzen trafen, war immer die Rede davon, ein „Serviettenbesitzertreffen“ zu organisieren. Aber die Ereignisse gaben ihnen dazu keine Zeit, später waren sie in alle Winde zerstreut. Berger und Jenichen sind inzwischen bereits gestorben.

Gruppenfoto auf den Stufen der Dresdner Frauenkirche am 3. April 2019. Von links nach rechts: Dr. Hans Haase, Eberhard Köllner, Rosemarie Jenichen, Christian Haufe, Wolfgang Wehner, Peter Misch, Jutta Berger, Frau Boback, Sigmund Jähn und Heinz Boback. Foto: Dr. Olaf Przybilski

Gruppenfoto auf den Stufen der Dresdner Frauenkirche am 3. April 2019. Von links nach rechts: Dr. Hans Haase, Eberhard Köllner, Rosemarie Jenichen, Christian Haufe, Wolfgang Wehner, Peter Misch, Jutta Berger, Frau Boback, Sigmund Jähn und Heinz Boback. Foto: Dr. Olaf Przybilski

Dresdner Fliegerstammtisch entstanden

Nachdem das Fachjournal „Luft- und Raumfahrt“ der „Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) über die Auswahl dieser Kosmonautenanwärter berichtete, entstand die Idee vom Dresdner Fliegerstammtisch. Dieses Treffen sollte alle noch lebenden Kosmonautenkandidaten endlich wieder zusammenführen. Am 3. April 2019 schließlich trafen sich 40 „Ehemalige“ und ihre Angehörigen und Freunde. Darunter waren Jähn, sein Double Köllner, die Ausgeschiedenen Boback, Haufe, Misch und Wehner. Auch die Witwen von Berger und Jenichen waren gekommen und der damals die Kosmonauten-Kandidaten betreuende Mediziner Dr. Hans Haase. Raumfahrtforscher Dr. Olaf Przybilski steuerte einen Vortrag bei. Vor allem aber die Zeitzeugen kamen zu Wort. Sie erzählten über ihre persönlichen Erlebnisse aus jener hoffnungsvollen, raumfahrtaffinen Aufbruchzeit ins All, als die unruhevolle Jugend diesseits des Eisernen Vorhangs noch voller Begeisterung sang: „Im Flug zu den Sternen bau’n wir uns’rer Heimat Glück…“

Autor: Olaf Przybilski

Projektleiter Dr. Olaf Przybilski prüft, ob die vorgefertigten Komponenten für die Mira-Rakete auch zusammenpassen. Foto: Heiko Weckbrodt

Dr. Olaf Przybilski (Archivaufnahme). Foto: Heiko Weckbrodt

Anmerkung: Unser Gastautor Dr. Olaf Przybilski ist Raumfahrtbegeisterter und Raketenforscher, engagiert sich im „Sächsischen Verein für historisches Fluggerät“ und hat unter anderem zwei Bücher über das deutsche Raketenprogramm während des Krieges geschrieben. Geboren 1960 in Altdöbern bei Cottbus, diente er als Soldat auf Zeit in Peenemünde und studierte danach Maschinenbau an der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ (HfV) in Dresden. 2012 bis 2016 leitete er das Programm „Smart Rockets“.