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Zungenmaus gegen das große Zittern

Mit der Zungenmaus im Mund sollen Senioren, die sich nicht mehr auf ihre Hände verlassen können, zum Beispiel ihren Rollstuhl, den Fernseher oder ihren PC steuern. Grafik: Christoph Wagner, für TUD und Linguwerk

Mit der Zungenmaus im Mund sollen Senioren, die sich nicht mehr auf ihre Hände verlassen können, zum Beispiel ihren Rollstuhl, den Fernseher oder ihren PC steuern. Grafik: Christoph Wagner, für TUD und Linguwerk

Ingenieure aus Sachsen entwickeln Zungensteuerung für Parkinson-Kranke und Rheumatiker

Dresden, 1. März 2019. Mit einer „Zungenmaus“ wollen Dresdner Ingenieure jenen Senioren und Patienten etwas Lebensqualität zurückgeben, die nicht mehr Herr über ihre Finger sind: Wenn die Hände nicht mehr gehorchen, legen Parkinson-Kranke, Rheumatiker oder Gelähmte künftig eine optoelektronische Schale in den Mund und befestigen sie an den Schneidezähnen. Durch bloße Zungenbewegungen können sie dann beispielsweise Haushaltgeräte, Computer oder Rollstühle steuern.

Prof. Peter Birkholz (l.) von der TU Dresden und Linguwerk-Geschäftsführer Rico Petrick freuen sich über die Förderbescheide, die ihnen Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch übergeben hat. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Peter Birkholz (l.) von der TU Dresden und Linguwerk-Geschäftsführer Rico Petrick freuen sich über die Förderbescheide, die ihnen Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch übergeben hat. Foto: Heiko Weckbrodt

EU und Land fördern Projekt mit halber Million Euro

Die sächsische Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) hat für dieses gemeinschaftliche Entwicklungsprojekt der Dresdner Sprachsynthese-Firma „Linguwerk“ und der Technischen Universität Dresden (TUD) heute rund 526.000 Euro aus dem „Europäischen Fonds für regionale Entwicklung“ (EFRE) zugesagt. „Hochinnovative Projekte wie dieses gestalten die Zukunft in der Gesundheitsversorgung mit“, betonte sie, als sie die Förderbescheide an Juniorprofessor Peter Birkholz vom TUD-Institut für Akustik und Sprachkommunikation und an Linguwerk-Chef Rico Petrick übergab.

Palatografie startete mit schwarzen Gaumen

Zungen-Gaumen-Bewegungen auszumessen, auch Palatografie („Gaumenschreiben“) genannt, ist an für sich keine neue Idee, betonte Prof. Birkholz: Schon vor 100 Jahren versuchten Wissenschaftler die Lautbildung für sie fremder Sprachen zu analysieren, indem sie Probanten den Gaumen einschwärzten, um dann nach jedem Laut die Veränderungen im Mund zu fotografieren. Später konstruierten die Forscher elektrische Einlagefolien für den Mund, die die Zungenbewegungen elektrisch zu messen versuchten. Ab 1978 verdrängte dann optische Messmethoden die klassische und die Elektropalatografie. All diese Einlagen blieben aber sehr beschwerlich und unbequem für die Träger.

Stimme 2.0 für Querschnittsgelähmte

Für den medizinischen Einsatz haben die Konstrukteure von TU und Linguwerk Dresden diese älteren Technologien zusammengeführt und durch moderne Sensorik und Elektronik verbessert. Derzeit entwickelten sie im Projekt „Oslo“ erste optoelektronische, aber noch recht teure Mundeinlagen zum Beispiel für Querschnittsgelähmte. Diese besonderen Assistenzsysteme helfen den Gelähmten zunächst dabei, wieder das Sprechen und Schlucken zu lernen. Später soll das System völlig Gelähmten auch wieder eine “Stimme 2.0” geben, indem es Zungenbewegungen per Sprachsynthese in eine Computerstimme übersetzt. Diese Technik wäre vor allem für Schwerstkranke und -verletzte wichtig. Denn selbst wenn der Patient sonst nichts mehr bewegen und zum Beispiel wegen einer Wirbelsäulen-Fraktur auch nicht mehr reden kann: „Die Zunge ist dann oft das einzige Organ, das dann noch funktioniert“, erklärte Prof. Andreas Richter von der TUD. „Zudem ist die Zunge so gut wie ermüdungsfrei – auch wenn uns das bei ewigen Monologen manchmal nicht gefallen mag.“

So ähnlich soll die Zungenmaus aussehen: Die optoelektronische soll nicht beim Sprechen stören und an den Schneidezähnen befestigt werden. Mit seinen Zungenbewegungen kann der Träger dann Geräte und Computer steuern. Foto: Heiko Weckbrodt

So ähnlich soll die Zungenmaus aussehen: Die optoelektronische soll nicht beim Sprechen stören und an den Schneidezähnen befestigt werden. Mit seinen Zungenbewegungen kann der Träger dann Geräte und Computer steuern. Foto: Heiko Weckbrodt

Preiswerte Rentner-Version geplant

Nun wollen die Ingenieure diese Technik bis 2020 so weiterentwickeln und vor allem preiswerter machen. Möglich sei dies vor allem durch die neueren Fortschritt der Sensorik und des maschinellen Lernens geworden, schätzte Linguwerk-Chef Rico Petrick. Dadurch soll die „Zungenmaus“ wirklich bequem tragbar und zu einem bezahlbaren Massenprodukt zum Beispiel für Senioren werden, denen zittrige Hände viele Alltagsverrichtungen unmöglich machen. Der potenzielle Markt dafür ist groß: Laut sächsischem Gesundheitsministerium sind „allein in Deutschland sind fast 900.000 Menschen von Rheuma, Parkinson oder dem Funktionsverlust von Gliedmaßen betroffen“.

Über Linguwerk

Linguwerk beschäftigt sich bereits seit eine Dekade mit Sprachsynthese, Spracherkennung und verwandten Technologien: 2009 hatten Rico Petrick und zwei weitere Entwickler das „Linguwerk“ aus der TU Dresden ausgegründet. Inzwischen ist das an der Schnorrstraße in Dresden ansässige Sprach-Tech-Unternehmen auf 40 Mitarbeiter gewachsen und realisiert Millionenumsätze. Hauptkunden sind nahezu alle großen deutschen Automobil-Konzerne, aber auch Unternehmen aus der allgemeinen Industrie und der Medizintechnik. Ein Spezialgeschäftsfeld der Dresdner sind sprachgesteuerte Puppen.

Autor: Heiko Weckbrodt