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“Silicon Europe”: Europas größte Mikroelektronik-Allianz in Dresden gegründet

Blick in den Reinraum des belgischen Mikroelektronik-Forschungszentrums "IMEC" in Löwen (Leuven), das nun auch zur Allianz "Silicon Europe" gehört. Abb.: IMEC

Blick in den Reinraum des belgischen Mikroelektronik-Forschungszentrums “IMEC” in Löwen (Leuven), das nun auch zur Allianz “Silicon Europe” gehört. Abb.: IMEC

Dresden, 8. Oktober 2012: Die Sachsen, Franzosen, Niederländer und Belgier haben heute in Dresden die wohl größte Hightech-Allianz auf dem Kontinent gegründet: „Silicon Europe“ vereint vier Mikroelektronik-Wirtschaftskerne (neudeutsch: „Cluster“), die rund 800 Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit insgesamt über 100.000 Beschäftigten repräsentieren. Österreich will am Mittwoch als vierter Partner beitreten.

Als Lobby-Allianz soll „Silicon Europe“ einerseits bei der EU-Kommission die Werbetrommel für die Mikro- und Nanoelektronik rühren – letztlich auch, um in Brüssel mehr Fördergeld für diese Branche freizuschaufeln.

Dicke Kumpels: Die europäischen "Cluster-Manager" besiegeln ihre Allianz vor der Dresdner Frauenkirche. Abb.: Silicon Europe

Dicke Kumpels: Die europäischen “Cluster-Manager” besiegeln ihre Allianz vor der Dresdner Frauenkirche. Abb.: Silicon Europe

Darüber hinaus fordern die Cluster-Manager einen europäischen “IKT-Gipfel” nach dem Vorbild der deutschen “IT-Gipfel”, um Industrie und Politik zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bringen. “In den Niederlanden hat die Regierung das Elektronik-Cluster Eindhoven als einen Schlüssel zum künftigen Wohlstand des Landes identifiziert”, sagte der Eelco van der Eijk vom holländischen Wirtschaftsministerium. Eine ähnliches Sichtweise wolle die Mikroelektronik-Allianz auch der EU-Kommission für den Wohlstand Europas nahe bringen.

“Industriepolitik neuen Typs”

Andererseits sind zudem gemeinsame Forschungs- und Produktionsprojekte vorgesehen. „,Silicon Europe‘ ist Ausdruck einer europäischen Industriepolitik neuen Typs“, erklärte Cluster-Manager Thomas Reppe vom sächsischen Gründerverbund „Silicon Saxony“. Es gehe darum, regionale Cluster-Konzepte wie „Silicon Saxony“ in Sachsen auf eine „transnationale Ebene“ zu heben.

Dabei handele es sich zwar primär um eine „forschungsgetriebene Beziehung“, ergänzte Jean Chabbal vom französischen Elektronikverbund „Minalogic“ in Grenoble. Aber – und darin waren sich die Gründer weitgehend einig – die Kooperation könnte auch in industrielle Dimensionen münden.

450-mm-Chipfabriken in Europa im Visier
Der Umstieg der europäischen Chipindustrie von 300 mm großen (hier im Foto) auf 450-mm-Wafer dürfte eine große Herausforderung werden. Abb.: IMEC

Der Umstieg der europäischen Chipindustrie von 300 mm großen (hier im Foto) auf 450-mm-Wafer dürfte eine große Herausforderung werden. Abb.: IMEC

Konkrete Pläne konnte oder wollte Reppe noch nicht nennen. Aber dann fiel doch das Stichwort „450-Millimeter-Fabrik“: Denn die europäischen Chipwerke müssen fürchten, in wenigen Jahren in ihrer Produktivität weit hinterher zu hinken, wenn Intel in den USA und TSMC in Taiwan – und vielleicht noch Samsung in Südkorea – von 300 auf 450 Millimeter große Siliziumscheiben (Wafer) und die neue Röntgen-Chipbelichtungstechnik „EUV“ umsteigen.

„Europa kann es sich nicht leisten, dass die 450-Millimeter-Technik an uns vorbeigeht“, betonte Michael Kretschmer, der forschungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, im Vorfeld der heute beginnenden Halbleitermesse „Semicon“ in Dresden. Die gewaltigen Investitionen für solche Fabriken – Branchenkenner gehen von etwa zehn Milliarden Dollar pro 450-mm-Werk aus – seien national aber nicht stemmbar. Er hoffe daher, dass es der neuen Allianz gelinge, der EU-Kommission deutlich zu machen, „dass wir diese Technologie in Europa brauchen“ – an welchem konkreten Standort in Europa auch immer.

Forderung: EU soll Subventions-Grenzen für Schlüsselindustrien überdenken

Freilich sei dafür ein neues Beihilfe-Regime der EU in der Schlüsseltechnologie „Mikroelektronik“ erforderlich, sprach der CDU-Politiker den in Dresden versammelten Mikroelektronikern aus dem Herzen. Denn andere Staaten – vor allem in Asien – würden weit weniger als die EU auf Wettbewerbsgerechtigkeit achten. Im Klartext: Wenn die EU staatliche Subventionen für Chipfabriken im EU-Raum weiter so stark begrenzt wie bisher, Asien seine Mikroelektronik aber kräftig unterstützt, könnten Chip-Produktion und -Forschung in Europa schon bald Vergangenheit der Vergangenheit angehören – und damit eine Schlüsseltechnologie für andere Branchen wie die Autoindustrie, den Flugzeugbau, Maschinenbau und andere.

Europas Anteil am Halbleiter-Markt sinkt

Ganz von der Hand zu weisen ist diese Furcht nicht: Seit dem Jahr 2000 ist der weltweite Marktanteil der europäischen Chipindustrie von 21 auf 16 Prozent gefallen.

Dies lässt sofort an die deutsche Solarindustrie denken, die binnen weniger Jahre vom weltweiten Markt- und Technologieführer zum Sorgenkind wurde (Der Oiger berichtete mehrfach) – nur dass die Multiplikatoreffekte der Mikroelektronik eben noch ungleich größer sind. Heiko Weckbrodt

“Silicon Europe” im Kurzporträt

Die Gründungs-Cluster: 

– „Silicon Saxony“ (Mikroelektronik-Dreieck Dresden-Freiberg-Chemnitz), ca. 300 Partner (Schwergewichte: Globalfoundries und Infineon) mit rund 48.000 Mitarbeitern und ca. vier Milliarden Euro Jahresumsatz; Schwerpunkte: Chipproduktion sowie Ausrüstungen und Anwendungen, organische Elektronik

– “Minalogic“ (Raum Grenoble/Ostfrankreich, 204 Unternehmen und Forschungseinrichtungen (u. a. ST Microelectronics), insgesamt über 39.000 Mitarbeiter, Schwerpunkte: Mikroelektronik und ihre Anwendungen in Mobilgeräten, Medizin und allgemeiner Industrie

– „Point One“ (Raum Eindhoven, Niederlande), 170 Partner (Schwergewichte u. a. ASML, NXP, TomTom) mit insgesamt zirka 20.000 Mitarbeitern, Schwerpunkte Mikroelektronik-Produktion, Chipwerk-Ausrüstung, Software, Photonik

-„DSP Valley“ (Leuven/Belgien), 75 Partner (u. a. Großforschungszentrum IMEC) mit etwa 5000 Mitarbeitern, Mikroelektronik-Forschung, Chipdesign, Systems-on-Chip

– „Silicon Europe“ vereint in Summe über 800 Hightech-Unternehmen, Unis und Forschungseinrichtungen, die sich direkt oder indirekt mit Mikro- und Nanoelektronik beschäftigen. In diesen Einrichtungen sind über 100.000 Mitarbeiter beschäftigt.

– Die Mikroelektronik in Europa gibt über 135.000 Menschen Lohn und Brot, weitere 105.000 arbeiten in der Zulieferindustrie (nicht eingerechnet sind indirekte Job-Effekte in anderen Branchen). hw

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