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Smart Home: „Mein Haus weiß immer, wo ich bin“

Ist in Zukunft alles "smart" (klug)? Smart Home, Smart City, Smart Phone... Abb.: Bosch

Ist in Zukunft alles „smart“ (klug)? Smart Home, Smart City, Smart Phone… Abb.: Bosch

Das vernetzte „Smart Home“ ist öko und bequem – kann aber auch zum Spielplatz für Erpresser werden

Dresden, 6. Februar 2018. Wird ein Haus konsequent mit Sensoren, Messfühlern, digitalen Schaltern ausgestattet und vernetzt, entsteht das, was neudeutsch „Smart Home“ genannt wird. Und diese „schlauen Heime“ können erheblich zum Umweltschutz beitragen, Heiz- und Stromkosten für den Bewohner erheblich senken. Zugleich bergen sie aber auch das Risiko, ausgehorcht oder erpresst zu werden – durch den Staat, durch Versicherungen oder gar durch Kriminelle. Das hat der Physiker und Informationstechnologie-Sicherheitsexperte Alexander Heidenreich eingeschätzt, einer der Gründer des „Chaos Computer Clubs Dresden“ (C3D2). Seine vollen Vorteile spiele das „Smart Home“-Konzept, das Heidenreich lieber „Heimautomation“ nennt, aber freilich nur aus, wenn man auf maßgeschneiderte eigene Konzepte setze und gleich beim Hausbau ansetze.

Heizkosten durch Automatisierung von 950 auf 140 Euro gesunken

„Ich habe ein kleines Haus, das ich ohnehin generalsanieren wollte“, erzählt er. „Bei der Gelegenheit habe ich es auf Heim-Automation umgestellt.“ Der Tüftler baute digital abschaltbare Steckdosen ein, die den in vielen Wohnungen so gierigen Standby-Stromverbrauch auf Null senken können. Alle Räume haben nun Bewegungsmelder statt Lichtschalter, die automatisch die Lampen an- oder ausschalten, wenn jemand ein Zimmer betritt oder verlässt. Auch spickte er das Haus mit Temperaturfühlern, Fenster- und Herdsteuerungen, Gesichtserkennung am Tor, installierte eine automatische Paket-Annahmebox, elektronisch steuerbare Heizkörper und dergleichen mehr. All dies vernetzte er mit einem selbstkonfigurierten Hauscomputer. „Ein Effekt war, dass meine Heizungskosten nach der Umstellung drastisch gesunken sind: von 950 auf 140 Euro“, berichtet Heidenreich. „Mit ging es dabei vor allem um den Umweltschutz – das Ganze ist aber auch sehr bequem und cool.“

Haus erahnt die Ankunft seines Herrn

Möglich ist dies, weil sich sein Haus selbst energetisch bis zum letzten Heizkörper austarieren kann. Kurz vor der Aufstehzeit beginnt es zum Beispiel, das Bad auf Temperatur zu bringen. Geht Heidenreich zur Arbeit, senkt das Haus die Innentemperatur auf 14 bis 15 Grad ab. Rechtzeitig vor der Rückkehr seines Bewohners beginnt es wieder zu heizen. Ähnlich funktioniert es mit Stromverbrauchern. Damit das klappt, muss das Heim allerdings die Gewohnheiten seines Bewohners kennen. Und: „Mein Haus weiß immer, wo ich bin“ – durch weltweite Handyortung.

Das „Öl der Informationsgesellschaft“ fließt in die Cloud

Spätestens an diesem Punkt zeichnen sich die Konflikte zwischen Bequemlichkeit und Datenschutz ab: Wer sein Haus mit vorgefertigten „Smart Home“-Komponenten großer Konzerne wie Apple, Philips oder Amazon nachrüstet, muss damit rechnen, dass seine Daten „in der Cloud“ landen – letztlich also auf den Computern anderer Leute. Die Frage ist, ob man Konzernen in Übersee, die womöglich mit ihren nationalen Geheimdiensten kooperieren, wirklich eigene Bewegungsprofile, Ess- und andere Lebensgewohnheiten anvertrauen will. „Viele sagen: Ich habe nichts zu verbergen“, weiß der IT-Experte. „Aber das ist kurzfristig gedacht. Denn Daten sind das Öl der Informationsgesellschaft.“ Und Öl mache ein gewinnorientiertes Unternehmen nun mal gern zu Geld. Beispiel: Würden im Smart Home gesammelte Daten an einen Finanzdienstleister weiterverkauft, könnten sie mit darüber entscheiden, zu welchen Konditionen Bürger X eine Autoversicherung oder einen Kredit bekommt.

Die Grafik zeigt beispielhaft, wie sich die telekom-Strategen das vernetze Heim vorstellen. Abb.: Deutsche Telekom

Die Grafik zeigt beispielhaft, wie sich die Telekom-Strategen das vernetze Heim vorstellen. Abb.: Deutsche Telekom

Abhängigkeit von einem „Smart Home“-Anbieter birgt Risiken

Hinzu kommen ganz generelle Nachteile einer nachträglichen Vernetzung mit Standard-Lösungen: Denn die Nachautomatisierung eines Gebäudes, das Jahrzehnte alte Haustechnik hat, erschließt nie die vollen Ersparnisse einer Lösung „aus einem Guss“. Außerdem sind die „Smart Home“-Nachrüstsätze aus dem Regal nicht billig: Will der Hauscomputer zum Beispiel jeden Standby-Stromverbrauch unterbinden, muss er jede Steckdose einzeln durch digitale Signale abschalten können. Solche Nachrüst-Aktuatoren kosten aber oft über 50 Euro – pro Stück. Sprich: Bei 50 Steckdosen im Haus sind dafür schon mal 2500 Euro weg. Dazu kommt ein drei- bis vierstelliger Betrag für die „Smart Home“-Verkabelung. „Und auch hier begibt man sich in die Abhängigkeit weniger großer Anbieter, wenn man vorgefertigte Lösungen verwendet“, betont Heidenreich. „Wenn sie ein System von Anbieter A kaufen, müssen Sie alles von A kaufen, damit alles gut zusammen funktioniert. Und wenn A eines Tages beschließt, ein älteres System nicht mehr zu unterstützen, stehen Sie dumm da.“

Beispiel Finnland: Gehackte Stadt ohne Wärme

Die größten Einfalltore für Angreifer öffnen sich aber überall dort, wo das Haus Daten mit der Außenwelt austauscht – womöglich gar über eine ungesicherte Internet-Verbindung. „Wohin das führen kann, hat Finnland gezeigt“, erzählt Heidenreich. „Dort haben ein paar Leute die IoT*-Steuerungen gekapert und mitten im Winter die Heizungen einer halben Stadt lahmgelegt.“ Diese Gefahr drohe auch in „Smart Homes“, in denen der Bewohner nicht die volle Kontrolle darüber habe, mit wem jenseits der eigenen vier Wände das Haus digital „plaudert“: „Da droht die Gefahr, dass jemand das Haus unbemerkt übernimmt, um ein Lösegeld zu erpressen. Und wenn Ihnen im Winter jemand die Heizung von außen für mehrere Tage abschaltet, wird es nicht nur für die Bewohner kalt: Wenn die Heizung einfriert, wird es richtig teuer. Da wird womöglich mancher eher zu zahlen bereit sein.“

Autor: Heiko Weckbrodt

* IoT = Internet of Things (deutsch: Internet der Dinge): Sammelbezeichnung für vernetzte Alltagsgeräte

Erklärvideo über den Rasperry Pi:

What is a Raspberry Pi? from Raspberry Pi Foundation on Vimeo.

 

Tipps vom Experten:

  • Statt Daten aus dem „Smart Home“ in fremde Rechnerwolken („Cloud“) pumpen zu lassen, lieber ein eigenes Heimnetzwerk mit eigenem Zentralrechner aufbauen
  • Leistungsstark genug, nahezu frei konfigurierbar und recht preisgünstig (ab 40 Euro) ist der bei Bastlern beliebte Universalcomputer „Raspberry Pi“. Siehe raspberrypi.org
  • Als Steuer-Software kommt beispielsweise der kostenlose und quelloffene „Home Assistant“ in Frage. Siehe; home-assistant.io
  • Wer Hilfe mit dem „Raspberry Pi“ und dem „Home Assistant“ braucht, kann zu öffentlichen Hackertreffen (Hacker Space, Maker Space, „Datenspuren“-Festival in Dresden ) kommen.
  • Mehr Infos zum Chaos-Computer-Club Dresden: c3d2.de

Zum Weiterlesen:

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Smart Home: Der Dieb 2.0 klaut per App

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