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Die Erde als Turnierplatz: Wie Europa die Welt eroberte

24-pfündige Kanone an der Mauerbrüstung der Festung Königstein. Im Hintergrund die barocke Friedrichsburg. Foto: Peter Weckbrodt

24-pfündige Kanone an der Mauerbrüstung der Festung Königstein. Ein unerbittliches Innovationstempo in der  Feuerwaffen-Technologie beflügelte die europäische Expansion in der frühen Neuzeit. Foto: Peter Weckbrodt

US-Wirtschaftshistoriker Hoffman erklärt Expansion der Europäer mit einem Wettbewerbsmodell

Wie konnte ein Hasardeur wie Pizarro mit nur 167 Soldaten das mächtige Inka-Reich zu Fall bringen? Wie schafften es vergleichsweise kleine europäische Staaten wie die Niederlande und Portugal, sich ein Weltreich in Asien, Amerika und Afrika zusammenzuraffen? Wie vermochten es eher bescheidene Armeen der Spanier, Engländer, Franzosen und Portugiesen, ganz Amerika zu unterjochen? In seinem faszinierenden interdisziplinären Sachbuch „Wie Europa die Welt eroberte“ geht der US-Wirtschaftshistoriker Philip T. Hoffman eben diesen Fragen nach – und kommt zu teils überraschenden Schlüssen.

Die Zeitleiste verdeutlicht, dass anfangs keineswegs die Europäer die Nase vorn hatten. Abb. aus: P. Hoffman: wie europa die Welt eroberte

Die Zeitleiste verdeutlicht, dass anfangs keineswegs die Europäer die Nase vorn hatten. Abb. aus: P. Hoffman: wie Europa die Welt eroberte

Wer hat’s erfunden? Die Chinesen

Sinniert haben eigentlich schon viele Politiker, Historiker und Militärexperten über die tieferen Gründe für die globale Dominanz der Europäer, die bis heute nachwirkt – und über den „Mittler“ USA immer noch Bestand hat. Schon die Zeitgenossen der europäischen Expansion waren sich weitgehend darin einig, dass all dies irgendwie mit den Feuerwaffen der Europäer zusammenhing. Aber erfunden hatten die Schießpulver-Technologie eigentlich die Chinesen. Und nach dem Fall von Westrom hinkte Europa jahrhundertlang eigentlich in fast allen zivilisatorischen Disziplinen hinter Byzanz, China, Indien, den Mauren und anderen Völkern hinterher. Woher also kam die Überlegenheit der europäischen Söldner, Soldaten, Händler und Abenteurer, die mit Mini-Heeren Riesenreiche in die Knie zwangen?

Frühe Feuerwaffe, ca. 1411. Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Repro aus: Hoffman: Wie europa die welt eroberte

Frühe Feuerwaffe, ca. 1411. Quelle:Österreichische
Nationalbibliothek, Wien, Repro aus: Hoffman: Wie Europa die Welt eroberte

Lokale Warlords setzten auf Sieg winziger Conquerer-Trupps

Bereits in der Vergangenheit hatten Kollegen von Hoffmann auf einige Gründe hingewiesen: So schleppten die Europäer zum Beispiel in Südamerika Krankheiten ein, gegen die die Indios keine Immunität entwickelt hatten. Auch nutzten sie die Uneinigkeit der indigenen Völker und konnten dadurch enorm viele Hilfstruppen an sich binden. Auf ein Bündnis mit den rosafarbenen Menschen von jenseits der Meere ließen sich lokale Warlords aber nur ein, weil sie die Siegchancen der Europäer als hoch einschätzten, argumentiert Philip Hoffman. Und dies erreichten Söldnerführer wie Pizarro oder Cortez eben nicht nur durch starke Kanonen und Handfeuerwaffen, sondern auch durch eine überlegene Kriegstaktik und besser gedrillte Krieger. „Ende des 17. Jahrhunderts gerieten die Chinesen, die Japaner und auch die Osmanen in puncto Militärtechnik und -taktik gegenüber Westeuropa ins Hintertreffen“, betont Historiker Hoffman. „Mit dem unerbittlichen Tempo der militärischen Innovationen, das die Europäer vorlegten, konnte keines dieser Volker Schritt halten.“

Moderne europäische Segelschiffe wie die "Soleil Royal" hatten drei Kanonendecks, um feindliche Schiffe aus der Ferne manövrierunfähig zu machen - statt sie zu rammen oder direkt zu entern, wie es die älteren Ruder-Kriegsschiffe zum Beispiel der Türken noch lange im Mittelmeer taten. Foto (bearbeitet, freigestellt): Heiko Weckbrodt

Moderne europäische Segelschiffe wie die „Soleil Royal“ hatten drei Kanonendecks, um feindliche Schiffe aus der Ferne manövrierunfähig zu machen – statt sie zu rammen oder direkt zu entern, wie es die älteren Ruder-Kriegsschiffe zum Beispiel der Türken noch lange im Mittelmeer taten. Foto (bearbeitet, freigestellt): Heiko Weckbrodt

Ab 16. Jahrhundert wurde Europa zur Weltrüstungsschmiede

Ein Indiz dafür seien die globalen Waffenexport-Ströme: Schon vor der ersten industriellen Revolution, nämlich ab dem 16. Jahrhundert, exportierte Westeuropa „Feuerwaffen und Artillerie in alle Welt, und in Asien und dem Nahen Osten rekrutierte man europäische Experten, die den Einheimischen helfen sollten, Feuerwaffen herzustellen, und ihnen auch die entsprechenden Kriegstaktiken zu vermitteln“.

Ständiger Krieg, hohe Technologie-Ausgaben und Ruhmsucht begünstigten Innovations-Führerschaft

Hoffman erklärt dieses Innovationstempo mit einem „Turniermodell“. Demnach mussten mehrere Bedingungen über einen längeren Zeitraum erfüllt sein, damit eine Region in der Feuerwaffen-Technologie die weltweite Führung übernehmen konnte: Erstens mussten die Gegner nahezu ständig Kriege mit Feuerwaffen austragen. Zweitens waren enorme Ausgaben für die Weiterentwicklung dieser Technologie notwendig. Die Abwehr von Reitervölkern mit eher traditionellen Waffentechnologien – wie etwa in Russland und China – durfte also nicht allzuviel Rüstungsausgaben binden. Auch mussten die kämpfenden Fürsten und Regierungen durchweg recht niedrige politische und finanzielle Kosten für Aufrüstung und Kriegsführung haben. Und besonders wichtig: Ein sehr wertvoller Gewinn rechtfertigte den hohen Ressourcen-Einsatz.

Die Wettiner - hier auf dem Dresdner Fürstenzug - sammelten in Jahrhunderten unermessliche Schätze an. Repro: Kolossos, Wikipedia

Die Wettiner – hier auf dem Dresdner Fürstenzug – sammelten in Jahrhunderten unermessliche Schätze an. Repro: Kolossos, Wikipedia

Der fähige Souverän ist ein kämpfender Souverän

Dabei musste der Wert des Gewinns lediglich subjektiv, also in den Augen des jeweiligen Königs, Herzogs oder Handels-Patriarchen – wertvoll sein: Dabei konnte es sich um einen zu erobernden Handelsposten oder erzreichen Landstrich handeln wie auch „nur“ um das Prestige, als Verteidiger des „rechten“ Glaubens dazustehen oder als starker König zu wirken. Denn dieses Konzept, um Ruhm zu wetteifern, so argumentiert Hoffmann, sogen die Monarchen Westeuropas schon mit der Muttermilch auf: Nur wer sich im Kampfe besonders hervortat, galt als fähiger Souverän.

Philip T. Hoffman. Abb.: Theiss-Verlag

Philip T. Hoffman. Abb.: Theiss-Verlag

Philip Hoffman (Wirtschaftshistoriker):

Könige und Fürsten wuchsen in einem äußerst martialisch geprägten Umfeld auf. Sie bekämpften einander schon als Kinder mit Spielzeugpiken und -musketen, als Jugendliche wurden sie dann an den echten Waffen ausgebildet.

Im Alter von 7 Jahren eroberte der spätere König Philipp IV. von Spanien eine Miniaturburg mit einer riesigen Armee von Spielzeugsoldaten, die das Heer darstellte, das sein Vater in den Spanischen Niederlanden unterhielt. Und sein französischer Amtskollege, der spätere Ludwig XIII., durfte schon mit 8 Jahren die Spielzeugwaffen und -kriegsschiffe im Kinderzimmer lassen und echte Musketen abfeuern. Als sie älter wurden, erfuhren die Fürsten von ihren Vätern, dass allein der Krieg der Weg zum echten Ruhm war.“

Philip Hoffman im Video:

Zersplittertes Europa ohne Hegemon war idealer Nährboden

Und dieses martialische Wettbewerbs-Weltbild übertrug sich später auch auf Akteure jenseits der Krone, auf expansive Handelsgesellschaften ebenso wie bürgerlich verfasste Staaten. Dass aber dieses blutige „Turnier“ von den Europäern über Jahrhunderte hinweg kein Ende fand, hing wiederum mit der politischen Geschichte des „Abendlandes“ zusammen: Große Teile Europas blieben bis in die Neuzeit hinein zersplittert. Anders als in China oder Japan siegte hier kein Hegemon, der den Wettbewerb abgewürgt hätte.

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Christentum sog Technologie-Zivilisation der Römer auf

Politische Kosten dehnbar

Manches Glied in dieser Argumentations-Kette mag etwas schwach wirken: Dass zum Beispiel Europas Turnierteilnehmer, die Fürsten, durchweg vergleichbare und eher niedrige politische Kosten pro ausgehobenem Soldat hatten, hängt stark davon ab, wie man diese politischen Kosten definiert. Auch der „wertvolle Gewinn“ in Hoffmans Turniermodell ist deutungsfähig.

Autor zerpflückt manche Annahme mit Zahlen

Auf der anderen Seite hat der Autor einen vorbildlichen Aufwand betrieben, um Vermutungen zu überprüfen – und dies auch quantitativ. Da zahlt sich aus, dass Hoffman eben nicht nur Historiker mit einem beneidenswertem, Weltwissen ist, sondern auch wirtschaftswissenschaftliche Methodik beherrscht. Wie lange befanden sich beispielsweise die Europäer, Inder und Chinesen tatsächlich im permanenten Kriegszustand? Wie entwickelte sich der Musketen-Preis in verschiedenen Weltregionen? Wie unterschiedlich groß war das Risiko für einen Fürsten in Europa oder in Asien, nach einem verlorenen Krieg Kopf und/oder Krone zu verlieren? Wie hoch besteuerten Großmächte in und außerhalb Europas ihrer Untertanen, um ihre Kriege und Rüstung zu finanzieren? Hoffman hat sich tatsächlich die Arbeit gemacht, um anhand des (oft nicht allzu dichten) Quellenmaterials vergleichbare Vergleichszahlen und Tabellen zu erarbeiten. Schon allein dafür gebührt ihm ein dickes Lob.

Abb.: Theiss-Verlag

Abb.: Theiss-Verlag

Fazit: Turniermodell mit Überzeugungskraft

Und generell gilt: Vielleicht mag man Hoffmans Argumentations-Strängen nicht immer folgen. Aber sein Turniermodell hat Charme und Überzeugungskraft. Und es liefert schlüssige Erklärungen dafür, warum Europa letztlich große Teile der Welt zu unterjochen vermochte, obwohl Chinesen und Japaner einige Feuerwaffen-Technologien sogar früher entwickelt hatten. Auch das Heute und Jetzt vermag Hofmanns Modell zu interpretieren: Mit den beiden Weltkriegen kamen die waffentechnologischen Innovationswettläufe in Europa nahezu zum Stillstand. Danach wirkten mit den USA und der UdSSR zwei Supermächte als Hegemone für die gesamte Welt, die es bis dahin in Europa nicht gegeben hatte. Und diese beiden Hegemonialmächte beenden für die meisten anderen Staaten das Dauerturnier um Ruhm, Eroberung und die besten Waffentechnologien.

Hoffman: „Die meisten westeuropäischen Mächte konnten es mit diesen beiden Ungetümen unmöglich aufnehmen, und so taten sie genau das, was wir auf Basis unseres Turniermodells erwarten wurden: Sie saßen das Wettrüsten des Kalten Kriegs schlichtweg aus.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Autor: Philip T. Hoffman

Titel: „Wie Europa die Welt eroberte“

1. Ausgabe: Theiss-Verlag 2017

Umfang: 336 Seiten mit 15 s/w Abbildungen

Preis: 25 Euro

ISBN: 9783806234763

Leseprobe: hier

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