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Aufschwung in Sachsen flaut ab

Rammten heute die ersten Schaufel in die Erde für die neue Elektro-Tankstelle der VW-Manufaktur Dresden: (von links) Kai Siedlatzek (Finanz-Geschäftsführer, VW-Sachsen), Thomas Aehlig (Betriebsratsvorsitzender), Oberbürgermeister Dirk Hilbert, VW-Projektleiter Dietmar Eichler, Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Foto: Volkswagen/Floß

Foto: Volkswagen/Floß

Sächsischer Rufschaden aber bisher „nur“ auf Tourismus spürbar durchgeschlagen

Dresden, 21. Dezember 2016. Der fremdenfeindliche Schatten, der durch Pegida & Co. auf Sachsens Ruf in Deutschland gefallen ist, hat bislang die Investitionsbereitschaft externer Unternehmen nicht spürbar gedämpft. Das hat Prof. Joachim Ragnitz von der Dresdner Niederlassung des ifo-Instituts auf Oiger-Anfrage eingeschätzt.

Zwar seien die negativen Effekte für den Tourismus in Ostsachsen deutlich, betonte der Wirtschaftsforscher. Doch seien ihm nur Einzelfälle bekannt geworden, in denen Investoren Projekte im Freistaat unter Verweis auf das verschlechterte Image von Sachsen und Dresden abgeblasen hätten. „Viele Unternehmen investieren langfristig hier und dies vor allem, weil die Standortbedingungen gut sind.“ Allerdings dürfe man die jüngeren Image-Probleme von Ostsachsen auch nicht kleinreden: Vor allem Dresden müsse an seinem Ruf arbeiten, um die touristischen Einbußen auszubügeln.

Die BIP-Entwicklung in Sachsen, deutschland udn Ostdeutschland bewegt sich seit geraumer Zeit parallel. Abb.: ifo Dresden

Die BIP-Entwicklung in Sachsen, deutschland udn Ostdeutschland bewegt sich seit geraumer Zeit parallel. Abb.: ifo Dresden

Ifo Dresden rechnet für 2017 mit nur noch 1,4 % Wirtschaftswachstum

Insgesamt aber werde sich die Konjunktur im Freistaat im kommenden Jahr tatsächlich abkühlen, prognostizieren Ragnitz und seine ifo-Kollegen: Statt mit 1,7 Prozent wie in diesem Jahr rechnen sie für 2017 mit nur noch 1,4 Prozent Wirtschaftswachstum in Sachsen. Zum Vergleich: Die gesamte ostdeutsche Wirtschaft wird demnach mit einer Rate von 1,3 Prozent leicht unter dem Sachsen-Wert liegen, Deutschland insgesamt mit 1,5 Prozent leicht darüber. Auch die Impulse am Arbeitsmarkt werden sich laut ifo-Dresden-Prognose abschwächen: Legte die Zahl der Erwerbstätigen in Sachsen in diesem Jahr um etwa ein Prozent zu, ist für 2017 nur noch mit einem zarten Plus von 0,6 Prozent zu rechnen.

Die wichtigsten Zielländer für sächsische Importe. Abb.. ifo Dresden

Die wichtigsten Zielländer für sächsische Importe. Abb.. ifo Dresden

Unternehmer über Trump und Brexit verunsichert

Verantwortlich für diese abflauende Konjunktur sind aber nicht so sehr lokale Effekte wie der Zorn vieler Auswärtiger über Pegida und fremdenfeindliche Vorkommnisse in Ostsachsen. Vereinfacht gesagt, ziehen vor allem der Populist Donald Trump, der Brexit des Vereinigten Königreichs aus der EU, die Lage in Italien und andere weltpolitische Entwicklungen Sachsen mit „herunter“.

Unsicherheit zieht Sachsens Industrie mit herunter

Dabei spielt Psychologie eine große Rolle: Viele Unternehmer sind unsicher, welche Politik der neue US-Präsident einschlägt, wie es mit EU und Euro weitergeht. Sie zögern daher, in ihre Fabriken zu investieren. Dies aber bremst die sächsische Industrie aus. Denn die ist – für ostdeutsche Maßstäbe – recht stark darin, Investitionsgüter herzustellen.

Brexit-Sorgen ernst nehmen

Insbesondere die Brexit-Sorgen müsse man auch ernst nehmen, meint Ragnitz: „In Sachsen wird zwar immer viel erzählt, wie sehr uns das Russland-Embargo schade. Aber das sind nur 2,4 Prozent aller sächsischen Ausfuhren.“ Dagegen sei Großbritannien mit einem Anteil von 5,7 Prozent eines der wichtigsten Zielländer für sächsische Exporte, vor allem der Automobilindustrie.

Automobilbranche wieder im Aufwärtstrend?

Der wiederum trauen die ifo-Ökonomen nun wieder stützende Effekte für die sächsische Wirtschaft zu: Hatte die Automobil-Branche im Freistaat in diesem Jahr vor allem durch das Embargo von VW-Zulieferern und durch den Abgas-Skandals zeitweise dramatische Umsatzeinbußen hinnehmen müssen (Juni 2016: minus 44 % zum Vorjahresmonat!), schätzt Ragnitz die Aussichten für 2017 eher optimistisch ein. Nicht zuletzt auch die hohen Investitionen von Daimler in das Batteriewerk in Kamenz und der Neustart für die VW-Manufaktur in Dresden werden seiner Meinung nach bald die Autobranche und damit auch große Teile der Nachbarindustrien in Sachsen beleben.

Binnennachfrage gleicht Außenhandels-Schwäche aus

Vor allem aber die private Binnennachfrage und der Wohnungsbau sorgten schon 2016 für starke Konjunktur-Impulse und werden dies voraussichtlich auch 2017 wieder tun, meinen die Ifo-Forscher.

Sächsische Mikroelektronik auf Talfahrt: 9,3 % weniger Umsatz

Auf Talfahrt war 2016 dagegen die sächsische Mikroelektronik, die vor allem im Dresden konzentriert ist: Fast jeder zehnte Euro Umsatz ging bis zum Herbst in der Chipbranche im Freistaat verloren. Wie es hier weitergeht, ist noch schwer abzuschätzen.

Braunkohle-Schwarzmalerei in der Lausitz überzogen

Derweil hält Ragnitz aber die weitverbreitete Schwarzmalerei über die Zukunft der Lausitz für überzogen: Zwar sei absehbar, dass die Braunkohle-Verstromung in naher Zukunft begrenzt werde – mit negativen Wirkungen für die Tagebaue und Kraftwerke in der Region. Dies werde indes die brandenburgische Lausitz viel härter treffen als die sächsische: „Die Wirtschaft in der südlichen Lausitz hat sich inzwischen gut diversifiziert und nach Dresden ausgerichtet“, sagte Ragnitz. „Deshalb bin ich für die sächsische Lausitz gar nicht so pessimistisch.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Umsatz Autoindustrie und Mikroelektronik in Sachsen

(Tabelle: ifo Dresden)

  Umsatz in EuroDifferenz zum Vorjahresmonat (in Euro)Wachstum zum Vorjahresmonat
  FahrzeugbauMikroelektronikFahrzeugbauMikroelektronikFahrzeugbauMikroelektronik
2015Januar1538689228789 
 Februar1786858257894 
 März1579351277322 
 April1482984249360 
 Mai1764381341708 
 Juni1752049400659 
 Juli1331975256066 
 August1748436248706 
 September1755654397064 
 Oktober1621797224871 
 November1303378301976    
 Dezember1317690488882    
2016Januar1665577198491126888-302988,2%-13,2%
 Februar1727553282915-5930525021-3,3%9,7%
 März162316429793043813206082,8%7,4%
 April150533923230622355-170541,5%-6,8%
 Mai1548034256277-216347-85431-12,3%-25,0%
 Juni977731277860-774318-122799-44,2%-30,6%
 Juli1553286245899221311-1016716,6%-4,0%
 August1661050300793-8738652087-5,0%20,9%
 September1505088318950-250566-78114-14,3%-19,7%
 Oktober   
 November      
 Dezember      
        
 gesamter Zeitraum Jan-Sep.  -973555-246147-6,6%-9,3%

1 Kommentare

  1. Bernd Junghans sagt

    Niedergang der sächsischen Mikroelektronik kann abgeschätzt werden
    Es ist ja nicht so, dass der Einbruch der Mikroelektronik in Sachsen völlig unerwartet kam. Wenn entscheidende Produzenten der Mikroelektronik (GlobalFoundries, IDT/ZMDI, … ) Personal abbauen und Investition in die Zukunft nicht vornehmen, gleichzeitig international renommierte Entwicklungszentren (INTEL, ATMEL) in Dresden schließen, kann man doch nicht davon träumen, dass die Umsätze wieder steigen. Solange im sächsischen Wirtschaftsministerium die Angst vor der Nichtbeachtung neoliberaler Ordnungspolitik größer ist als die Angst vor dem Absturz der sächsischen Mikroelektronik in die völlige Bedeutungslosigkeit, solange kann man getrost abschätzen, dass der Einbruch im neuen Jahr und darüber hinaus seine Fortsetzung findet.

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