Bücherkiste, Geschichte, zAufi
Schreibe einen Kommentar

„Die Wirtschaft muss man militärisch führen“

DDR-Staatssekretär Karl Nendel sieht sich als "General der Mikroelektronik" - und hat damit seine Autobiografie übertitelt. Repro: hw

DDR-Staatssekretär Karl Nendel sieht sich als „General der Mikroelektronik“ – und hat damit seine Autobiografie übertitelt. Repro: hw

Karl Nendel, der ehemalige „General“ der DDR-Mikroelektronik, packt in seiner Autobiografie aus

Im eigenen Verständnis ihrer Lenker war die DDR-Ökonomie eine Planwirtschaft, im Verständnis vieler westdeutscher Kritiker war sie eine Kommandowirtschaft. Die neuere Forschung spricht eher von einer Zentralverwaltungswirtschaft. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo in der Mitte. Dass das Wort von der „Kommandowirtschaft“ aber mehr als bloße Polemik ist, untermauert nun einer der damaligen Protagonisten und Strippenzieher: Der ehemalige DDR-Staatssekretär Karl Nendel hat unter dem bezeichnenden Titel „General der Mikroelektronik“ aufgeschrieben, wer er Betriebsdirektoren auf Plan-Linie brachte, hoch Aufgestiegene zu Fall brachte und die Entwicklung des Megabit-Chips, des 32-Bit-Prozessors und anderer SED-Prestigeprojekte vorwärtspeitschte.

„Der Henker vom Alex“

„Obwohl ich nie beim Militär gedient habe, war und bin ich der Meinung, dass man die Wirtschaft militärisch führen muss“, formuliert er sein Credo. Und tatsächlich spiegelt sich dieses Bekenntnis auch in vielen Berichten und alten SED-Akten: Nendel prägte sich in der Honecker-Ära vielen Funktionären und Ingenieuren in den Bezirken als eine Art Feldwebel von SED-Wirtschaftslenker Günter Mittag aus Berlin ein. Hinter seinem Rücken wurde er gelegentlich gar (wegen seines Dienstsitzes im Haus der Elektronik am Berliner Alexanderplatz) „der Henker vom Alex“ genannt. Noch heute kokettiert er mit dieser Furcht, die er einflößte. „Eine gewisse Kaltschnäuzigkeit“ habe er sich tatsächlich zugelegt, räumt der wenig beliebte Staatssekretär ein, der selbst Kombinats-Generaldirektoren absetzen durfte, wenn er mit deren Planerfüllung unzufrieden war.

Günter Mittag. Abb.: Bundesarchiv/Wikipedia

Günter Mittag. Abb.: Bundesarchiv/Wikipedia

Sozialer Aufstieg wurde in der Währung „Loyalität zum System“ bezahlt

Er habe sich immer als „Macher“, ja als „Machtmensch“ gesehen, schreibt Nendel, der aus eher ärmlichen Verhältnissen zu einem der einflussreichsten Apparatschiks unterhalb des Politbüros aufstieg. Diese soziale Mobilität war eben auch typisch für die frühe DDR – und verpflichtete die Aufsteiger ganz und gar „dem System“.

Nendel komplettiert historische Puzzles

Interessant ist Nendels Buch indes nicht nur wegen der Schlaglichter auf die „Denke“ vieler hohen Entscheider von Partei- und Staatsführung. Durch sein Detailwissen um Hintergründe macht er Entscheidungsprozesse, die aus bloßem SED-Aktenstudium schwer nachvollziehbar sind, verständlich. Und jeder Historiker weiß, dass es manchmal diese erst diese kleinen Puzzleteile aus persönlichen Berichten sind, die ein Bild erst zusammenfügen.

Da ist die Freude groß: 1988 drückt Carl-Zeiss-Jena-Chef Wolfgang Biermann (Mitte) Erich Honecker den Megabit-Chip in die Hand. Abb.: ZMD-Archiv

Da ist die Freude groß: 1988 drückt Carl-Zeiss-Jena-Chef Wolfgang Biermann (Mitte) Erich Honecker den Megabit-Chip in die Hand. Abb.: ZMD-Archiv

Mittag-Schwiegersohn Biermann riss sich Megabit-Projekt unter den Nagel

Zum Beispiel, warum das Politbüro das Megabit-Projekt nicht dem Kombinat Mikroelektronik Erfurt übertrug, sondern samt dem „Zentrum Mikroelektronik Dresden“ (ZMD) dem Optik-Kombinat Carl Zeiss Jena: Mittags Schwiegersohn und Lieblings-Generaldirektor Wolfgang Biermann hatte sich regelrecht darum gerissen, Rüstungs-Aufträge loszuwerden und das prestige- und milliardenträchtige Megabit-Programm übernehmen zu können. Letztlich hätten aber nicht die verwandtschaftlichen Beziehungen zu Mittag den Ausschlag gegeben, betont Karl Nendel, sondern Biermanns Versprechen, den Megabit-Chip schneller als Mikroelektronik-Generaldirektor Heinz Wendler zu liefern – was dem Zeiss-Chef auch gelang.

Abenteuer Bagdad-Bahn wurde für DDR ein Minusgeschäft

Auch war Nendel an eher abenteuerlichen Auslandsprojekten beteiligt wie dem Weiterbau der Bagdadbahn im Irak. Zwar schaffte er es, die Arbeiter wieder auf Plansoll zu bringen – aber zu so hohen Preisen, dass das gesamte Projekt für die DDR zu einem Devisen-Desaster wurde. Dieses Beispiel mag man auch als Indiz dafür nehmen, dass Nendels so geliebte Kommandowirtschaft eben nur im „geschlossenen“ System DDR auch nur halbwegs funktionieren konnte – politisch ungeschützt funktionierte dieser Kommandostil nur höchst ineffektiv.

Fazit: Faszinierend für zeitgeschichtlich Interessierte

Nendels Autobiografie ist für den zeitgeschichtlich Interessierten eine Fundgrube aus Insider-Wissen über die DDR-Wirtschaft und vor allem über die letztlich gescheiterte Mikroelektronik-Aufholjagd der 1980er Jahre. Unkritisch sollte man aus dieser Quelle allerdings nicht trinken, denn sie speist sich aus der Sichtweise eines Apparatschiks, der ganz und gar mit dem SED-System verwoben war. Schade im Übrigen, dass der Autor kein Personen- oder Stichwortregister angefügt hat. Dies würde den Nutzwert für den Historiker erhöhen.

Autor: Heiko Weckbrodt

  • Karl Nendel: General der Mikroelektronik – Autobiografie, Edition Berolina / DEBUG, Berlin 2017, 238 Seiten, ISBN 978-3958410756, analoge Ausgabe: 20 Euro, e-Buch: 15 Euro

Werbung:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.