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Fotos als Propaganda-Waffe

"Frau beim Verkauf von Streichhölzern", 1931, Repro (hw) aus Austellungskatalog

“Frau beim Verkauf von Streichhölzern”, 1931, Repro (hw) aus Austellungskatalog

Ausstellung „Das Auge des Arbeiters“ im Stadtmuseum Dresden zeigt Arbeiterfotografien aus der Weimarer Republik

Dresden, 20. März 2015: Als Kameras nach dem I. Weltkrieg für Arbeiter in erschwingliche Preiskategorien gerieten, wurden sie rasch vor allem eines: eine propagandistische Waffe im Kampf gegen rechte und linke Gegner in der Weimarischen Republik. „Vor dem Weltkrieg konnte sich kein Arbeiter eine Kamera leisten, da war Fotografie ein durch und durch bürgerliches Medium“, schätzt Kurator Wolfgang Hesse ein, der jetzt eine Ausstellung „Das Auge des Arbeiters“ über das Thema im Stadtmuseum Dresden organisiert hat. Als sich die Arbeiter diese Kunstform eroberten, habe zunächst noch die Milieu-Fotografie dominiert, die darstellende Ablichtung der proletarischen Lebenswirklichkeit. Doch das habe sich bald gewandelt: „Die Fotografien sollten propagandistisch wirken.“

Fotografische Offensive gegen Feinde von links und rechts

Und dabei ging es nicht nur um die Selbstinszenierung der Arbeiterbewegung, sondern auch die „Entlarvung“ des „Klassenfeindes“, der Nazi-Bewegung und auch anderer Zweige der Arbeiterbewegung, wenn etwa kommunistische Arbeiter-Fotografen gegen die sozialdemokratischen „Verräter“ agitieren wollten. Was in der Ausstellung letztlich gezeigt werden könne, sei leider zu großen Teilen durch die Überlieferungsgeschichte auf kommunistische Arbeiterfotografie gefiltert, räumt Hesse ein: In den 1950er Jahren wollte die SED in vielen Städten Museen über die Geschichte der Arbeiterbewegung installieren und rief daher die Bevölkerung auf, frühere Fotos von Laien aus dem Proletariat einzusenden. Was aus diesen Einsendungen letztlich in diese – in den 1960er Jahren teils wieder aufgelösten – Museen wanderte und über viele Umwege letztlich nun in der Sonderschau im Stadtmuseum zu sehen ist, stand vor allem in der KPD-Tradition der Arbeiterfotografie: „Rote Kunst“ in Leipzig, Fotos Werken pro-kommunistischer Künstler, die Jungkommunisten von den „Roten Raketen“ bei einer Protestveranstaltung, KPD-Abgeordnete bei Wahlkampfreden… Dagegen müssen wohl viele Fotografien, die von anders gesinnten Arbeitern geschossen wurden, als nicht überlieferter Verlust abgeschrieben werden.

Video (hw):

Lichtbildblick auf proletarisches Alltagselend

Daneben stehen in der Schau aber auch viele Fotos von alltagshistorischem Interesse: Arbeiter beim harten Tagewerk in den Fabriken, Familien, die Essensreste aufsammeln, Rentnerinnen, die in Müllcontainern vor einer Markthalle nach Bohnen wühlen, lange Schlangen von Arbeitslosen, die um Stütze beim Amt anstehen, eine alte Frau, die sich mit Streichholz-Verkauf über Wasser hält zum Beispiel. Daneben hat Kurator Hesse aber auch verwandte Ausdrucksformen aus der Ikonografie der Arbeiterbewegungen platziert: Uniformen, Plakate mit verzerrten SA-Männer-Fratzen, alte Arbeiterfilme und dergleichen mehr – eingebettet in eine Kulisse aus Pressspanplatten und Wellblech, die für die proletarischen Slums steht, in denen vieler diese Fotos und anderen Werke entstanden. Wobei in der Ausstellung dieses archaisch-haptisch wirkende Interieur neben ganz Modernem steht: Viele Lichtbilder wurden digitalisiert und in elektronischen Bilderrahmen, Tablet-Rechnern und Touchscreens präsentiert.

Kurator Wolfgang Hesse. Foto: hw

Kurator Wolfgang Hesse. Foto: hw

Die montierte Welt des John Heartfield

Eine eher kleine Ecke ist den Werken von John Heartfield gewidmet, der wie wohl kaum ein anderer Lichtbildkünstler der Arbeiterbewegung nationale und internationale Beachtung fand. Der 1891 als Helmut Herzfeld bei Berlin geborene Autodidakt entwickelte die noch junge Technik der politischen Fotomontage zu einer eigenen Ausdrucksform, die gerade in der Weimarer Republik auf einen bereitwilligen Resonanzboden stieß. „Die Vorstellung, in einer zusammengesetzten, montierten Welt zu leben, war in den 1920er Jahren weitverbreitet“, schätzt Kurator Hesse ein. Heartfield habe insofern nicht nur in seiner politischen Kritik am „System“, sondern auch mit seiner ganz eigenen Stilistik offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen.

Foto von einem Wandbild in Leipzig um 1930. Repro (hw) aus AusstellungskatalogFoto von einem Wandbild in Leipzig um 1930. Repro (hw) aus Ausstellungskatalog

Foto von einem Wandbild in Leipzig um 1930. Repro (hw) aus Ausstellungskatalog

Fast 5000 Fotos im Vorfeld gesichtet

Insgesamt sind in der Ausstellung „Das Auge des Arbeiters“, die heute Abend, 19 Uhr, mit einer Vernissage im Stadtmuseum öffnet, rund 120 analoge Fotoabzüge sowie zirka rund 100 digitalisierte Arbeiterfotografien nebst weiteren Exponaten bis zum 12. Juli 2015 zu sehen. Vorausgegangen war der Schau eine sechsjährige Vorbereitungszeit mit wissenschaftlichen Analysen, in deren Zuge fast 5000 überlieferte Arbeiterfotos aus verschiedenen Beständen ausgewertet wurden. Beteiligt waren an der Vorbereitung neben dem Stadtmuseum Dresden unter anderem das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, das Käthe-Kollwitz-Museum Köln, die Kunstsammlungen Zwickau, die Deutsche Fotothek Dresden und die Technischen Sammlungen Dresden. Autor: Heiko Weckbrodt

Willi Zimmermann (1900-1977): Auftritt der Agitpropgruppe Rote Raketen vor der Geschäftsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe Dresden, 1930. Repro: Stadtmuseum Dresden

Willi Zimmermann (1900-1977): Auftritt der Agitpropgruppe Rote Raketen vor der Geschäftsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe Dresden, 1930. Repro: Stadtmuseum Dresden

Sonderschau „Das Auge des Arbeiters – Erinnerungsfotografie und Bildpropaganda um 1930“, Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2, ab 21. März bis 12. Juli 2015, dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, freitags 10-19 Uhr, Eintritt: fünf Euro (vier Euro ermäßigt), mehr Infos hier im Internet – dort auch Näheres zum Begleitprogramm.

Ausstellungskatalog: Wolfgang Hesse (Hsg.): Das Auge des Arbeiters, 440 Seiten, Spector Books, im Stadtmuseum

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