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Die Treuhand gilt vielen als Zerstörer schlechthin

Chipproduktion im VEB Mikroelektronik Erfurt 1989. Abb.: Hirndorf, Bundesarchiv, Wikipedia

Chipproduktion im VEB Mikroelektronik Erfurt 1989. Vor allem in Sachsen und Thüringen setzten sich die Landesregierungen sehr für einen Erhalt der Mikroelektronik-Kerne ein – andernfalls wären wahrscheinlich auch vom Kombinat Mikroelektronik und vom ZMD kaum etwas übrig geblieben. Abb.: Hirndorf, Bundesarchiv, Wikipedia

Studie beleuchtet Sicht der Ostdeutschen auf die Nachlasswalter der DDR-Wirtschaft

Berlin/Bochum, 26. November 2017. Auch 27 Jahre nach der Wende gilt die Treuhandanstalt für viele – insbesondere ältere – Ostdeutsche als Inbegriff für die misslungenen Seiten der deutschen Wiedervereinigung. Die Treuhand habe sich vom „vereinigungspolitischen Blitzableiter“ zu einer „erinnerungskulturellen Bad Bank“ entwickelt, heißt es in der Studie „Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt“, die die Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke, erstellt hatte. In diese Bank der schlechten Erinnerung hätten demnach „viele einstmals direkt oder indirekt betroffene Ostdeutsche ihre weitgehend unverarbeiteten Umbruchserfahrungen mental auslagern können, um die Vorzüge der neuen Zeit ungestört anerkennen und genießen zu können.“

Bochumer Historiker befragten Ostdeutsche und Treuhand-Akteure

Die Historiker Prof. Dr. Constantin Goschler und Marcus Böick hatten für diese geisteswissenschaftliche Momentan-Aufnahme einerseits 500 Menschen in Eisenach und Leipzig befragt, außerdem Zeitzeugen-Interviews geführt. Dabei zeigte sich unter anderem, dass zahlreiche Ostdeutsche die Treuhandanstalt vor allem mit einer „Verrammschung“ der DDR-Wirtschaft, Enteignung des „Volkseigentums“, Massenarbeitslosigkeit und Abwicklung unliebsamer ostdeutscher Konkurrenz assozieren.

Im „Rauchnebel der Zeitgeschichte“

Die Bochumer Wissenschaftler weisen überzeugend nach, dass eine ebenso differenzierte wie offene Diskussion über die Treuhandanstalt und die langfristigen Folgen ihres Wirkens nicht nur lohnenswert, sondern zwingend erforderlich ist“, kommentierte Iris Gleicke die Befunde. Die ursprüngliche Idee des Runden Tisches, mit der Treuhand auch für eine gerechte Aufteilung des Volksvermögens zu sorgen, verlor sich im ‚Rauchnebel der Zeitgeschichte‘. Für viele Ostdeutsche ist die Treuhandanstalt bis zum heutigen Tage mit einschneidenden und prägenden biografischen Verlusterfahrungen und erlittenen Enttäuschungen mit Blick auf die freiheitliche Demokratie und die soziale Marktwirtschaft verbunden.“

Ost-Beauftragte plädiert für Öffnung der Archive

Gleicke plädierte zugleich dafür baldmöglichst die Treuhand-Archive für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit zu öffnen: „Gegen Mystifizierungen und Verschwörungstheorien aller Art helfen nur Transparenz, Aufrichtigkeit und auch das Eingeständnis von Fehlern und Fehleinschätzungen. Dabei fällt niemandem ein Zacken aus der Krone.“

Über die Treuhand

Entstanden war die Treuhandanstalt am „Runden Tisch“ der Oppsitionsgruppen und der DDR-Staatsgewalt im März 1990. Sie sollte ursprünglich für eine faire Transformation der sogenannten Volkseigenen Betriebe in eine marktwirtschaftliche Form sorgen. 1995 wurde die „Treunhand“ in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) umbenannt. Die Grundstücke aus dem Treuhand-Bestand gingen teilweise an die TLG Immobilien AG über.

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