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Reise zu den Männelmachern

So ein Zoologischer Garten erfreut seit jeher jedes Kinderherz. Foto: Peter Weckbrodt

So ein Zoologischer Garten erfreut seit jeher jedes Kinderherz. Foto: Peter Weckbrodt

Oigers Wochenendtipp: Museum Pirna zeigt Spielzeug aus dem Erzgebirge

Pirna, 6. Januar 2017. Das Weihnachtsfest und die Wende zum Jahr 2017 sind Geschichte, bei einigen Discountern schaut schon der Osterhase etwas verfrüht um die Ecke. Wir starten unsere Planung für das erste Wochenende im neuen Jahr nicht gleich mit einem Paukenschlag, wir machen eine wenig anstrengende „Reise zu den Männelmachern“. So benannt ist die seit dem 26. November 2016 gezeigte aktuelle Sonderausstellung des Stadtmuseums Pirna.

Sie stellt frühe Weihnachts- und Spielzeugfiguren aus dem Erzgebirge vor. Neun Sammler haben Teile ihrer Sammlung für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, natürlich in der Hoffnung, dass sich die Besucher von der Besonderheit dieser ursprünglichen Volkskunst gefangen nehmen lassen. „Auch wenn der Zauber, der von alten Weihnachtsfiguren ausgeht, für manch einen durch das ehrwürdige alte, die besondere Seltenheit oder gar den Marktwert entsteht, so ist er für Menschen, die einer bestimmten Art des Sehens fähig sind, doch vor allem in der ganz eigenen künstlerischen Gestalt begründet.“, lässt es uns Joachim Riedel, ein bedeutender Kenner historischer erzgebirgischer Figuren und mehrfacher Buchautor zum Thema, wissen.

Pyramiden und Räuchermänner gehören zu den traditionellen erzgebirgischen Volkskunsterzeugnissen. Foto: Peter Weckbrodt

Pyramiden und Räuchermänner gehören zu den traditionellen erzgebirgischen Volkskunsterzeugnissen. Foto: Peter Weckbrodt

Lichterfiguren, Räuchermänner, Nussknacker, Pyramiden – sie alle gehören heute fast so selbstverständlich zu unserer weihnachtlichen Festkultur wie der geschmückte Tannenbaum. Kaum vorstellbar, aber die meisten dieser schönen dinge waren vor reichlich einhundert Jahren außerhalb des Erzgebirges so gut wie unbekannt.  Kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert überquerten unsere hölzernen Freunde die Grenzen des Erzgebirges und schwärmten bis nach Übersee aus. Mit den Weihnachtsfiguren entwickelte sich auch die Spielzeugfabrikation in Seiffen und Olbernhau. Heute ist die Kunst der erzgebirgischen Drechsler und Schnitzer in aller Welt bekannt.

Einer schöner als der andere sind die aus Sammlungen bereitgestellten Engel. Foto: Peter Weckbrodt

Einer schöner als der andere sind die aus Sammlungen bereitgestellten Engel. Foto: Peter Weckbrodt

Aus Bergleuten wurden Schnitzer

Dabei war der Ausgangspunkt für das Werden und Wachsen dieser Volkskunst schlicht durch bittere Armut gesetzt worden: Das Erzgebirge wurde über jahrhunderte durch den Bergbau geprägt. Er war die Lebensgrundlage der hier wohnenden Menschen. Mit dem Erschöpfen der Silbervorräte und dem damit verbundenen Niedergang des Bergbaus waren zunächst Nebenverdienste nötig, später dann mussten die Bergleute umsatteln. Aus Bergleuten wurden Männelmacher.

Das Stadtmuseum im ehemaligen Dominikanerkloster. Foto: Peter Weckbrodt

Das Stadtmuseum im ehemaligen Dominikanerkloster. Foto: Peter Weckbrodt

In der Sonderausstellung sehen wir die ersten Lichterfiguren, die etwa Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Zu den bekanntesten zählen Engel und Bergmann. Sie sind ein Ausdruck für die Sehnsucht nach dem Licht, das die Bergleute bei ihrer Arbeit in der Dunkelheit vermissen mussten. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in Dresden und in der Region der Brauch etabliert, zu Weihnachten den Jungens schon in ihren ersten Lebensjahren einen Bergmann, den Mädchen einen Engel zu schenken zu Weihnachten.

An der Herstellung der Weihnachtsfiguren wirkte stets die ganze Familie arbeitsteilig mit. das führte zu Spezialisierungen. Auch zwischen den Familien eines Ortes kam es zu Entwicklung eigener Formensprachen. Wir erkennen meist problemlos, welche bestimmte Art von Engel beispielsweise von Wendt & Kühne aus Grünhainischen kommt. Faszinieren können uns aber auch die vielfältigen Arten der Verpackung von Spielzeug: wir entdecken zarte Spanschachteln aber auch stabile Holzbaukästen oder gar eine komplette Archenoah, die einen ganzen Zoologischen Garten in ihrem Inneren verbirgt.

Auch in Spanschachteln verpackt werden die Spielzeuge verschickt. Foto: Peter Weckbrodt

Auch in Spanschachteln verpackt werden die Spielzeuge verschickt. Foto: Peter Weckbrodt

Wir lernen über die Grenzen des Erzgebirges inzwischen schon bestens bekannte Männelmacher-Familienbetriebe kennen. Die Familie Timmel ist in der siebenten Generation in Kühnhaide ansässig. Fürchtners aus Seiffen arbeitetn in der sechsten Generation in Sachen Volkskunst. Nicht wenige Dresdner Familien pflegen sorgfältig schon in DDR-Zeiten bei der Suche nach dem begehrten „Knacki“ (Nussknacker) auf gebaute Kontakte und  Freundschaften zu Männermacherfamilien bis in unsere Zeit hinein. Eine Zeit, die von einem geradezu überbordenden Angebot erzgebirgischer Volkskunsterzeugnisse geprägt ist.

Wir sollten die Gelegenheit packen, auch der Dauerausstellung des Stadtmuseums unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Schon die Anschrift „Klosterhof 2“ hat uns avisiert, dass wir ab sofort auf zutiefst historischem Boden, auf im Mittelalter errichteten Klosterräumen uns bewegen. Das Areal im ehemaligen Dominikanerkloster ist eines der ältesten im Freistaat Sachsen. Die Ausstellungen befinden sich seit 1923 im Kapitelsaalgebäude. Sie sind dem Elbsandstein und der Geschichte der Stadt Pirna gewidmet.

Bereits der Kassenbereich beeindruckt uns, das wird sich beim nachfolgenden Passieren des für Konzerte und Vorträge genutzten Kapitelsaal mit seinem bildschönen Kreuzrippengewölben noch vertiefen. Hier finden wir Tafeln, die uns sowohl mit der Geschichte des Klosters wie auch der Geschichte des Bauwerks vertraut machen. In den zur Geschichte der Stadt Pirna gestalteten Ausstellungsräumen finden wir eindrucksvolle Veduten, also Ansichten,  der Stadt Pirna aus der Hand Canalettos ebenso, wie originale Zeugnisse aus der Zeit der Besetzung der Stadt durch den Franzosenkaiser Napoleon. Es ist keine allzu große, dafür aber eine richtig feine Ausstellung.

Besucherinformationen

Sonderausstellung „Reise zu den Männelmachern“ bis zum 19. Februar 2017 im Stadtmuseum Pirna, Klosterhof 2, 01796 Pirna; Tel.: 03501- 556 451; Di bis So 10-17 Uhr; Eintritt. Erw. 4 Euro, Erm. 3 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei;

Vortrag am 8. Februar 19 Uhr: 2Der Spielwarenverlag Hetze in Seiffen als Beispiel des Verlagswesen im Erzgebirge“, Vortragender; Dr. Albrecht Kirsche, Nachfahre des Verlegers.

Nächste Galeriekonzerte am 28. Januar, 18. Februar und 121. März jeweils 19 Uhr.

https://www.pirna.de/Ausstellungen.4149/

 

 

 

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[caption id="attachment_67607" align="alignleft" width="117"]Peter Weckbrodt. Foto: IW Peter Weckbrodt. Foto: IW[/caption]Peter Weckbrodt hat ursprünglich Verkehrswissenschaften studiert, wohnt in Dresden und ist seit dem Rentenantritt journalistisch als freier Mitarbeiter für den Oiger und die Dresdner Neuesten Nachrichten tätig.

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