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Dresden plant Vorausbildungsjahr für Flüchtlinge

Die meisten ostdeutschen Maschinenbau-Unternehmer können sich vorstellen, Flüchtlinge einzustellen. Viele sind sich jedoch unsicher, wie es um die fachlichen und Sprachkenntnisse der Einwanderer bestellt ist. Foto: Rittal GmbH

Die meisten ostdeutschen Maschinenbau-Unternehmer können sich vorstellen, Flüchtlinge einzustellen. Viele sind sich jedoch unsicher, wie es um die fachlichen und Sprachkenntnisse der Einwanderer bestellt ist. Foto: Rittal GmbH

Zusatzjahr soll ausländische Azubis auf Hauptschulniveau bringen

Dresden, 28. September 2017. Junge Flüchtlinge müssen mehr Deutsch lernen können und ihre Allgemeinbildung verbessern, damit sie erfolgreich Facharbeiter-Ausbildungen meistern. Sie dabei zu unterstützen, ist wiederum eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe für Wirtschaft, Verwaltung und Schulen. Das hat ein Lenkungsausschuss der Stadt Dresden, des Job-Centers, der Arbeitsagentur, der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie der Handwerkskammer (HWK) Dresden ein einem gemeinsamen Thesenpapier zur Integration von Flüchtlingen eingeschätzt.

Auch deutsche Lern- und Arbeitskultur vermitteln

„Wir brauchen für diese jungen Menschen, die aus ganz anderen Schulsystemen kommen, parallel zur praktischen Vorbereitung auf eine Ausbildung auch sprachliche und Grundbildungsangebote“, meint HWK-Ausbildungsexperte Thomas Götze. Der Dresdner Lenkungsausschuss habe dafür eine Idee: Demnach sollen interessierte junge Flüchtlinge mit Bleiberecht einen Vor-Lehrvertrag mit einem Unternehmen abschließen. Dann absolvieren sie ein „Vorausbildungsjahr“, bevor sie die Lehre starten, erklärte Götze das Konzept. In diesem Jahr sollen Lehrer die Sprachkenntnisse und die naturwissenschaftliche Allgemeinbildung der ausländischen Lehrlinge verbessern, aber auch die deutsche Arbeits- und Lernkultur sowie Rechte und Pflichten eines Azubis vermitteln. Die Finanzierung sei noch unklar und nicht von Dresden allein stemmbar, räumte Thomas Götze ein. „Wir hoffen auf ein Sonderprogramm des Landes.“

Lern-Motivation junger Flüchtlinge ist hoch

Hintergrund sind bisherige Erfahrungen aus Betrieben, die junge Flüchtlinge als Lehrlinge, Praktikanten oder Arbeitnehmer engagiert haben: „Die Motivation dieser jungen Leute, etwas zu lernen, ist hoch“, betonte IHK- Bildungschef Torsten Köhler. „Sie starten mit großem Enthusiasmus in die Ausbildung.“ Der Knick komme im zweiten Lehrjahr, wenn Wissen auf deutschem Oberschulniveau unumgänglich sei. „Wer dann das Gefühl hat, nichts mehr zu verstehen und nicht mehr mitzukommen, bei dem kippt die Motivation ganz schnell.“ Offensichtlich würden viele junge Afghanen, Eritreer und Syrer völlig verkennen, dass allein die Mitschrauberei in der väterlichen Autowerkstatt daheim noch lange nicht reiche, um eine Kfz-Mechatroniker-Ausbildung in Deutschland erfolgreich zu absolvieren.

Keine Friseuse mehr ohne Chemie

Solche Probleme seien bereits beim Spanien-Projekt vor einigen Jahren sichtbar geworden, sagte Götze. Damals hatte die Wirtschaft gezielt junge Iberer nach Sachsen geholt, um hier Fachkräfte-Lücken zu schließen. „Es gibt eben Länder, da kann man Naturwissenschaften als Schulfach ganz abwählen. Und so kommt es, dass eine junge angehende Frisörin aus Spanien hier scheitert, weil sie die elementare Chemie in der deutschen Ausbildung nicht versteht.“ Und dies seien damals zumindest junge Leute aus europäischen Schulsystemen gewesen, betont der Handwerkskammer-Vertreter. Die Wissens- und Sprachdifferenzen zu den Schulsystemen in Nahost und Afrika sei noch größer.

Eingewanderte besser auf maßgeschneiderte Sprachkurse verteilen

Auch die Dresdner Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann (Die Linke) sieht noch einige Hebel, um die Integrations-Chancen junger Flüchtlinge zu verbessern. Sie verhandelt laut eigenen Angaben mit dem Bundesamt für Migration und Flüchlinge (BAMF), damit Einwanderer „ausdifferenzierte Sprachkurse“ bekommen. Gemeint sind zum Beispiel spezielle Deutschkurse für Frauen. Auch habe Dresden spezielle Azubis- und Arbeits-Wohngemeinschaften für Flüchtlinge mit gemeinsamen beruflichen Zielen eingerichtet. „Wir wollen, dass Migrantinnen und Migranten beruflich und gesellschaftlich in Dresden ankommen“, betonte Bürgermeisterin Kaufmann. „Wir setzen damit bewusst früh an, damit die Menschen gar nicht erst das Gefühl bekommen, aufs Abstellgleis geschoben zu werden.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Zahlen & Fakten

Insgesamt lebten im August 2017 in Dresden 39 013 Ausländer. Dies entspricht etwa sieben Prozent der Dresdner Bevölkerung. Unter diesen Ausländern sind reichlich 8500 Menschen, die in Deutschland Asyl suchen. Von ihnen gelten 4023 als erwerbsfähig und sind beim Hartz-IV-Jobcenter gemeldet. Dies sind 21,7 Prozent aller arbeitsfähigen Jobcenter-Klienten Ausländer, knapp die Hälfte davon wiederum Flüchtlinge.

Weitere 704 Flüchtlinge mit Bleiberecht haben inzwischen Arbeitsstellen angetreten. Außerdem haben 90 junge Azubis aus Syrien, Afghanistan, aus dem Iran und dem Irak, aus Pakistan und Eritrea einen Ausbildungsvertrag im Zuständigkeitsbereich der IHK Dresden unterschrieben. Der Handwerkskammer sind 190 ausländische Handwerks-Azubis bekannt – wobei die Kammer-Statistik hier nicht nur Flüchtlinge einrechnet. hw

Die Dresdner Integrationsthesen:

  • Eine gelingende Integration in Arbeit und Ausbildung und somit in die Gesellschaft braucht Wissen, Motivation und die positive Erfahrung für den Einzelnen.
  • Es besteht ein Qualitätsproblem bei Sprach-und Wissensvermittlung.
  • Ordnungsrechtliche Aspekte des Aufenthaltsrechts können integrationspolitischen Erwartungen entgegenstehen.
  • Integration von Menschen braucht Menschen.
  • Das System muss die Integration des Menschen unterstützen und nicht der Mensch die Integration des Systems.
  • Integration als gesellschaftliche Aufgabe begründet auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Das ausführliche Thesenpapier ist hier im Netz nachzulesen

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