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Gedemütigt, verstümmelt, stranguliert: Die dunkle Seite des Barocks

Mario Sempf (vorn) und Thomas Zahn auf dem nachgebauten, etwas kleineren Schandesel am Pulverturm am Dresdner Neumarkt. Foto: Heiko Weckbrodt

Mario Sempf (vorn) und Thomas Zahn auf dem nachgebauten, etwas kleineren Schandesel am Pulverturm am Dresdner Neumarkt. Foto: Heiko Weckbrodt

Dresdner Buchverlags stellt Herbstprogramm mit blutigen Eskapaden

Dresden, 14. September 2017. Das grausame Gesicht des vielgepriesenen augusteischen Zeitalters von Sachsen entrollen die Autoren und Experimentalhistoriker Mario Sempf und Thomas Zahn gerade im Dresdner Buchverlag. „Dresden identifiziert sich so gerne mit dem Glanz des Barocks“, weiß Mario Sempf. „Es gab aber auch dunkle Seiten im Barock.“ Die haben sie in den Aufzeichnungen des frühneuzeitlichen Schreiberlings Journalisten Krell vorgefunden, in ihrem neuen Büchlein „Blutiger Barock“ in einen modernen Duktus übertragen, auf 94 Seiten gestrafft und nun im Dresdner Buchverlag veröffentlicht.

Allmorgenlicher Blick auf zwei Galgen

Krell wohnte anscheinend in den 1720er Jahren am Dresdner Neumarkt in der Nähe zweier Galgen und notierte Tag für Tag, was er dort sah: Strangulationen, Verstümmelungen, Auspeitschungen, Demütigungen und was sich die Richter unter August dem Starken noch so an drakonischen Strafen einfallen ließen. Mindestens einmal im Monat wurde hingerichtet, haben die Herausgeber aus dem in der Landes- und Unibibliothek SLUB überlieferten und digitalisierten Quellenmaterial errechnet – viel öfter als im vielgeschmähten Mittelalter.

Ist der August aus der Stadt, blühen die Banden

„Durch den Nordischen Krieg war August oft außerhalb Dresdens beschäftigt – und so blühte das Bandenwesen“, interpretiert Mario Sempf die häufigen Fallstrickstrafen. Aber auch ungehorsame und furchtsame Soldaten sanktionierte der „glorreiche“ Landesherr oft und hart. Ehrabschneidende Strafen wie der stundenlange Ritt auf einem gezimmerten, drei Meter hohen Holzesel mit einem spitzen Kupferblech als „Sitzfläche“ waren an der Tagesordnung. Inzwischen haben Mario Sempf und Thomas Zahn diesen Schandesel – in etwas kleinerer Ausführung – nachgebaut und am Neumarkt wieder aufgestellt. Wer will, kann probesitzen…

Sieht noch viel belletristisches Potenzial in und um Dresden: Verlegerin Katharina Salomo. Foto: Thomas Kretschel

Sieht noch viel belletristisches Potenzial in und um Dresden: Verlegerin Katharina Salomo. Foto: Thomas Kretschel

Verlegerin Salomo: Regionalliteratur gilt zu unrecht als verstaubt

„Blutiger Barock“ ist ein Ergänzungsband zum „Hängen und Würgen“, einem literarischen Blick hinter „schaurige Geheimnisse“ der Stadthistorie, den der Dresdner Buchverlag bereits im Frühjahr veröffentlicht hat. Bücher wie diese beweisen nach Ansicht von Verlegerin Katharina Salomo recht deutlich, dass „Regionalia“ – also Bücher mit starkem lokalen oder regionalen Bezug – zu unrecht als verstaubt gelten: „Diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wollen wir korrigieren“, betonte sie. Regionalia wie die von Sempf und Zahn seien spannend und gut recherchiert.

Krähenbeißer, Minuten-Poeten und Vivaldi

Neben Sachbüchern hat sich der Dresdner Buchverlag zudem auch Belletristik von Autoren aus dem Raum Dresden im Portefeuille, die meist deutlich den regionalen Rahmen sprengen. So erscheint im Herbst Ulf Großmanns „Bescherung“, eine Sammlung satirischer Geschichten. Ebenfalls im Herbst erzählt Wiete Lenk in „Krähenbeißer“ 21 schicksalhafte Geschichten. Auch die Publikation von Jens-Uwe Sommerschuhs unterhaltsamen Kolumnen geht weiter und mündet nun in „Das zweite Buch Vivaldi“. Und die Sozialpädagogin und Slammerin Kaddi Cutz hat im Dresdner Buchverlag jetzt einen Erzählband unter dem langen Titel „Warum ich meistens keinen Freund habe – und wenn, dann nur kurz“ veröffentlicht.

Willi Hetze. Foto: privat / Facebook-Profil

Willi Hetze. Foto: privat / Facebook-Profil

Hetze im Herz der Schwarmintelligenz

Mit einiger Spannung darf man auch auf „Die Schwärmer“ von Willi Hetze warten. Sein Roman-Debüt und soll im Frühjahr 2018 erscheinen. „Ich sitze gerade über den letzten 20 Seiten“, verriet Hetze auf Nachfrage. „Die Schwärmer“ beruhen lose auf seiner bereits veröffentlichten kafkaesken Kurzgeschichte „Das Unbegreifliche der Katzenwege“. Im größeren Roman-Format begibt er sich an die Quelle und die Basis der vielzitierten „Schwarmintelligenz“. Auch das Unbegreifliche werde dann endlich aufgedeckt, verspricht er.

Autor: Heiko Weckbrodt

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