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Neuanfang für Philip Morris: Die rauchlose Tabakfabrik

Heets-Produktion in der Philip-Morris-Fabrik nahe Bologna. Foto: Philip Morris International

Heets-Produktion in der Philip-Morris-Fabrik nahe Bologna. Foto: Philip Morris International

Der US-Tabakkonzern will weg vom Buhmann-Image – Rauchfreie Heets aus Bologna und Dresden sollen dabei helfen

Bologna/Dresden, 26. Oktober 2017. Philip Morris will sein Image als Marlboro-Buhmann loswerden und feilt nach eigenem Bekunden an einer rauchfreien Zukunft. Ein Baustein dafür soll eine 285 Millionen Euro teure neue „Heets“-Fabrik sein, die der US-Tabakkonzern bis 2019 in Dresden bauen will. In Bologna rollen die „Heets“ genannten Zigaretten-Alternativen bereits milliardenfach vom Band – wir haben uns dort umgeschaut.

Klinische Anmutung eines Bankpalasts

Wer sich von Bologna aus der Fabrik von Philip Morris International (PMI) nähert, stutzt unwillkürlich: Hier also entstehen jene „Heets“, die der „Marlboro“-Hersteller als neue, bessere, weil rauchfreie Alternative zu Zigaretten und E-Zigaretten anpreist. Wie ein Werkseingang sieht das riesige, blitzeblanke Entrée, das da mitten in der norditalienischen Ebene aufragt, allerdings gar nicht aus. Eher wie der Eingang zum Glaspalast einer Bank, die ein Architekt versehentlich neben eine Autobahn der Emilia Romagna gesetzt hat.

Heets-Produktion in der Philip-Morris-Fabrik nahe Bologna. Foto: Philip Morris International

Heets-Produktion in der Philip-Morris-Fabrik nahe Bologna. Foto: Philip Morris International

Tabakgeruch? Fehlanzeige

Was ebenfalls nicht zu einer Tabakfabrik zu passen scheint: An jeder Ecke prophezeien agitative Aufschriften eine nahende „rauchfreien Zukunft“. Auch der schwere Tabakgeruch, der Zigarettenfabriken wie das f6-Werk in Dresden-Striesen seit Jahrzehnten umwabert, fehlt hier völlig. Das mag auch am Standort nahe am Kilometerschild „128,5“ der Schnellstraße Via Emilia liegen: „Greenfield“ hat der US-Tabakkonzern das Areal genannt, frei übersetzt: „Auf der grünen Wiese“. So weit draußen vor den Toren Bolognas weht fast stets ein lindes Lüftchen und verjagt alle Düfte.

Keine italienische Fabrik ohne Espresso-Phalanx

„Sorry, Fotografieren ist hier nicht erlaubt“, schüttelt Antonio Mirabella den Kopf, als einer der Besucher sein Smartphone zückt. „Wir wollen der Konkurrenz keine Details unserer Maschinen liefern.“ Wie zur Versöhnung kredenzt der PMI-Manager den Gästen Espressi an einer Phalanx aus Kaffeemaschinen – die gehören in italienischen Betrieben mutmaßlich zur Basisausstattung. Auch das Mittagessen ist hier für die Belegschaft gratis.

Elektromobile Aorta der Fabrik

Gleich dahinter mündet das ausladende Glasfoyer direkt in eine halbkilometerlangen Hauptstraße. Wie eine Aorta versorgt diese Hauptschlagader die Fabrik mit „Nährstoffen“. Laut hupend schlängeln sich darauf Elektrokarren, überholen einander mit italienischer Geschmeidigkeit. Kaum ist einer dieser Transporter nach links abgeschwenkt, um irgendwelche Maschinen in einer der Hallen dahinter mit neuem Material zu füttern, da schnippt auch schon der nächste E-Wagen mit Ersatzteilen vom Lager in den Fahrzeug-Strom. „Bitte bleiben sie auf den gelben Wegen und queren sie die Trasse nur an den markierten Stellen“, ermahnt die junge Führerin unachtsame Gäste.

Milliarden-Investition vor den Toren Bolognas

Wer den gelben Flitzern in die Heets-Kernproduktion folgen will, muss sich zuvor in weiße Gaze-Overalls einmummeln, wie man sie von den Intensivstationen in Krankenhäusern kennt: Wo „Genussmittel“ entstehen, sind die allgegenwärtigen Keime des Alltags tabu. Hier sieht man auch rasch, wohin ein Großteil der Milliarden-Investition geflossen ist, die PMI getätigt hat: Maschinen, Maschinen, Maschinen…

Der Tabakerhitzer IQOS (vorne) soll sich als Alternative zu klassischer Zigarette und e-Zigarette durchsetzen, wenn es nach Philip Morris geht. Das Prinzip: Die "Heets" sehen aus wie Mini-Zigaretten und werden auf eine Wärmezunge in die IQOS-Halterung eingesteckt. Die erhitzt dann den festen Tabak, statt ihn zu verbrennen. Die gesundheitlichen Langzeit-Folgen sind noch nicht geklärt. Foto: Philip Morris

Der Tabakerhitzer IQOS (vorne) soll sich als Alternative zu klassischer Zigarette und e-Zigarette durchsetzen, wenn es nach Philip Morris geht. Das Prinzip: Die „Heets“ sehen aus wie Mini-Zigaretten und werden auf eine Wärmezunge in die IQOS-Halterung eingesteckt. Die erhitzt dann den festen Tabak, statt ihn zu verbrennen. Die gesundheitlichen Langzeit-Folgen sind noch nicht geklärt. Foto: Philip Morris

Mahlen, verfestigen, falten

Automatische Mühlen zermalmen die angelieferten Tabakblättern zu feinem Puder. Diesen Tabakstaub benetzen die nächsten Maschinen mit Wasser und allerlei Zutaten, die Antonio partout nicht verraten will. Der angerührte Brei wird dann glattgewalzt und durch Dutzende Meter lange glänzende Öfen geschoben. Aus deren heißen Mäulern quillt ein endloser Teppich aus Tabakfasern. Hier kommen ausnahmeweise auch mal Menschen zum Zuge und schieben die Wellen mit dem aufgerollten Tabakteppich zu den Konfektionierautomaten. Dort hieven Roboter die Rollen in Fertigungsmodule, in denen die Tabakbänder gerollt, gefaltet und wieder zugeschnitten werden. Lichtblitze zählen die sich formenden Heets, wieder andere Maschinen packen sie in Boxen und kleben die Steuer-Banderolen drauf.

Bolognas Wahrzeichen sind die übrig gebliebenen Geschlechtertürme - und die örtliche Uni, die die älteste Universität Europas ist. Foto: Heiko Weckbrodt

Bolognas Wahrzeichen sind die übrig gebliebenen Geschlechtertürme – und die örtliche Uni, die die älteste Universität Europas ist. Foto: Heiko Weckbrodt

Bolognas Uni-Tradition beeinflusste Standort-Wahl

Menschenleer wie in machen „Industrie 4.0“-Visionen ist diese hochtechnologische Heets-Fabrik nicht. Rund 1000 Menschen arbeiten inzwischen in dem Werk, weitere 200 Jobs sollen demnächst folgen. Allerdings: Anders als in klassischen Zigarettenfabriken haben Ungelernte hier kaum noch Job-Chancen – zu anspruchsvoll sind das Fertigungsregime und die installierte Technik. Nahezu alle hier sind Facharbeiter, Techniker oder Ingenieure, versichert Antonio Mirabella auf Nachfrage. „Wir stellen hier ein komplexes Produkt her und dafür brauchen wir gut ausgebildete Leute“, betont er. Insofern sei es auch kein Zufall gewesen, dass PMI sein Heets-Werk nahe der Hochschulstadt Bologna gebaut habe, in der die älteste Uni Europas residiert.

Standortfaktor Universität

Subventionen haben bei der Standortwahl anscheinend keine Rolle gespielt: Ähnlich wie in Dresden hat Philip Morris auch in Bologna gar nicht erst versucht, staatliche Beihilfen für die Fabrik zu bekommen. Bestanden hat das Management allerdings darauf, das neue Werk an einem neuen Standort zu errichten – und gar nicht erst zu versuchen, die Heets-Produktion in die alte Zigarettenfilter-Fabrik von Bologna hineinzupressen.

Symbol für den Neustart: Neubau auf der Grünen Wiese

Denn das Konzept einer „neuen“ Fabrik auf frischem Feld mit „neuen“ Produkten steht für PMI sowohl technologisch wie auch symbolisch auch für einen Neuanfang: Einerseits ringt der US-Tabakkonzern um ein neues Image. Konsumenten sollen beim Anblick des PMI-Logos nicht mehr an den Krebstod des Marlboro-Manns denken. Sondern an ein Unternehmen, das „verstanden hat“, das viele Millionen Dollar und Mannjahre investiert, um Alternativen zur Zigarette zu entwickeln – wie eben die IQOS-Heets.

Die f6-Zigarettenfabrik von Philip Morris in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Die f6-Zigarettenfabrik von Philip Morris in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Ähnliche Architektur in Sachsen geplant

Die technologischen Gründe für die Standortwahl auf freiem Feld erschließen sich durch die Fabrikstruktur: Sie ist im altrömischen Stil ganz geometrisch in viereckigen Komplexen strukturiert. Diese Module muss der Konzern nur spiegeln, um die Produktion zu erweitern. Eben dies geschieht gerade auf dem „Greenfield“ in Bologna, in das PMI nun eine weitere halbe Milliarde Euro investiert. Dieses Spiegelbaukonzept wäre weder im angestammten Zigarettenfilterwerk von Bologna umsetzbar gewesen noch auf dem Gelände der Dresdner f6-Fabrik, die zwischen Glashütter und Kipsdorfer eingezwängt ist. Deshalb will PMI seine neue Heets-Fabrik in Dresden auch nicht am Altstandort hochziehen, sondern in Flughafennähe. „Die Architektur in Dresden wird ähnlich sein wie in Bologna“, erklärte PMI-Sprecherin Elfriede Buben.

Autor: Heiko Weckbrodt

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